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Interview

Keine Lust mehr? Warum Libidoverlust mehr ist als eine Hormonfrage
Im Gespräch mit Dr. med. Lisa-Maria Wallwiener

Viele Frauen beschreiben es ganz schlicht: „Ich habe einfach keine Lust mehr.“ Doch was steckt dahinter? Stress? Die Beziehung? Schmerzen beim Sex? Die hormonellen Veränderungen in der Perimenopause? Oder tatsächlich ein Testosteronmangel?

Dr. med. Lisa-Maria Wallwiener ist Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe mit Schwerpunkt gynäkologische Endokrinologie und Sexualmedizin. Im Interview erklärt sie, warum Lust nicht immer spontan entstehen muss, weshalb ein einzelner Hormonwert selten die ganze Antwort liefert und was Frauen konkret tun können, wenn ihnen ein wichtiger Teil ihrer Sexualität abhandengekommen ist.

Dr. med. Lisa-Maria Wallwiener, Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe mit Schwerpunkt gynäkologische Endokrinologie und Sexualmedizin
SA
Saskia Appelhoff
· August 2026· 10 Minuten Lesezeit

Viele Frauen sagen einfach: „Ich habe keine Lust mehr.“ Wann ist das ein normales Auf und Ab und wann sollte man genauer hinschauen?

Für mich ist die Antwort tatsächlich ziemlich einfach: Sobald eine Frau sagt, dass es ihr damit nicht gut geht, sollten wir hinschauen. Der entscheidende Punkt ist der Leidensdruck.

Natürlich sind wir keine Roboter. Niemand hat jeden Tag gleich viel Lust. Der Zyklus beeinflusst uns, ebenso bestimmte Lebensphasen: kleine Kinder, Stillzeit, viel Arbeit, kranke Eltern oder anhaltender Stress. Oft haben Frauen selbst schon eine Idee, warum ihre Lust gerade weniger geworden ist.

Es gibt auch eine medizinische Definition, nach der die Veränderung über mindestens sechs Monate bestehen muss. Aber wenn eine Frau nach drei Monaten sagt: „Das bin nicht mehr ich, das belastet mich sehr“, antworte ich natürlich nicht: „Dann warten wir noch drei Monate.“ Wenn es dich belastet, darfst du dir Unterstützung holen!

Was steckt deiner Erfahrung nach am häufigsten hinter Libidoverlust?

Sehr häufig ist es tatsächlich Stress. Das Wort benutzen wir inzwischen so inflationär, dass wir manchmal vergessen, welche Wirkung Stress auf den Körper hat. Auch positiver Stress bleibt für unsere hormonellen Regelkreise Stress. Du kannst deinen Job lieben, deine Kinder lieben und trotzdem permanent im Funktionsmodus sein.

Ich frage Frauen deshalb oft: „Können Sie eigentlich noch auf dem Sofa sitzen und nichts tun?“ Wirklich nichts. Keine Aufgabe, kein Handy, kein inneres Abarbeiten.

Hilfreich ist auch der Blick auf Situationen, in denen der Alltagsstress geringer ist, zum Beispiel im Urlaub. Ist die Lust dann wieder da? Und wie ist es beim Solosex, also bei der Selbstbefriedigung? Wenn dort Lust und Erregung möglich sind, kann das eine andere Spur sein, als wenn das Gefühl wirklich in allen Situationen verschwunden ist.

Wichtig ist mir aber: Stress darf nicht zur neuen Variante von „Das ist alles nur psychosomatisch“ werden. Libidoverlust ist selten nur psychisch oder nur körperlich. Wir müssen das Gesamtbild anschauen.

„Wenn es dich belastet, darfst du dir Unterstützung holen!“

Muss Lust denn überhaupt spontan entstehen?

Nein. Dieses Bild stammt stark aus Filmen: Zwei Menschen sehen sich, reißen sich die Kleider vom Leib und die Lust kommt wie der Heilige Geist über sie. Das ist nicht für alle die Realität.

In älteren linearen Modellen wie das von Masters und Johnson läuft Sexualität vereinfacht so ab: Ein Reiz entsteht, darauf folgen Lust, Erregung und schließlich der Orgasmus. Für viele Frauen passt ein zirkuläres Modell besser, wie es die Sexualmedizinerin Rosemary Basson beschrieben hat. Dabei wirken viele Dinge zusammen: Wie war mein Tag? Wie sind wir miteinander umgegangen? Gab es Nähe, Berührungen, Verbundenheit? Fühle ich mich sicher und entspannt?

