Interview

Dr. med. Helena Orfanos-Boeckel: Was Frauen wirklich brauchen, um gesund älter zu werden

Veröffentlicht von Saskia Appelhoff im Januar 2026

Artikelbild Dr. med. Helena Orfanos-Boeckel: Was Frauen wirklich brauchen, um gesund älter zu werden

Dr. med. Helena Orfanos-Boeckel ist Internistin, Nephrologin und eine der profiliertesten Stimmen, wenn es um moderne Prävention, Nährstoffmedizin und den sinnvollen Einsatz von körpereigenen Hormonen geht. Sie denkt Innere Medizin radikal vom Anfang her: Was wäre, wenn wir nicht warten würden, bis Organe geschädigt sind, Strukturen zerfallen oder Symptome uns überrollen – sondern viel früher verstehen würden, wohin sich unser Körper entwickelt? Ihre Haltung ist klar: Wenn wir früh genug hinschauen, ist vieles vermeidbar. Nicht für jede Frau, aber für sehr viele. Ihr neues Buch zeigt, wie Laborwerte viel früher Hinweise geben, lange bevor klassische Diagnosen gestellt werden können. Und warum Prävention in Wahrheit bedeutet: Krankheitsverläufe erkennen, bevor sie in Gang kommen.

Viele verbinden dich mit dem Thema Prävention. Wie beschreibst du selbst deinen Ansatz?

Mir geht es darum, Frauen davor zu schützen, dass sie beim Älterwerden wirklich alles mitnehmen, was an Krankheiten möglich ist. Dafür braucht es Wissen – und zwar Wissen darüber, was im Rahmen des Alterns internistisch im Stoffwechsel passiert. Wechseljahre bedeuten ja nicht nur PMS oder Schlafstörungen. Wechseljahre und der hormonelle Verlust, der damit einhergeht, haben Auswirkungen auf das Herz-Kreislauf-System, auf die Knochen, auf den Zuckerstoffwechsel, auf Entzündungsprozesse.

Wenn Frauen verstehen, was da im Körper abläuft, können sie ganz anders entscheiden. Und viele Entwicklungen, die heute als „altersgemäß normal“ gelten, müssten in dieser Form nicht eintreten. Jedenfalls nicht so früh und nicht so ausgeprägt.

In deinem Buch formulierst du, man könne mit der richtigen Kombination aus Lebensstil, Nährstoff- und Hormontherapie verhindern, an Osteoporose oder Arteriosklerose zu erkranken. Ist das wirklich realistisch?

Für alle – nein. Aber für sehr viele – ja. Wir müssen einfach anerkennen: Krankheit fällt nicht vom Himmel. Es gibt immer einen Weg dorthin.

Es gibt keine osteoporotische Fraktur ohne vorher schlechte Knochendichte.

Es gibt kein Nierenversagen mit völlig gesunden Nierenwerten.

Es gibt keinen Diabetes mit Folgen ohne über Jahre erhöhte Zuckerwerte.

Ich beobachte seit über 3 Jahrzehnten Laborwerte von Patientinnen und Patienten. Man sieht, wie Prozesse entstehen. Wenn wir früher anfangen würden, diese Veränderungen ernst zu nehmen – und darauf zu reagieren –, dann würden viele Krankheiten nicht in dem Ausmaß entstehen, wie wir sie heute kennen. Ein bisschen Osteopenie oder etwas Arteriosklerose ist nicht schlimm. Das Problem ist der Strukturverlust und die Organinsuffizienz nach 20-30 Jahren Zuschauen. Und dahin muss es nicht so häufig kommen, wie wir es aktuell erleben.

„Viele Krankheiten sind nicht schicksalhaft – wir kommen nur zu spät.“

Du teilst Laborwerte in Krankwerte, Schlüsselwerte und Gesundmachwerte ein. Warum ist diese Unterscheidung so zentral?

Weil wir Labor sonst immer nur von der Krankheit her lesen. Dabei erzählen Werte eine Geschichte – aber nur, wenn wir wissen, wie.

Krankwerte sind Werte, die steigen, wenn Krankheit entsteht oder Alterungsprozesse voranschreiten. Das sind z. B. der Langzeitzucker, Entzündungsmarker wie CRP, Nierenwerte, Leberwerte oder das LDL-Cholesterin. Schon wenn diese Werte sich innerhalb der Norm nach oben rechts bewegen, passiert im Körper etwas – auch wenn der Laborzettel noch „alles normal“ behauptet. Im klassischen System reagieren wir aber erst, wenn diese Werte deutlich über der Norm liegen und es fast schon gefährlich wird.

