Gesund älter werden statt später reparieren: Warum die Wechseljahre ein Wendepunkt für Prävention sind
Im Gespräch mit Dr. med. Viyan Sido
Longevity klingt schnell nach Biohacking, teuren Infusionen und dem Versprechen ewiger Jugend. Für Dr. med. Viyan Sido hat gesundes Altern jedoch viel weniger mit Trends zu tun und viel mehr mit guter Prävention.
Die Fachärztin für Herzchirurgie und Allgemeinmedizin hat über Jahre erlebt, wie häufig Medizin erst dann eingreift, wenn Menschen bereits Beschwerden haben oder schwer erkrankt sind. Heute verbindet sie ihre Erfahrung aus der Herzmedizin mit ihren Schwerpunkten Frauengesundheit, Prävention und Longevity.
In ihrem Buch „Die Longevity-Strategie für Frauen“ zeigt sie, warum Frauen anders altern, weshalb die Wechseljahre ein entscheidender gesundheitlicher Wendepunkt sein können und welche einfachen Gewohnheiten langfristig wirklich einen Unterschied machen.
Im Interview spricht sie darüber, warum Prävention nicht nach Verzicht klingen sollte, welche Risiken Frauen ab der Lebensmitte kennen sollten – und weshalb es auch mit 50, 60 oder 70 nicht zu spät ist, etwas zu verändern.
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Sie kommen ursprünglich aus der Herzchirurgie. Warum beschäftigen Sie sich heute so intensiv mit Prävention und Longevity?
In der Herzchirurgie habe ich gesehen, wie viel Reparaturmedizin wir betreiben. Die Patientinnen und Patienten kamen häufig erst zu uns, wenn sie bereits Symptome hatten oder schwer erkrankt waren. Wir haben dann repariert, was über viele Jahre entstanden war.
Irgendwann habe ich mich gefragt: Müsste es nicht möglich sein, viel früher im System anzusetzen?
In Deutschland investieren wir noch immer sehr viel in die Behandlung von Krankheiten und vergleichsweise wenig in die Vorbeugung. Gleichzeitig war Frauengesundheit schon immer ein Herzensprojekt von mir. Ich habe eine der ersten Frauenambulanzen für geschlechterspezifische Herzmedizin in Deutschland gegründet.
Deshalb lag es für mich nahe, diese Themen miteinander zu verbinden: Prävention, Frauengesundheit und gesundes Altern.
Longevity ist für mich kein Modewort. Das Ziel ist, möglichst lange gesund und selbstbestimmt zu leben – und der Weg dorthin ist Prävention.
Prävention klingt für viele allerdings eher nach Verzicht als nach Lebensfreude.
Das stimmt. Prävention wird schnell mit Dingen verbunden, die man tun muss: mehr Sport, gesünder essen, schlechte Gewohnheiten aufgeben. Das klingt erst einmal nicht besonders attraktiv.
Das eigentliche Problem ist aber häufig die Motivation dahinter. Menschen verändern ihr Verhalten selten dauerhaft, weil sie Angst vor einer Krankheit haben. Sie verändern es eher, wenn sie verstehen, was sie dadurch gewinnen können.
Bei vielen präventiven Maßnahmen sehen wir das Ergebnis nicht sofort. Wir bewegen uns heute, damit wir in zehn oder zwanzig Jahren noch fit und selbstständig sind. Wir schlafen ausreichend, damit unser Körper regenerieren kann. Aber der Nutzen ist nicht so unmittelbar sichtbar wie bei einer Tablette gegen akute Schmerzen.
Deshalb würde ich nicht sagen: „Sie müssen jetzt mehr Sport machen.“ Ich würde eher fragen: „Wie wäre es, wenn Sie sich mehr bewegen und dadurch länger reisen, mit Ihren Enkelkindern spielen oder unabhängig leben könnten?“
„Menschen verändern ihr Verhalten selten aus Angst vor Krankheit. Sie verändern es, wenn sie verstehen, was sie dadurch gewinnen.“
Was ist, wenn eine Frau Mitte 40 oder Anfang 50 noch gar keine Beschwerden hat?
Es geht nicht darum, wahllos Untersuchungen zu machen, bis wir irgendetwas finden. Wer lange genug sucht, findet fast immer eine Abweichung. Das ist nicht das Ziel.
Wichtig ist, den eigenen Ausgangspunkt zu kennen: Wo stehe ich gesundheitlich? Bin ich bereits in der Perimenopause oder Menopause? Wie sehen Blutdruck, Blutzucker und Blutfette aus? Welche Erkrankungen gibt es in meiner Familie?
Auch die persönliche Vorgeschichte spielt eine Rolle. Gab es beispielsweise Schwangerschaftskomplikationen, Schwangerschaftsdiabetes oder einen erhöhten Blutdruck während der Schwangerschaft?