Lust kann oft also erst im Prozess entstehen. Man spricht dann von responsiver Lust. Vielleicht gibt es zunächst nur ein erotisches Grundrauschen. Eine Berührung fühlt sich gut an, daraus entwickelt sich langsam mehr. Das ist genauso echte Lust wie die spontane Variante.

Dieses Wissen kann enorm entlasten. Denn dann muss ich nicht erwarten, dass ich mich verabrede, ein Glas Wein trinke und plötzlich „angeknipst“ bin. Diesen „Ratschlag“ hören Frauen leider nicht selten.

Wie kann eine Frau herausfinden, was ihre Lust entstehen lässt?

Es lohnt sich, einmal ganz bewusst zurückzublicken: Wann habe ich Sexualität als besonders schön erlebt? Was war damals in meinem Leben los? Wie war die Beziehung? Wie habe ich mich in meinem Körper gefühlt? Welche Art von Nähe oder Berührung hat mir gutgetan?

Das klingt vielleicht zunächst etwas verkopft. Aber es geht nicht darum, Sexualität zu analysieren, bis nichts mehr davon übrig ist. Es geht darum, die eigene Lust besser zu verstehen. Viele Frauen haben darüber noch nie nachgedacht, weil uns oft vermittelt wurde: Die andere Person muss nur die richtigen Dinge tun, dann werde ich automatisch angemacht. So einfach ist es meistens nicht.

Es geht auch nicht darum, einer Person die gesamte Verantwortung zuzuschieben. Meistens ist Sexualität etwas, das zwei Menschen miteinander gestalten. Deshalb ist die Frage wichtig: Wo liegen unsere gemeinsamen Nenner?

Welche Rolle spielen die Perimenopause und die Hormone?

Wenn eine Frau nicht hormonell verhütet hat, kennt sie häufig schon aus ihrem Zyklus, dass Hormone und Lust zusammenhängen können. Manche erleben rund um den Eisprung mehr sexuelles Interesse, andere merken vor der Periode, dass Energie, Belastbarkeit und Lust abnehmen. Hormone beeinflussen uns also schon lange vor den Wechseljahren. In der Perimenopause wird dieses Zusammenspiel jedoch deutlich unberechenbarer.

Das Entscheidende ist: Die Hormone sinken nicht einfach gleichmäßig ab. Östrogen und Progesteron können stark schwanken. Es gibt Phasen mit sehr hohen Östrogenspiegeln und dann wieder deutliche Einbrüche. Gleichzeitig wird der Eisprung unregelmäßiger, sodass zeitweise weniger Progesteron gebildet wird. Viele Frauen beschreiben es wie eine Achterbahnfahrt, bei der sie nicht mehr genau wissen, was sie in der nächsten Woche oder den nächsten Tagen erwartet.

Das kann sich direkt und indirekt auf die Sexualität auswirken. Vielleicht verändert sich das sexuelle Interesse. Vielleicht schläft die Frau schlechter, fühlt sich erschöpft, gereizt oder weniger belastbar. Vielleicht fühlt sie sich in ihrem Körper plötzlich fremd. Und natürlich entsteht Lust schwerer, wenn ich müde bin, mich unwohl fühle oder gedanklich permanent im Funktionsmodus stecke.

Auch die Schleimhäute spielen eine wichtige Rolle. Durch den veränderten Östrogeneinfluss können Vulva und Vagina trockener und empfindlicher werden. Berührungen, die früher angenehm waren, fühlen sich plötzlich unangenehm an oder Penetration beginnt zu schmerzen. Wenn der Körper gelernt hat: Sex tut weh, reagiert er verständlicherweise nicht mit Vorfreude. Dann müssen wir zuerst die körperliche Ursache ernst nehmen und behandeln, statt nur über „fehlende Lust“ zu sprechen.

Testosteron ist dabei ein besonderes Thema. Aber auch hier gilt: Ein einzelner Laborwert erklärt die Libido nicht. Es gibt Frauen mit eher niedrigen Werten und einem sehr erfüllten Sexualleben. Andere erleben einen deutlichen Verlust ihres sexuellen Verlangens, obwohl ihr Wert formal noch im Referenzbereich liegt. Außerdem gibt es keinen einzelnen Testosteronwert, an dem wir sicher ablesen können: Diese Frau hat nur deshalb keine Lust.