Schlüsselwerte sind Werte, bei denen sowohl ein Mangel als auch ein Zuviel problematisch ist. Sie brauchen ein Optimum in der Mitte. Ferritin ist ein gutes Beispiel: Ein Ferritin von 10 spricht für einen schweren Eisenmangel, eines von 1000 für eine genetische Eisenspeicher-Erkrankung. Dazwischen gibt es aber in der Referenz einen eher kleinen optimalen Bereich, der für den Stoffwechsel der gesündeste Zustand ist. Wichtig für die Präventionsstrategie sind Schlüsselwerte, die sich aus ihrem engen Optimum nachlinks oder rechts verschieben. Das bedeutet immer etwas. Und es gibt einige wenige Nährstoffe (Calcium, Kalium und Natrium) und viele Hormone, die zu den Schlüsselwerten zählen. Hier dürfen die Werte nicht außerhalb der Referenz liegen. Und für die präventive oder auch kurative Therapie, ist es nützlich Nährstoffe und Hormone, die niedrig in der Norm liegen, einzusetzen. Sie sind mächtige Instrumente zur Verbesserung der Stoffwechselfunktion. 

Und dann gibt es Gesundmachwerte – darin enthalten sind Spiegel von Nährstoffe und Hormonen, die nicht akut lebensnotwendig sind, aber enorm viel mit Wohlbefinden, Resilienz und gesunderhaltenden funktionellen Stoffwechselprozessen zu tun haben. Dazu gehören u.a. die Hormone Pregnenolon, Progesteron, DHEA, Melatonin und Calcidiol (25-OH Vitamin D) und die meisten Nährstoffe wie Vitamine, Mineralien, Spurenelemente, Aminosäuren, Omega-3-Fette und Antioxidantien wie Q10 und die Alpha-Liponsäure. Diese Werte sind bei vielen von uns auch schon in jungen Jahren, aber erst recht im Alter oder während stressiger Phasen im Leben, ganz „normal“ niedrig im Bereich der Norm, die ja nur statistisch widerspiegelt, was normal fehlt. Deswegen ist es bei den Gesundmachwerten unter Therapie völlig korrekt, sie an oder auch über die alte und schlecht versorgte Norm zu bringen. Das System verwechselt das gern mit „Überdosierung“, da wir das so von den Krank- und Schlüsselwerten gewohnt sind, dass ein Wert über der Norm mit Krankheit assoziiert ist, was aber so auf die gesundmachwerte eben nicht zu übertragen ist. Bei den Gesundmachwerten ist es wichtig, um gesundmachende Wirkung zu haben, dass man in der Therapie, die Werte individuell dosiert auf satte Zielspiegel einstellt, erst dann bewegen sich Schlüssel- und Krankwerte zurück in die Gesundheit.

Gibt es einen Zeitpunkt, ab dem Prävention zu spät ist?

Nein. Aber je früher man damit anfängt, desto mehr kann man verhindern. Man kann aber immer zu jedem Zeitpunkt etwas tun um seine Lebensqualität zu verbessern. 

Echte Prävention – also verhindern, dass etwas kaputtgeht – beginnt idealerweise, bevor Schäden sichtbar sind.

Wenn ich eine Frau mit 40 sehe, ist das perfekt. Mit 50 ist es immer noch ein guter Zeitpunkt, wenn man für die 80 vorbeugen möchte. Auch mit 60 oder 70 oder bei Zustand nach einem Ereignis, können wir noch viel tun, aber dann sprechen wir eher über sekundäre Prävention. Man kann immer Einfluss nehmen – aber je früher begonnen wird, desto größer die Gestaltungsmöglichkeiten.

Ich vergleiche es gern mit einem Unternehmen:

Wenn die Firma noch schwarze Zahlen schreibt, kann ich investieren, optimieren und gesund wachsen. Steht sie kurz vor der Insolvenz, kann ich immer noch helfen – aber eben nicht mehr alles retten.

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„Krankheiten wie Osteoporose und Schlaganfall fallen nicht vom Himmel. Es gibt immer einen Weg dorthin. Wenn wir früh genug hinschauen, könnten viele Frauen verhindern, dass es überhaupt so weit kommt.“

Viele Frauen haben Angst vor der Therapie mit Nährstoffen oder wissen nicht, welche sie brauchen. Woher kommt das?