Ein oder zwei Laborwerte allein reichen deshalb häufig nicht aus. Wir müssen die gesamte Anamnese betrachten und daraus ein individuelles Risikoprofil entwickeln.
„Prävention bedeutet nicht, möglichst viel zu untersuchen. Prävention bedeutet, das eigene Risiko zu kennen und rechtzeitig gegenzusteuern.“
Mit welchen Themen kommen Frauen in der Lebensmitte besonders häufig zu Ihnen?
Sehr viele Frauen kommen wegen möglicher Wechseljahresbeschwerden. Sie sind verunsichert und fragen sich: Ist das ein Krankheitssymptom? Ist es Stress? Oder sind es bereits die Wechseljahre?
Schlafprobleme und ein Verlust an Energie höre ich besonders häufig. Viele Frauen berichten, dass sie sich weniger leistungsfähig fühlen, schneller nervös werden oder sich tagsüber schlechter konzentrieren können.
Gerade Schlaf ist bei Frauen ein großes Thema, weil schlechter Schlaf so viele andere Beschwerden beeinflussen kann: die Stimmung, die Schmerzempfindlichkeit, den Stoffwechsel, den Appetit und die Fähigkeit, mit Belastungen und Stress umzugehen.
Ich selbst habe als Chirurgin über mehr als zehn Jahre häufig nur fünf Stunden geschlafen. Damals dachte ich: „Schlafen kann ich, wenn ich tot bin.“ Heute sehe ich das völlig anders.
Schlaf ist mir inzwischen heilig. In der Nacht werden Emotionen verarbeitet, Hormonsysteme reguliert und wichtige Regenerationsprozesse angestoßen. Darauf möchte ich nicht mehr verzichten.
Brauchen Frauen tatsächlich eine eigene Longevity- oder Präventionsstrategie?
Ja, auf jeden Fall. Das war einer der Hauptgründe, weshalb ich mein Buch geschrieben habe.
Frauen und Männer altern nicht identisch und sie haben teilweise unterschiedliche gesundheitliche Risiken. Ich glaube nicht, dass wir eine komplett separate Medizin für Frauen brauchen. Aber wir brauchen eine Medizin, die ihre Biologie und ihre Lebensphasen berücksichtigt. Während der Alterungsprozess bei Männern meist kontinuierlich verläuft, verändert sich der Alterungsprozess bei Frauen durch die hormonelle Dynamik rund um die Menopause deutlich.
Frauen erleben Schwangerschaften, mögliche Schwangerschaftskomplikationen und schließlich die Wechseljahre. In der Lebensmitte verändert sich das hormonelle Umfeld deutlich. Diese Veränderungen können sich auf verschiedene Organsysteme auswirken: auf Knochen, Muskeln, Stoffwechsel, Gefäße und das Herz-Kreislauf-System.
Lange Zeit hat sich die Medizin stark am männlichen Körper orientiert. Die Unterschiede wurden zu wenig untersucht und in der Versorgung zu wenig berücksichtigt.
Es geht dabei nicht darum, jemanden auszuschließen oder zu diskriminieren. Es geht darum, genauer hinzuschauen: Was brauchen Frauen in dieser Lebensphase wirklich?
Sind die Wechseljahre für Sie eine Übergangsphase oder ein gesundheitlicher Wendepunkt?
Ich würde die Wechseljahre nicht als Krankheit bezeichnen. Für mich sind sie ein biologischer Wendepunkt und zugleich eine Chance, Prävention neu zu denken und den Fokus stärker auf die Gesundheit zu richten.
Mit dem Rückgang des Östrogens verändert sich im Körper einiges. Das betrifft unter anderem den Knochen- und Muskelstoffwechsel sowie das Herz-Kreislauf-System. Auch Blutdruck, Blutfette und die Verteilung des Körperfetts können sich verändern.
Deshalb können die Wechseljahre ein guter Anlass sein, die eigene Gesundheit neu zu betrachten.
Wir sollten diese Phase nicht nur mit Verlust oder Beschwerden verbinden. Sie kann auch der Moment sein, in dem eine Frau sagt: Jetzt möchte ich wissen, wo ich stehe, welche Risiken ich habe und was ich für die kommenden Jahrzehnte für meine Gesundheit tun kann.
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Welches gesundheitliche Risiko wird in dieser Phase besonders unterschätzt?
Wenn Sie mich als Herzchirurgin fragen: eindeutig das Herz-Kreislauf-Risiko.
Ich erlebe immer wieder, dass eine Frau Ende 40 vor mir sitzt und bei ihr zufällig ein sehr hoher Blutdruck festgestellt wurde. Sie hatte vorher keinerlei Symptome und fühlte sich eigentlich gesund.