Hormone sind also ein wichtiges Puzzleteil, aber selten das ganze Bild. Eine Hormontherapie kann bei bestimmten Beschwerden sinnvoll sein und sich dadurch auch positiv auf die Sexualität auswirken, etwa wenn Schlaf, Stimmung oder Schleimhautbeschwerden besser werden. Sie ist aber kein automatischer Schalter für Lust.

Deshalb darf die Entscheidung über eine Therapie nie nur an einer Zahl hängen. Entscheidend ist: Was hat sich verändert? Wie groß ist der Leidensdruck? Gibt es Schmerzen, Schlafprobleme oder andere Beschwerden? Wie sieht die Beziehung aus? Welche Medikamente werden eingenommen und wie hoch ist die allgemeine Belastung?

Libido lässt sich nur biopsychosozial verstehen. Wir müssen den Körper, die Psyche, die Beziehung und die aktuelle Lebenssituation gemeinsam betrachten. Erst dann können wir herausfinden, an welchen kleinen oder größeren Knöpfchen wir sinnvoll drehen können.

Testosteron wird gerade viel diskutiert. Für welche Frauen kann eine Therapie sinnvoll sein?

Für ausgewählte Frauen mit belastend vermindertem sexuellem Verlangen kann ein zunächst zeitlich begrenzter Therapieversuch sinnvoll sein, wenn andere wesentliche Ursachen mitgedacht und behandelt wurden. Dazu gehören zum Beispiel Schmerzen, trockene Schleimhäute, Schlafmangel, Medikamente, psychische Belastungen oder Beziehungsthemen.

Ganz wichtig ist die Frage: Was möchte die Frau eigentlich erreichen? Möchte sie auf Knopfdruck funktionieren? (Und warum?) Oder hat sie das Gefühl, dass ihr ein Teil ihrer eigenen Sexualität abhandengekommen ist? Das sind zwei sehr unterschiedliche Ausgangslagen.

Wenn eine Frau beim Solosex keine Schwierigkeiten hat, aber mit ihrem Partner oder Partnerin keine Lust empfindet, liegt das Problem möglicherweise nicht an zu wenig Testosteron. Dann würde eine Hormontherapie am eigentlichen Thema vorbeigehen.

„Intimität ist nicht automatisch Erotik.“

Wie läuft eine Testosterontherapie ab und was müssen Frauen wissen?

In Deutschland gibt es derzeit kein für Frauen zugelassenes Testosteronpräparat. Eine Behandlung erfolgt deshalb off-label und gehört in erfahrene ärztliche Hände. Verwendet werden transdermale Präparate in einer deutlich niedrigeren Dosierung als bei Männern. Auswahl und Dosierung müssen individuell festgelegt werden und üblicherweise in der Apotheke nach individuellem Rezept hergestellt werden.

Vor Beginn wird der Ausgangswert bestimmt. Nach einigen Wochen sollte kontrolliert werden, wie es der Frau geht, ob der Wert im physiologischen Bereich bleibt und ob Nebenwirkungen auftreten. Der gewünschte Effekt zeigt sich nicht bei jeder Frau sofort. Deshalb braucht es Geduld und einen zeitlich klar begrenzten Versuch.

Nach längstens sechs Monaten sollte man gemeinsam ehrlich Bilanz ziehen: Hat sich das sexuelle Verlangen spürbar verbessert? Fühlt sich die Frau wieder mehr wie sie selbst? Wenn nicht, wird die Therapie beendet. Dann war es ein Versuch, kein Versagen.

Mögliche Nebenwirkungen sind unreine oder fettigere Haut, Akne, unerwünschter Haarwuchs oder Haarverlust am Kopf. Bei zu hoher Dosierung über längerer Anwendung können auch ausgeprägtere Androgenisierungserscheinungen auftreten wie eine dauerhafte Veränderung der Stimmlage. Genau deshalb sind eine niedrige Dosierung und regelmäßige Kontrollen so wichtig.

Kann es durch Testosteron wieder „wie früher“ werden?

Da würde ich zuerst fragen: Was bedeutet „wie früher“?

Möchte die Frau wieder Sex haben wie mit 20? Oder möchte sie Sexualität und Intimität so erleben wie vor dem Moment, an dem sie gemerkt hat: Mir ist etwas von meiner Essenz abhandengekommen?