Ich glaube, das liegt an einem großen Missverständnis. Die meisten denken, Nährstoffe seien etwas, das man bei ungesunder Ernährung, als Ersatz „einfach mal ein bisschen dazu nimmt“. Ich arbeite aber nach einem ganz anderen Ansatz, ich nutze Nährstoffe biochemisch, wie ein Medikament, nur mit dem Unterschied, dass es bei körpereigenen Nährstoffen nicht das Wort Nebenwirkung gibt, denn es handelt sich ja um körpereigene Stoffe. Es ist nur eine Frage, der richtigen Dosis für einen bestimmten Zweck – ich stelle mit Nährstoffen und auch Hormonen Stoffwechselprozesse ein, beeinflusse Entzündungen, regulative Systeme, Drüsenfunktionen, Schilddrüse, Leber, Mitochondrien.

Dafür muss man Nährstoffe richtig, also sicher und wirksam dosieren. Und zwar individuell.

Dass so viele Angst haben, liegt auch daran, dass jeder Einzelfall, in dem jemand völlig überdosiert hat – was extrem selten vorkommt – medial ausgeschlachtet wird. Und was fehlt, ist das Wissen, wie man Wirkung individuell kontrolliert: durch Messung.

Wir machen das in der Inneren Medizin mit Medikamenten ständig:

Wir stellen Blutdruck ein.

Wir stellen Zucker ein.

Wir stellen LDL ein.

Und wir geben Medikamente bei erhöhten Entzündungswerten, Tumormarken, Antikörpern. 

Ich mache im Grunde dasselbe – nur früher, feiner individuell und funktionell präventiv schützend mit Nährstoffen und Hormonen, lange bevor Medikamente nötig werden.

Viele Hausärzte sind bei Labordiagnostik zurückhaltend. Wie finde ich als Patientin den richtigen Weg?

Die meisten Ärztinnen und Ärzte haben einfach nicht gelernt, Labor aus der Gesundheit heraus zu lesen. Sie kennen Labor als Bestätigung oder Ausschluss einer manifesten behandlungspflichtigen Krankheit – nicht als Instrument zur frühen Orientierung.

Genau deshalb beschreibe und nenne ich in meinen Büchern genau die Werte, die es zur Beantwortung vieler Fragen braucht, damit Frauen und auch Männer sie selbst einfordern können.

Man kann als Selbstzahlerin in sehr vielen Laboren direkt Blut abnehmen lassen. Wenn man dann damit zu seinen Ärzten gehen möchte, ist es wichtig, dass man Werte aus Venenblut aus dem Arm aus einem akkreditierten Labor vorlegt, sonst können die Kolleginnen und Kollegen damit nicht arbeiten. Noch gelten Trockenbluttests aus dem Internet nicht in der ambulanten Medizin, die werden später nirgendwo akzeptiert und dann glaubt einem keiner den Eisenmangel oder den niedrigen Vitamin D-Spiegel. Das wird sich sicherlich ändern, aber noch ist es so. 

Mein Ziel ist, dass Frauen mit ihren Ergebnissen wieder zum Arzt gehen können und sagen: „Schau bitte noch einmal hin. Ich sehe hier Veränderungen, die auf eine Krankheit oder eine Störung hindeuten. 

Dann kann sie niemand mehr mit „alles normal“ abspeisen.

Du hast mein LDL im Gespräch kritisch eingeordnet. Meine Ärztin meinte, es sei „der Figur entsprechend“ und nicht schlimm. Warum siehst du das anders?

LDL ist ein klassischer Krankwert. Je niedriger, desto besser für die lebenslange Gefäßgesundheit – fertig.

Wenn du mit 44 Jahren ein LDL von 133 hast, dann ist das kein Notfall. Aber es zeigt eine ungünstige Entwicklung. Du bist jung, schlank, sportlich – und genau deshalb sollten wir verstehen, warum das LDL steigt. Vielleicht ist es genetisch, vielleicht hormonell, vielleicht fehlt ein Nährstoff, vielleicht gibt es eine stille Entzündung. Und wir sollten überlegen, wie wir es jetzt senken können. 

Das Entscheidende ist:

Wir können etwas tun, und wir müssen nicht zuschauen und abwarten, bis irgendwo ein oder viele arterielle Plaques entstehen. 

