Zusammenfassung
Die Wechseljahre werden nicht als Krankheit definiert, sondern als natürlicher biologischer Prozess. Trotzdem bleibt das Thema in vielen Arbeitsumgebungen tabuisiert, Konzepte und Unterstützung gibt es kaum. Mehr als ein Drittel der Frauen in einer großen Befragung gab an, wegen Wechseljahresbeschwerden schon mehrfach der Arbeit ferngeblieben zu sein. Weltweit entsteht durch den entstehenden Produktivitätsverlust ein Schaden von rund 150 Milliarden US-Dollar.
Auf einen Blick
- Arbeitskraft betroffen
- 11 % der Erwerbstätigen in UK sind Frauen im Wechseljahresalter
- Erwägen Job-Reduzierung
- Rund die Hälfte der betroffenen Frauen
- Arbeitgeber-Unterstützung (DE)
- Nur 10 %, Schlusslicht im internationalen Vergleich
- Offenheit gegenüber Vorgesetzten
- Nur 25 % nennen den wahren Grund für ein Fehlen
Die Herausforderungen der Menopause am Arbeitsplatz
Die Wechseljahre bringen eine Vielzahl von Symptomen mit sich, die das Wohlbefinden am Arbeitsplatz und die Arbeitsleistung beeinträchtigen können: Hitzewallungen, Schlafstörungen und daraus resultierende Müdigkeit, Stimmungsschwankungen und Gereiztheit, kognitive Beeinträchtigungen wie „Brain Fog" (Gedächtnislücken, Konzentrationsprobleme), ein geringeres Selbstwertgefühl, verminderte Stressresistenz bis hin zum Burn-out sowie Muskel- und Gelenkschmerzen.
Wie stark ein Symptom im Job belastet, hängt stark vom Beruf ab. Starke Hitzewallungen sind zum Beispiel schwierig zu lindern, wenn man berufsbedingt eine dicke Uniform tragen muss (etwa bei Polizistinnen) oder in einer warmen Umgebung arbeitet (etwa in der Küche). Schweißausbrüche oder extreme Blutungen können für Lehrerinnen oder Verkaufsmitarbeiterinnen unangenehm sein, die ständig vor einer Gruppe stehen. Müdigkeit und „Brain Fog" sind in jedem Beruf schwierig, potenziell gravierend jedoch für Pilotinnen, Fluglotsinnen oder Busfahrerinnen. Muskel- und Gelenkschmerzen wiegen in körperlich fordernden Berufen besonders schwer, geringere Stressresistenz und Stimmungsschwankungen wiederum vor allem in Führungs-, Pflege- oder Lehrberufen mit hoher psychischer Belastung. In einer Umfrage berichteten 78 % der Frauen von beruflichen Herausforderungen durch ihre Wechseljahre, 57 % hatten das Gefühl, weniger produktiv zu sein. Da sich die Wechseljahre über bis zu 15 Jahre hinziehen können, wenn auch in unterschiedlicher Intensität, ist ein beachtlicher Teil des Berufslebens potenziell betroffen. Rund die Hälfte der betroffenen Frauen denkt darüber nach, ihre Arbeitszeit zu reduzieren oder den Job ganz aufzugeben, laut einer Erhebung der britischen Fawcett Society hat bereits etwa jede siebte Frau (14 %) ihre Stunden deswegen tatsächlich reduziert.
Das betrifft nicht nur einzelne Frauen, sondern die gesamte Arbeitswelt: Angesichts einer alternden Erwerbsbevölkerung und des ohnehin bestehenden Fachkräftemangels, besonders in Berufen, die überwiegend von Frauen ausgeübt werden, verschärft sich das Problem gesamtgesellschaftlich weiter. Reduzierte Arbeitszeiten oder Jobaufgaben vergrößern zudem die bestehende Gehalts- und Rentenlücke zwischen Männern und Frauen und bremsen Frauen auf dem Weg in Führungspositionen.