Wir wollen Frauen nicht mit Hormonen in einen unrealistischen früheren Lebensabschnitt zurückversetzen. Aber wenn tatsächlich ein hormonelles Puzzleteil fehlt und die richtige Frau von der Behandlung profitiert, kann sie sagen: „Ich fühle mich in meiner Sexualität wieder wie ich selbst.“

Das ist das Ziel, nicht Dauerlust.

Kann man Lust verlernen, wenn man lange keinen Sex hatte oder Sex schmerzhaft war?

Unser Gehirn lernt durch Wiederholung. Wenn Sexualität immer wieder mit Schmerz, Druck oder Enttäuschung verbunden ist, kann der Körper sehr verlässlich mit Rückzug reagieren. Das ist kein persönliches Scheitern, sondern zunächst ein Schutzmechanismus.

In und nach den Wechseljahren kann der sinkende Östrogenspiegel außerdem dazu führen, dass das Gewebe an Vulva und Vagina trockener, dünner und verletzlicher wird. Penetration kann dann wehtun oder kleine Einrisse verursachen. Wer Schmerzen erwartet, entwickelt verständlicherweise nicht automatisch Lust.

Deshalb sollte man zuerst die körperliche Basis behandeln. Dazu können je nach Befund Pflegeprodukte, Gleitgel und lokal angewendete Östrogene gehören. Anschließend kann man sich langsam und ohne Druck wieder an angenehme Berührungen und, wenn gewünscht, an Penetration herantasten.

Nicht von null auf hundert, sondern Schritt für Schritt.

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Viele Frauen sagen: „Ich liebe meinen Partner, aber ich habe keine Lust mehr auf den Sex, den wir haben.“ Was rätst du ihnen?

Dann lohnt es sich, genau diesen Satz ernst zu nehmen. Vielleicht fehlt nicht die Lust auf Sexualität, sondern die Lust auf diese Art von Sexualität.

Viele Paare sind lange zusammen, haben Kinder großgezogen und ein gemeinsames Leben aufgebaut. Sie besitzen ein hohes Maß an Intimität, kennen sich in- und auswendig und gehen vielleicht sogar selbstverständlich voreinander aufs Klo. Aber Intimität ist nicht automatisch Erotik.

Deshalb frage ich: Wie läuft der Sex ab? Nicht unbedingt in allen Details und Positionen, sondern emotional. Was passiert auf der Gefühlsebene? Ist es vorhersehbar geworden? Entsteht Druck? Gibt es Schmerzen? Was würde sich die Frau wünschen, was der Partner?

Es geht nicht darum, dass die Frau passiv wie ein Seestern daliegt und der Partner jetzt alles „richtig machen“ muss. Und es geht genauso wenig darum, der Frau allein die Verantwortung zu geben. Sexualität ist häufig ein Paarthema.

Was kann ein Paar ganz konkret ausprobieren?

Ein häufiges Muster sieht so aus: Ein Paar sitzt auf dem Sofa und kuschelt. Dann wandert eine Hand an eine bestimmte Stelle und die Frau weiß sofort, was als Nächstes kommen soll. Eigentlich wollte sie nur Nähe. In diesem Moment geht innerlich eine Wand herunter, weil sie keinen Sex möchte, den anderen aber auch nicht enttäuschen will.

Dann kann man Berührung für eine Zeit ganz bewusst von Sex entkoppeln. Das Paar vereinbart: Diese Berührung ist absichtslos. Sie soll einfach schön sein, spart Genitalien aus und führt garantiert nicht zu Penetration oder zu einem vorher festgelegten nächsten Schritt.

Viele Paare erleben das als große Entlastung. Sie können den Moment wieder genießen, weil sie sich auf die Vereinbarung verlassen können. Später lässt sich das langsam erweitern.

Entscheidend ist, die alte Einbahnstraße zu verlassen. Unser Gehirn ist lernbegierig. Manchmal macht es schon einen großen Unterschied, einen anderen Weg zu nehmen, selbst wenn man irgendwann an einem ähnlichen Ziel ankommt.

Wann ist eine Sexualmedizinerin die richtige Ansprechpartnerin und wann eher eine Paar- oder Psychotherapeutin?

Wenn eine Frau bereits therapeutisch begleitet wird, kann sie das Thema zunächst dort ansprechen. Erstaunlich viele Menschen sprechen in der Therapie über alles Mögliche, aber nicht über Sexualität. Manche Therapeutinnen und Therapeuten nehmen das Thema gern auf, andere sagen offen, dass es nicht ihr Fachgebiet ist.