Und dieses „nicht schlimm“ – das ist für mich keine Medizin. Ein Wert ist entweder im optimalen Bereich oder nicht. Und wenn er nicht optimal gesund ist, dann ist das eine Einladung sich Gedanken über die Zusammenhänge zu machen die zum einen ursächlich eine Rolle spielen und zum anderen, wie wir je nach Ursache in den Prozess eingreifen können. Und wenn Lifestyle, Hormone und Nährstoffe nicht reichen, dann muss ggf. auch mal ein LDL senkendes Medikament eingesetzt werden, je nach vaskulärem Gesamt-Risiko und Gefäßzustand in der Bildgebung.

„Frauen brauchen keine Beruhigung – sie brauchen Wissen. Sobald sie verstehen, was hormonell passiert, können sie mitdenken und mitwirken.“

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Du sagst, Progesteron sei ein „Gesundmachhormon“. Viele Ärzt:innen sehen es nur als Schutz der Gebärmutterschleimhaut. Was übersehen wir?

Sehr viel. Progesteron ist ein wunderbares Gesundmach-Hormon für die Innere Medizin. Es stabilisiert Knochen, den Blutdruck, die Stimmung, den Schlaf, das Immunsystem und den Histaminstoffwechsel. Es wirkt angstlösend, neuroprotektiv, immunmodulierend – es ist ein echtes Wohlfühl- und Stabilitätshormon.

Dass es in der Gynäkologie häufig nur als „Endometrium-Schutz“ verwendet wird, hat historische Gründe und wenig mit der Biologie des Hormons zu tun. Viele Frauen in der Perimenopause fühlen sich mit Progesteron zum ersten Mal wieder wie sie selbst.

Ich würde mir wünschen, dass jede Frau zumindest die Chance bekommt, es kennenzulernen – unabhängig davon, ob sie eine Gebärmutter hat oder nicht.

"Der Laborzettel vom Hausarzt lügt nicht – aber er erzählt oft nicht die ganze Geschichte. Viele Werte sind ‚normal‘, obwohl sie längst zeigen, wohin sich der Körper entwickelt.“

Cortisol gilt als Stresshormon und wirkt oft bedrohlich. Du nennst es ein Schlüsselhormon. Warum?

Weil Cortisol – wenn es fehlt – genauso gefährlich ist, wie wenn zu viel davon da ist. Es ist ein zentraler Regulator unseres Stoffwechsels und Kreislaufes, unseres Immunsystems, unsere Energieproduktion. Und viele Frauen haben ein Cortisol, das formal noch „in der Norm“ ist, aber ganz am unteren Rand der „Norm“. Und genau da beginnt die Erschöpfung, die Infektanfälligkeit, das schlechte Stressmanagement.

In solchen Fällen kann eine niedrige morgendliche Gabe mit 10mg Hydrocortison (darin ist das körpereigene Cortisol enthalten) unglaublich hilfreich sein. Nicht als lebenslange Therapie, sondern als Unterstützung, bis das System wieder stabiler ist.

Dass Leitlinien das nicht empfehlen, liegt daran, dass sie für das kurative Procedere bei schweren Krankheitsbildern geschrieben sind – nicht für fein abgestimmte Prävention. Das ist wie Rehasport nach einem Schlaganfall versus Training für einen Triathlon. Zwei unterschiedliche Welten.

Wenn du einen Wunsch für das deutsche Gesundheitssystem frei hättest – welcher wäre es?

Bildung. Und zwar auf mehreren Ebenen.

Ich wünsche mir, dass Menschen früher erfahren, was in ihrem Inneren passiert. Dass Frauen mit 40 automatisch informiert werden, dass nun die Perimenopause beginnt. Dass man Knochendichte-Untersuchungen früher durchführt. Dass es verständliche aufklärende Webinare gibt, die jede Versicherte, je nach vaskulären Risikofaktoren absolvieren muss.

Und ich wünsche mir individuelle Verantwortung – aber begleitet. Nicht jeder kann allein kochen, Lebensstil umstellen, Nährstoffe einnehmen und Labore beurteilen. Wir brauchen Gesundheits-Coaches oder -Berater, die wirklich individuell an die Hand nehmen.

Wir dachten jahrzehntelang, man müsse erst zum Hausarzt gehen, wenn man etwas spürt. Leider spürt man die meisten internistischen Dinge erst, wenn bereits irreversibel Strukturen zerstört sind. Das müssen wir dringend ändern.

Vielen Dank für das spannende Gespräch!

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