Fehlende Unterstützung und Verständnis
Viele Frauen fühlen sich am Arbeitsplatz nicht ausreichend unterstützt. Nur 10 % der Frauen gaben in einer Befragung an, dass ihr Arbeitgeber ihnen irgendeine Form der Unterstützung beim Thema Wechseljahre gibt. Damit bildet Deutschland das Schlusslicht im Vergleich der größten europäischen Länder und Südafrika. Unterstützung von Kolleg:innen gibt es noch am ehesten (22 %), kaum jedoch von Vorgesetzten (7 %) oder der Personalabteilung (3 %).
Besonders groß ist die Lücke zwischen Wunsch und Wirklichkeit: Laut einer Erhebung besteht bei rund 67 % der Frauen der Wunsch nach betrieblichen Unterstützungsmaßnahmen, tatsächlich umgesetzt werden sie aber nur bei etwa 4 %. Auch kulturell gibt es große Unterschiede: Während sich über 80 % der südafrikanischen Frauen Unterstützung vom Arbeitgeber wünschen, sind es in Deutschland nur knapp 40 %, möglicherweise auch aus Angst vor Stigmatisierung. Am häufigsten gewünscht werden offizielle Regelungen zu Krankheitstagen und flexible Arbeitszeiten, gefolgt von Zugang zu passenden Ärzt:innen, Anpassungen des Arbeitsumfelds und mehr Bewusstsein im Kolleg:innen- und Vorgesetztenumfeld. Auffällig ist dabei eine deutliche Diskrepanz: Für die Schwangerschaft gibt es in vielen Unternehmen längst etablierte Unterstützungsstrukturen, für die Wechseljahre bislang kaum vergleichbare.
Diskriminierung und Stigmatisierung
Wechseljahresbedingte Diskriminierung kann ein ernstes Problem sein. Das „Women and Equalities Committee", ein Ausschuss im britischen Parlament, hat kürzlich empfohlen, die Wechseljahre als geschützte Eigenschaft im Gleichstellungsgesetz zu verankern, um Frauen besser vor Diskriminierung zu schützen. Die britische Regierung hat den Vorschlag in ihrer offiziellen Antwort abgelehnt, was zeigt, dass hier noch viel Arbeit nötig ist, um Bewusstsein und rechtliche Rahmenbedingungen zu verbessern.
Viele Frauen erleben schon in früheren Lebensphasen ähnliche Diskriminierung, etwa wenn sie Kinder bekommen oder Arbeitgeber lediglich annehmen, dass eine Frau in absehbarer Zeit eine Familie gründen könnte. Die Angst vor genau dieser Art von Diskriminierung erschwert es vielen Frauen zusätzlich, in den Wechseljahren aktiv und konstruktiv nach Lösungen zu suchen.
Nur 25 % der Frauen, die wegen Wechseljahresbeschwerden krankgeschrieben waren, nennen ihren Vorgesetzten den tatsächlichen Grund für ihr Fehlen. Das zeigt, wie sehr das Thema mit Angst und Scham behaftet ist. Fast die Hälfte der Frauen gab in einer Befragung zu, aus Scham nicht aktiv nach Unterstützung am Arbeitsplatz zu fragen.
Auswirkungen auf die Karriere
Die Wechseljahre treten oft genau in der Phase auf, in der Frauen beruflich aufsteigen und Führungspositionen anstreben. Laut einer britischen Erhebung des CIPD gab gut ein Viertel der Frauen (27 %) an, dass die Wechseljahre ihren beruflichen Aufstieg konkret negativ beeinflusst haben. Eine Studie ergab zudem, dass die Hälfte der befragten Frauen befürchtet, durch ihre Wechseljahresbeschwerden als weniger leistungsfähig angesehen zu werden, eine Angst, die offenbar sogar größer ist als die Sorge, wie sich die Symptome auf private Beziehungen auswirken könnten.