Sexualmedizinerinnen und Sexualmediziner haben eine entsprechende Zusatzqualifikation und können medizinische, hormonelle und psychosexuelle Aspekte zusammenbringen. Daneben gibt es Sexualtherapeutinnen und Sexualtherapeuten mit psychologischem Hintergrund.

Auch eine Kombination kann gut funktionieren, zum Beispiel gynäkologische Betreuung für die körperlichen und hormonellen Fragen und eine sexual- oder paartherapeutische Begleitung für die anderen Ebenen.

Wichtig ist, dass man sich sicher genug fühlt, offen zu sprechen. Man muss nicht beste Freundinnen sein. Aber die Verbindung sollte stimmen.

Wir sprechen viel über Libidoverlust. Kann die Lust in der Lebensmitte auch stärker werden?

Absolut. Es gibt viele Frauen, die in dieser Lebensphase ein sehr erfülltes Sexualleben haben oder Sexualität sogar besser erleben als früher.

Ich fasse diese Veränderung manchmal etwas unorthodox zusammen: „I’m too old for this shit.“ Irgendwann habe ich keine Lust mehr, darüber nachzudenken, ob man eine Bauchfalte sieht. Ich muss nicht mehr perfekt aussehen und alles perfekt machen. Viele Frauen stehen mitten im Leben, kennen sich besser und kommunizieren klarer, was sie möchten und was nicht.

Manchmal fallen auch konkrete Sorgen weg. Die Kinder sind größer oder aus dem Haus, die finanzielle Situation ist stabiler, eine ungewollte Schwangerschaft spielt keine Rolle mehr. All das kann Raum schaffen.

Auch hier gilt: Ein Hormonwert allein entscheidet nicht, ob Sexualität erfüllend ist. Es geht um die gesamte Situation und um das Verhältnis, das eine Frau zu sich, ihrem Körper und ihren Bedürfnissen entwickelt hat.

„Sexualität hat kein Ablaufdatum.“

Was rätst du einer Frau, die sagt: „Ich hatte eigentlich noch nie besonders viel Lust, möchte das Thema aber jetzt für mich entdecken“?

Ich würde strukturiert vorgehen. Zuerst die körperliche Basis: Gibt es Trockenheit, Schmerzen, Einrisse oder andere Beschwerden? Gleitgel ist übrigens nichts, was man sich erst „verdienen“ muss, wenn es gar nicht mehr geht. Es kann Sexualität in jedem Alter angenehmer machen.

Dann folgt eine ausführliche Anamnese. Wie sieht das Leben aus? Wie die Beziehung? Wie hoch ist die Belastung? Welche Medikamente werden eingenommen? Bestimmte Antidepressiva können zum Beispiel das sexuelle Verlangen und die sexuelle Reaktion verändern. Je nach Situation kann auch eine gezielte hormonelle Abklärung sinnvoll sein.

Und dann kommt die vielleicht wichtigste Frage: Was wünsche ich mir eigentlich? Nicht, was sollte ich wollen, was macht man in meinem Alter oder was erwartet mein Gegenüber. Sondern: Welches Bild von Sexualität fühlt sich für mich stimmig an?

Lust entsteht meistens nicht durch einen einzigen großen Schalter. Oft drehen wir an vielen kleinen Knöpfchen. Zusammen können sie einen großen Unterschied machen.

Welchen Glaubenssatz über Libido würdest du am liebsten streichen?

„Das ist in meinem Alter eben so, da kann ich nichts machen.“

Das stimmt nicht. Wir können sehr viel tun. Wir können die körperliche Situation anschauen, die Schleimhäute behandeln, Medikamente und Hormone prüfen, Stress und Beziehungsmuster ernst nehmen und die eigene Definition von Lust hinterfragen.

Sexualität hat kein Ablaufdatum. Wenn sie für eine Frau immer ein wichtiger Teil ihres Lebens und ihrer Persönlichkeit war und ihr nun fehlt, sollte sie sich nicht damit abfinden müssen. Genau so wenig wie die Frau, die jetzt die Zeit nützen möchte um das Thema für sich neu zu entdecken. Go for it!

Vielen Dank für das spannende Gespräch!

PAUSE Summit 2026

Dr. med. Lisa-Maria Wallwiener ist außerdem beim PAUSE Summit am 17. Oktober 2026 in München dabei. Im Panel zum Thema Libidoverlust bringt sie die gynäkologische, hormonelle und sexualmedizinische Perspektive ein.

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