Genau das ist das Problem: Viele Risikofaktoren bemerken wir zunächst nicht. Ein erhöhter Blutdruck tut nicht weh. Auch Veränderungen der Blutfette oder des Blutzuckers können lange unbemerkt bleiben.
Mit den hormonellen Veränderungen in der Lebensmitte kann sich auch das kardiovaskuläre Risikoprofil verändern. Das Risiko für Bluthochdruck, Gefäßveränderungen und andere Herz-Kreislauf-Erkrankungen kann ansteigen.
Vielen Frauen ist nicht bewusst, dass die Wechseljahre deshalb nicht nur mit Hitzewallungen oder Schlafproblemen verbunden sind. Sie können auch ein wichtiger Zeitpunkt sein, um die Herzgesundheit genauer anzuschauen.
Was können Frauen konkret tun, ohne sofort zu einer Kardiologin oder einem Kardiologen zu gehen?
Der erste Weg kann ganz unkompliziert zur Hausärztin oder zum Hausarzt führen. Ein regelmäßiger Gesundheits-Check-up bietet bereits eine gute Grundlage.
Dort können unter anderem Blutdruck, Blutzucker und das Cholesterinprofil kontrolliert werden. Das sind drei wichtige Bereiche, die viel über das persönliche Herz-Kreislauf- und Stoffwechselrisiko aussagen können.
Zusätzlich sollte man die familiäre Vorgeschichte ansprechen. Hatten die Mutter, der Vater oder Geschwister frühzeitig eine Herz-Kreislauf-Erkrankung? Gab es in der eigenen Schwangerschaft einen Schwangerschaftsdiabetes oder z.B. eine hypertensive Schwangerschaftskomplikation?
Solche Informationen gehören zum persönlichen Risikoprofil. Gibt es Auffälligkeiten, kann die Hausärztin oder der Hausarzt anschließend gezielt an eine Fachpraxis überweisen.
Welche Stellschrauben können Frauen selbst beeinflussen?
Bewegung ist ein ganz großes Feld. Mit zunehmendem Alter verlieren wir Muskelmasse, wenn wir nichts dagegen tun. Für Frauen werden deshalb Krafttraining und eine ausreichende Eiweißzufuhr besonders wichtig.
Daneben brauchen wir auch Ausdauerbewegung. Das muss nicht immer ein intensives Sportprogramm sein. Auch zügiges Gehen, Radfahren oder regelmäßige Spaziergänge zählen.
Schlaf ist für mich ein weiterer großer Gamechanger. Er beeinflusst unsere Hormone, unseren Stoffwechsel, unser Immunsystem, unsere Gefühle und unsere Leistungsfähigkeit.
Auch Ernährung könnte allein ein ganzes Buch füllen. Mir war jedoch wichtig, keine komplizierten Regeln aufzustellen, sondern alltagstaugliche Grundlagen zu vermitteln: ausreichend Eiweiß, möglichst unverarbeitete Lebensmittel, eine gute Versorgung mit Ballaststoffen und regelmäßige Mahlzeiten, die zum eigenen Leben passen.
Es braucht nicht immer eine Wunderpille oder das neueste Biohacking-Programm. Oft sind es die einfachen Dinge, die langfristig den größten Unterschied machen.
Welche Gewohnheit hat bei Ihnen persönlich besonders viel verändert?
Ich versuche, immer ungefähr zur gleichen Zeit ins Bett zu gehen und aufzustehen. Mein Körper hat inzwischen einen richtigen Rhythmus entwickelt. Häufig wache ich morgens sogar ohne Wecker auf.
Außerdem gehe ich am Abend meistens noch einmal um die Alster spazieren. Gerade an Tagen, an denen ich viele Interviews hatte oder lange gesessen habe, freue ich mich richtig darauf.
Dieser Spaziergang hilft mir nicht nur, auf meine Schritte zu kommen. Er macht meinen Kopf frei, ich schlafe anschließend besser und tue gleichzeitig etwas für meinen Blutdruck und meinen Stoffwechsel.
Dabei wird deutlich, wie stark alles miteinander verbunden ist: Wenn du gut schläfst, hast du am nächsten Tag mehr Energie für Bewegung. Wenn du dich bewegst, kann dein Körper den Blutzucker besser regulieren. Du fühlst dich ausgeglichener und schützt damit auch deine mentale Gesundheit.
Früher hatte ich nie das Gefühl, dass mir Spazierengehen fehlen könnte. Heute möchte ich es nicht mehr missen.
„Schlafen ist genauso kostenlos wie Bewegung. Beides gehört zu den wirksamsten Dingen, die wir jeden Tag für uns tun können.“
Nahrungsergänzungsmittel, Wearables, Infusionen und Biohacking boomen. Was davon ist sinnvoll?
