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Interview

„Ich erkenne mich selbst nicht wieder“: Über Wut, innere Unruhe und Angst in den Wechseljahren
Im Gespräch mit Psychologin Vanessa Salzberg

Plötzlich ist da diese innere Unruhe. Die Zündschnur wird kürzer. Kleinigkeiten bringen uns auf die Palme und manchmal kommt eine Wut hoch, die wir von uns selbst gar nicht kennen.

Viele Frauen beschreiben gerade in der Perimenopause genau dieses Gefühl: „Ich bin irgendwie nicht mehr ich selbst.“

Warum können sich Emotionen in dieser Lebensphase so verändern? Welche Rolle spielen Hormone, Stress und alte Verhaltensmuster? Und was können wir tun, wenn wir merken, dass unser Nervensystem ständig auf Hochtouren läuft?

Darüber haben wir mit Psychologin Vanessa Salzberg gesprochen. In ihrer Arbeit verbindet sie psychologische Ansätze mit Nervensystemregulation und Nährstofftherapie.

Vanessa Salzberg, Psychologin
SA
Saskia Appelhoff
· August 2026· 9 Minuten Lesezeit

Vanessa, wie bist du zu dieser Verbindung aus Psychologie und körperlicher Gesundheit gekommen?

Das Thema Gesundheit beschäftigt mich schon sehr lange. Als Jugendliche habe ich mir im Urlaub einen meldepflichtigen Keim eingefangen. Der Keim selbst war irgendwann weg, aber danach begannen bei mir Verdauungsprobleme, Unverträglichkeiten, Müdigkeit und Konzentrationsprobleme.

Ich war bei verschiedenen Ärzten, hatte Untersuchungen und oft hieß es: Da ist nichts. Irgendwann bin ich an eine Ärztin gekommen, die etwas breiter geschaut hat. Bei mir zeigten sich starke Entzündungsprozesse und wir haben fast zwei Jahre zusammengearbeitet.

Parallel habe ich Psychologie studiert und mich besonders für Gesundheitspsychologie interessiert. Also nicht nur: Was macht krank? Sondern auch: Was hält uns gesund?

Später habe ich mich im Bereich Nährstofftherapie weitergebildet. Eigentlich nur für mich selbst. Während der Ausbildung kamen aber immer mehr Menschen auf mich zu und fragten nach Einzelsitzungen.

Da habe ich gemerkt: Diese Kombination ergibt für mich total Sinn. In der Psychologie schauen wir sehr viel auf Kopf, Geist und Seele. Mir hat aber der körperliche Aspekt gefehlt. Denn am Ende greift im Körper alles ineinander.

Heute begleite ich vor allem Frauen mit Erschöpfung und Angstsymptomatiken und arbeite dabei psychologisch, mit dem Nervensystem und mit Nährstofftherapie.

Viele Frauen erzählen uns ab 40: „Ich erkenne mich selbst nicht wieder.“ Was kann dahinterstecken?

Allein hormonelle Veränderungen können einen Einfluss darauf haben, wie wir uns fühlen. Hormone und Neurotransmittersysteme hängen eng miteinander zusammen.

Progesteron steht beispielsweise mit dem GABA-System in Verbindung, das eher beruhigend wirkt. Viele Frauen kennen das schon aus ihrem Zyklus: In bestimmten Phasen fühlen sie sich angespannter, ängstlicher oder schlafen schlechter.

In der Perimenopause können die Hormonspiegel von Zyklus zu Zyklus stark schwanken. Dann kann es sein, dass du einen Monat denkst: Jetzt ist wieder alles normal, jetzt bin ich wieder ich. Und im nächsten Zyklus stehst du da und fragst dich: Was ist denn jetzt los?

Dazu kommt häufig schlechterer Schlaf. Wenn ich schlecht schlafe, bin ich am nächsten Tag weniger erholt, weniger belastbar und vielleicht auch schneller gereizt. So kann schnell ein Kreislauf entstehen.

„Dabei kann Wut unglaublich hilfreich sein, weil sie uns dabei unterstützt, Grenzen zu setzen.“

Du sprichst auch über die körperlichen Ressourcen. Warum sind die für dich so wichtig?

Ich erkläre das gerne mit einem Hausbau.

Stell dir vor, ich komme zu dir und sage: Bau mir bitte eine dreistöckige Villa mit Pool. Du sagst: Klar, bring mir einfach das Material. Und dann bringe ich dir Material mit, das gerade mal für einen Holzschuppen reicht.

Dann wird es schwierig.

So ähnlich sehe ich es beim Körper. Wenn bestimmte Ressourcen fehlen, muss er priorisieren. Überleben steht ganz oben. Andere Dinge sind “eher Luxus”.

Gleichzeitig haben viele Frauen enorme Anforderungen: Familie, Kinder, Job, vielleicht pflegebedürftige Eltern. Wenn der Körper all das mit halb leeren Speichern bewältigen muss, ist das zusätzlicher Stress.

Und wenn dann noch eine Phase hormoneller Umstellung dazukommt, kann das natürlich zusätzlich belasten.