Viele Frauen geraten in dieser Lebensphase gleichzeitig in eine Art „Karriere-Krise": Sie hinterfragen, was sie beruflich tun, und suchen bewusster nach Sinn und weniger Stress. Positiv gewendet steckt darin oft auch ein Wunsch nach Veränderung, um endlich das umzusetzen, wovon man lange geträumt hat. Ob das mit dem relativen Testosteronüberschuss in der Perimenopause zusammenhängt oder eher mit dem vielen Grübeln in schlaflosen Nächten, lässt sich wissenschaftlich schwer belegen, diese Möglichkeit zum Neuanfang bietet sich zudem nicht jeder Frau gleichermaßen.
Lösungsansätze und Unterstützungsmaßnahmen
Aufklärung und Sensibilisierung: Schulungen für Vorgesetzte und Mitarbeiter:innen können das Bewusstsein für die Wechseljahre und ihre Auswirkungen schärfen und so helfen, das Stigma abzubauen.
Flexible Arbeitszeiten und -bedingungen: Flexible Arbeitszeiten und die Möglichkeit, im Homeoffice zu arbeiten, können Frauen helfen, besser mit den Symptomen umzugehen, auch wenn das nicht in jedem Beruf gleichermaßen möglich ist. Eine internationale Studie unter Krankenschwestern zeigte etwa, dass digitale Gesundheitsinterventionen in Kombination mit flexiblen Arbeitsbedingungen Lebensqualität und Arbeitsleistung verbessern können.
Gesundheitsfördernde Maßnahmen: Gesundheits- und Check-up-Programme, die gezielt auf die Bedürfnisse von Frauen in den Wechseljahren zugeschnitten sind, etwa im Rahmen bestehender Benefit-Programme, können ebenfalls hilfreich sein. Eine gezielte Hormondiagnostik hilft dabei, Symptome nicht länger fälschlich als Stress oder Burnout abzutun.
Rechtliche Rahmenbedingungen: Klare Unternehmensrichtlinien erleichtern es Vorgesetzten, mit dem Thema professionell umzugehen und gute Vorbilder zu schaffen, unabhängig davon, ob und wann gesetzliche Regelungen folgen.
Selbst aktiv werden: Als Arbeitnehmerin lässt sich die Unternehmenskultur nur bedingt beeinflussen, umso wichtiger ist es, auf das eigene Stresslevel zu achten. Viele Frauen neigen dazu, sich um alles und jeden zu kümmern und dadurch dauerhaft „unter Strom" zu stehen, man spricht auch vom „Rushing Women's Syndrome". Das kann viele Jahre gut gehen, ab den Wechseljahren lohnt es sich aber besonders, bewusst mehr Pausen einzulegen und anders zu priorisieren. Denn ein dauerhaft hohes Cortisolniveau beschleunigt den Abfall der weiblichen Sexualhormone zusätzlich, bewusste Pausen und klar gesetzte Prioritäten zahlen sich also doppelt aus.
Für Arbeitgeber: Wechseljahre als Führungsthema
Frauen zwischen 40 und 60 sind die am stärksten wachsende Gruppe im Erwerbsleben, gerade deshalb lohnt es sich für Unternehmen, das Thema aktiv anzugehen statt es dem Zufall zu überlassen. Schon kleine Schritte wie Aufklärung, flexible Arbeitszeiten oder eine offene Gesprächskultur wirken, wie die Zahlen oben zeigen, spürbar der Tabuisierung entgegen.
Häufig gestellte Fragen
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Quellen & Studien
- 1.Navigating menopause at work: a preliminary study about challenges and support systems – Alzueta, Elisabeth. 2024
- 2.Women are leaving the workforce for a little-talked-about reason – Burden, Lizzy. Bloomberg, 2021
- 3.Menopause Research – Opinium Research. im Auftrag von Vodafone, 2021
- 4.Menopause and the Workplace – Fawcett Society (Umfrage durch Savanta ComRes). 2022
- 5.Duration of menopausal vasomotor symptoms over the menopause transition (SWAN) – Avis NE et al.. JAMA Internal Medicine, 2015