Biohacking muss nicht automatisch kompliziert oder teuer sein. Krafttraining oder Tageslicht am Morgen könnten ebenfalls als Biohacking bezeichnet werden – und dafür gibt es eine gute wissenschaftliche Grundlage.
Problematisch wird es bei teuren Messungen, Behandlungen oder Infusionen, deren Nutzen nicht ausreichend belegt ist.
Ich selbst nehme Nahrungsergänzungsmittel. Trotzdem würde ich immer dazu raten, gezielt und nach dem persönlichen Bedarf zu supplementieren. Nur weil eine Freundin ein Präparat nimmt oder es gerade auf Instagram beworben wird, bedeutet das nicht, dass ich es ebenfalls brauche.
Auch Wearables können hilfreich sein. Sie zeigen beispielsweise, ob wir uns weniger bewegen oder ob sich unser Schlaf über einen längeren Zeitraum verändert. Aber eine Uhr ersetzt keinen gesunden Lebensstil.
Ich persönlich brauche kein Gerät, das mir morgens sagt, dass ich schlecht geschlafen habe. Das merke ich selbst. Im ungünstigsten Fall setzt mich der Wert sogar zusätzlich unter Druck.
Gesundheitsdaten sind vor allem dann sinnvoll, wenn sie zu einer konkreten Veränderung führen. Wenn ich beispielsweise sehe, dass ein Spaziergang nach dem Essen meine Blutzuckerreaktion verbessert, kann mich das motivieren, diese Gewohnheit beizubehalten.
„Wearables sind dann hilfreich, wenn sie unser Verhalten verändern – nicht, wenn sie uns nur noch mehr Stress machen.“
Was kann eine Frau noch verändern, wenn sie sich erst mit Anfang 50 der Prävention widmet?
Sehr viel. Unser Körper reagiert auch in der zweiten Lebenshälfte auf Krafttraining, regelmäßige Bewegung, besseren Schlaf, einen Rauchstopp oder eine Gewichtsreduktion.
Für Prävention ist es nie zu spät. Unser Körper profitiert in jedem Alter.
Wichtig ist allerdings, nicht mit einem radikalen Trainings- oder Ernährungsprogramm zu starten, das nur drei Wochen durchgehalten werden kann.
Wirksamer sind konkrete und realistische Schritte. Vielleicht beginnt eine Frau zunächst mit zwei Krafttrainingseinheiten pro Woche. Eine andere geht jeden Abend zehn Minuten spazieren oder versucht, ihren Schlaf regelmäßiger zu gestalten.
Es geht nicht darum, von heute auf morgen alles perfekt zu machen und maximal zu optimieren. Es geht darum, Routinen zu finden, die zum eigenen Alltag passen und langfristig bleiben dürfen.
Wenn Sie eine realistische Longevity-Routine auf drei Bereiche reduzieren müssten: Welche wären das?
Erstens: regelmäßige Bewegung. Dazu gehören für mich Krafttraining und Ausdauerbewegung. Als Orientierung gelten mindestens zwei Krafttrainingseinheiten pro Woche sowie etwa 150 Minuten moderate oder 75 Minuten intensivere Bewegung. Dafür muss niemand ins Fitnessstudio, denn Krafttraining lässt sich genauso gut zu Hause mit dem eigenen Körpergewicht, Therabändern oder ein paar Hanteln umsetzen.
Zweitens: ausreichend schlafen und den eigenen Stress reduzieren. Schlaf ist keine verlorene Zeit. Er ist eine Voraussetzung dafür, dass unser Körper und unser Gehirn funktionieren können.
Drittens: die eigenen Gesundheitswerte und das individuelle Risiko kennen. Dazu gehören Blutdruck, Blutzucker, Blutfette, Stoffwechselwerte und familiäre Vorbelastungen. Außerdem sollten Frauen Vorsorgeuntersuchungen und empfohlene Impfungen nutzen.
Das sind keine spektakulären Geheimnisse. Aber genau diese Grundlagen haben häufig den größten Effekt.
Welchen Gedanken würden Sie gerne aus den Köpfen von Frauen streichen?
Den Satz: „Jetzt kann ich sowieso nichts mehr ändern.“
Natürlich ist es gut, früh mit Prävention zu beginnen. Aber es gibt keinen Zeitpunkt, an dem sich ein gesünderer Lebensstil grundsätzlich nicht mehr lohnt.
Und noch etwas ist mir wichtig: Longevity darf nicht bedeuten, möglichst viele Jahre um jeden Preis zu sammeln.
„Es geht nicht darum, um jeden Preis länger zu leben. Es geht darum, besser zu leben – mit mehr Gesundheit, Selbstständigkeit und Lebensqualität.“

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