Eine kurze Zündschnur kennen viele Frauen. Manche erzählen sogar von einer Wut, die sie selbst erschreckt. Was passiert da?

Ich mag Wut tatsächlich sehr gerne.

Denn ich finde Wut gerade für uns Frauen unglaublich wertvoll.

Wenn wir uns anschauen, wie viele Mädchen sozialisiert wurden, kommt sehr früh: Du musst lieb sein. Du musst brav sein. Du musst still sein. Sei hilfsbereit, sei zuvorkommend.

Jungs dürfen eher laut sein und auch mal Randale machen.

Vielen Mädchen wird dadurch gar nicht wirklich erlaubt, wütend zu sein. Und gleichzeitig lernen wir oft, unsere eigenen Bedürfnisse hintenanzustellen.

Wir schlucken und schlucken und schlucken.

Dabei kann Wut unglaublich hilfreich sein, weil sie uns dabei unterstützt, Grenzen zu setzen.

Ich erlebe in meiner Arbeit häufig, dass zunächst Angst im Vordergrund steht. Wenn wir dann etwas tiefer schauen, entdecken wir dahinter sehr viel Wut und Frust. Dinge waren unfair. Bedürfnisse wurden lange nicht gesehen. Gefühle durften keinen Ausdruck finden.

Wenn wir dann zusätzlich in einer Phase sind, in der wir weniger stressresistent sind und uns körperlich vielleicht sowieso instabiler fühlen, kann diese Wut plötzlich stärker nach außen kommen.

Ist es also nicht nur die hormonelle Veränderung, die gerade in der Lebensmitte eine Rolle spielt?

Nein. Um diese Zeit passiert häufig unglaublich viel gleichzeitig.

Vielleicht sind da Kinder, die anfangen, uns zu spiegeln. Das ist nicht immer angenehm, kann aber sehr hilfreich sein.

Vielleicht werden gleichzeitig die eigenen Eltern älter oder pflegebedürftig. Rollen verändern sich und plötzlich kommen Themen hoch, die man viele Jahre nicht anschauen musste.

Und dann ist da vielleicht auch dieser Gedanke: Okay, ich bin ungefähr in der Mitte meines Lebens angekommen. Wie war mein Leben bisher? Und wie möchte ich den Rest eigentlich gestalten?

Das ist eine sehr sensible Phase, weil im Außen und im Inneren gleichzeitig so viel passiert.

„Aufmerksamkeit funktioniert ein bisschen wie ein Scheinwerfer. Wenn ich ständig nur das beleuchte, was gerade schlecht läuft, wird es sehr groß.“

Nach einem Wutausbruch kommt bei vielen Frauen sofort das schlechte Gewissen. Oder sogar Scham. Warum?

Da würde ich immer schauen: Wie habe ich eigentlich gelernt, mit unangenehmen Gefühlen umzugehen?

Ich arbeite gerne mit einem Modell von Virginia Satir aus der systemischen Therapie. Im Kern stehen unsere Wünsche, Bedürfnisse und Sehnsüchte. Darum herum liegen unter anderem unsere Erwartungen und Glaubenssätze.

Was habe ich gelernt? Wie muss ich sein? Was erwarte ich von mir? Was erwarte ich von anderen? Und was glaube ich eigentlich, was andere von mir erwarten?

Gerade der letzte Punkt ist spannend. Denn meistens fragen wir die anderen gar nicht. Wir denken einfach, wir wüssten es.

Und an diesen Erwartungen hängen Gefühle.

Wenn ich gelernt habe, negative Gefühle kleinzumachen, wegzuschieben oder gar nicht erst darüber zu sprechen, kann nach einem Wutausbruch sofort dieser Gedanke kommen: Das darf ich nicht. So darf ich nicht sein.

Natürlich geht es nicht darum, andere Menschen anzuschreien oder schlecht zu behandeln. Aber das Gefühl Wut an sich ist nicht falsch.

Ich finde es deshalb spannend zu fragen: Warum glaube ich eigentlich, dass ich dieses Gefühl nicht haben darf? Und woher kommt diese Scham?

Innere Unruhe kann sich manchmal bis hin zu Angst steigern. Was kann in solchen Momenten helfen?

Ich setze gerne auf der körperlichen und auf der mentalen Ebene gleichzeitig an.

Emotionen sind nicht nur im Kopf. Wir spüren sie im Körper. Vielleicht als Enge in der Brust, als Anspannung oder als dieses Gefühl, dass der ganze Körper irgendwie kribbelt.

Mir hilft es dann zum Beispiel, meinen Gedanken bewusst Raum zu geben. Ich nenne das meine „Sprechstunde für Gefühle“.

Ich setze mich für 20 Minuten hin und schreibe wirklich auf, was gerade in meinem Kopf passiert. Und zwar nicht schön formuliert. Sondern genauso, wie ich gerade denke.

Im Gespräch mit anderen versuchen wir häufig, unsere Gedanken schon wieder etwas hübscher zu machen. Auf dem Papier muss ich das nicht.

Gleichzeitig versuche ich, meinen Fokus nicht ausschließlich auf das Negative zu richten. Aufmerksamkeit funktioniert ein bisschen wie ein Scheinwerfer. Wenn ich ständig nur das beleuchte, was gerade schlecht läuft, wird es sehr groß.

Deshalb darf die Frage auch sein: Was läuft gerade eigentlich gut?

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Und was hilft dem Körper, wenn man merkt: Ich explodiere gleich?

Bewegung.

Fight or Flight, also Kampf oder Flucht, beinhaltet beides Bewegung. Wenn wir versuchen, mit sehr intensiven Gefühlen völlig statisch umzugehen, kann das schwerer sein.

Also rausgehen. Laufen. Spazieren. Sich bewegen.

Ich hatte einmal während meiner Ausbildung eine Situation, die emotionaler wurde, als ich erwartet hatte. Meine Dozentin schaute mich an, sah meine Laufschuhe und sagte nur: „Du hast ja Laufschuhe an. Geh jetzt mal eine Runde raus und renn.“

Es klingt vielleicht banal, aber es kann wirklich helfen.

Manchmal braucht es aber auch genau das Gegenteil: Beruhigung. Zum Beispiel durch Atmung oder einfach dadurch, für einen Moment gar nichts zu tun.

Meine absolute Lieblingsübung ist: Leg dich fünf Minuten flach auf den Boden und mach nichts.

Das klingt fast zu einfach.

Genau deshalb mag ich es.

Es gibt tolle somatische Übungen, Meditationen und Atemtechniken. Aber mein Rat für den Anfang ist immer: Halte es so einfach wie möglich. Mach es dir nicht noch komplizierter, als es ohnehin schon ist.

Wenn du gerade nicht mehr schaffst, als dich fünf Minuten auf den Boden zu legen, dann ist das okay.

Leg das Handy weg. Mach einmal nur eine Sache.

Beobachte dich zum Beispiel morgens beim Zähneputzen: Stehst du einfach da und putzt dir die Zähne? Oder läufst du gleichzeitig durch die Wohnung und erledigst gedanklich schon 48 andere Dinge?

Ein bisschen mehr Einfachheit kann unglaublich hilfreich sein.

Und ich finde noch etwas wichtig: Spaß.

Wenn ich Frauen frage: „Was macht dir eigentlich Spaß?“, kommt erstaunlich häufig erst einmal: „Gute Frage.“

Dann kann es helfen zu überlegen: Was hat mir früher Spaß gemacht? Gibt es davon etwas, das ich wieder in mein Leben holen könnte?

„Meine absolute Lieblingsübung ist: Leg dich fünf Minuten flach auf den Boden und mach nichts.“

Du bist kein großer Fan von To-do-Listen. Was machst du stattdessen?

Ich habe lieber einen Gedankenparkplatz.

Eine To-do-Liste vermittelt mir schnell das Gefühl: Das muss alles möglichst schnell wieder runter von dieser Liste.

Ein Gedankenparkplatz funktioniert für mich anders.

Ich stelle mir das wie einen Parkplatz am Flughafen vor. Manche Menschen sind ein langes Wochenende weg und das Auto steht drei Tage dort. Andere sind vier Wochen weg und dann darf das Auto eben vier Wochen da stehen.

Genauso darf es mit meinen Gedanken sein.

Wenn mir etwas einfällt, das ich nicht vergessen möchte, schreibe ich es auf. Aber es muss nicht sofort erledigt werden. Es darf dort stehen bleiben.

Allein das nimmt für mich viel Druck raus.

Was möchtest du Frauen mitgeben, die plötzlich mit Erschöpfung, innerer Unruhe oder Angst zu tun haben?

Ich finde es wichtig, nicht automatisch davon auszugehen, dass alles ausschließlich ein psychisches Thema ist.

Gerade bei Erschöpfung, Müdigkeit oder innerer Unruhe lohnt es sich aus meiner Sicht, auch körperliche Faktoren mitzudenken und gegebenenfalls medizinisch abklären zu lassen.

Bei mir selbst spielte beispielsweise mein Darm eine große Rolle. Das hat sich irgendwann auch auf andere Bereiche meines Körpers ausgewirkt. Ich hatte unter anderem starke PMS-Beschwerden und habe dadurch selbst erfahren, wie sehr verschiedene Systeme zusammenspielen können.

Gleichzeitig gibt es kurzfristige Dinge, die mir in einer akuten Situation helfen können: Bewegung, Atmung, fünf Minuten auf dem Boden liegen, Gedanken aufschreiben.

Und dann gibt es die langfristigen Themen.

Welche Erwartungen habe ich an mich? Welche Glaubenssätze trage ich mit mir herum? Welche Emotionen sitzen vielleicht schon lange hinten auf der Bank, weil ich sie nicht anschauen wollte?

Ich glaube, gerade die Kombination aus kurzfristiger Regulation und langfristigem Hinschauen kann unglaublich wertvoll sein.

Vielen Dank für das spannende Gespräch!

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