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Interview

Wenn er plötzlich anders ist: Was Frauen über Testosteronmangel beim Mann wissen sollten
Dr. med. Jonathan Apasu über Testosteronmangel, fehlenden Antrieb und die Frage, warum auch Partnerinnen Veränderungen häufig zuerst bemerken

Er ist ständig müde, zieht sich zurück, verliert die Lust auf Sex und kann sich kaum noch zum Sport oder zu gemeinsamen Aktivitäten aufraffen. Seine Partnerin spürt: Irgendetwas hat sich verändert.

Nicht immer stecken die Hormone dahinter. Aber ein Testosteronmangel kann körperliche, sexuelle und psychische Beschwerden verursachen – und wird noch immer häufig übersehen.

Im Gespräch erklärt Dr. med. Jonathan Apasu, Arzt und Gründer der digitalen Männergesundheitsplattform Adon Health, warum er mit dem Begriff „Andropause“ vorsichtig ist, welche Symptome auf einen Testosteronmangel hinweisen können und weshalb ein einzelner Laborwert für die Diagnose nicht ausreicht.

Dr. med. Jonathan Apasu, Arzt und Gründer von Adon Health
SA
Saskia Appelhoff
· August 2026· 9 Minuten Lesezeit

Jonathan, warum ist dir das Thema Testosteronmangel so wichtig?

Das Ganze hat mit einer sehr persönlichen Geschichte begonnen. Vor etwa drei Jahren ging es einem sehr guten Freund von mir zunehmend schlecht. Er war ständig müde und abgeschlagen, hatte kaum noch Libido und auch seine Partnerschaft litt darunter. Seine damalige Freundin – heute seine Frau – wusste irgendwann nicht mehr richtig, was mit ihm los war.

Er war bei verschiedenen Ärzten, unter anderem beim Urologen, aber niemand konnte ihm wirklich helfen. Irgendwann haben wir uns seine Laborwerte genauer angesehen. Dabei stellte sich heraus, dass insbesondere sein Testosteronwert sehr niedrig war. Er hatte einen Testosteronmangel.

Was mich damals selbst überrascht hat: Obwohl ich Medizin studiert und in der Klinik gearbeitet hatte, wusste ich nicht, wie häufig Männer davon betroffen sein können und wie wenige von ihnen eine passende Behandlung erhalten.

Viele dieser Männer fühlen sich nicht mehr wie sie selbst. Ihnen fehlen Energie, Motivation und Antrieb. Das wirkt sich nicht nur auf sie aus, sondern oft auch auf ihre Partnerinnen, ihre Familie und ihr gesamtes soziales Umfeld.

Diese Erfahrung hat mich letztlich dazu motiviert, Adon Health zu gründen und mich stärker für Aufklärung im Bereich Männergesundheit einzusetzen.

Es wird häufig von der „Andropause“ als männlichem Pendant zu den Wechseljahren gesprochen. Ist dieser Vergleich passend?

Ich bin mit dem Begriff eher zurückhaltend. Bei Frauen markieren die Wechseljahre eine klar definierte hormonelle Übergangsphase. Beim Mann gibt es in der Regel keinen vergleichbar plötzlichen Einschnitt.

Testosteronwerte können mit zunehmendem Alter langsam sinken. Den hormonellen Höhepunkt erreichen Männer meist in ihren Zwanzigern oder frühen Dreißigern. Danach kann der Wert allmählich zurückgehen.

Das bedeutet aber nicht, dass ein deutlicher Testosteronabfall zwangsläufig zum Älterwerden gehört. Wenn man in Studien Faktoren wie Übergewicht, Begleiterkrankungen und bestimmte Lebensstilfaktoren berücksichtigt, sieht man, dass Männer auch im höheren Lebensalter relativ stabile Werte haben können.

Der Rückgang ist daher häufig weniger eine reine Folge des Alters als eine Folge der Lebensumstände, die sich mit dem Älterwerden verändern.

Welche Rolle spielt der moderne Lebensstil dabei?

Eine sehr große. Wir bewegen uns weniger, sitzen mehr, schlafen schlechter, sind stärker gestresst und häufiger übergewichtig. Auch Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes können den Testosteronhaushalt beeinflussen.

Studien deuten zudem darauf hin, dass gleichaltrige Männer heute im Durchschnitt niedrigere Testosteronwerte haben als Männer früherer Generationen (Quelle: Travison et al. 2007).

Es gibt viele Theorien dazu. Häufig werden beispielsweise Umweltfaktoren oder hormonell wirksame Substanzen diskutiert. Der wichtigste und am besten beeinflussbare Faktor scheint aber weiterhin der Lebensstil zu sein.

Das ist zunächst eine schlechte Nachricht, weil unser Alltag die Hormongesundheit erheblich belasten kann. Gleichzeitig ist es auch eine gute Nachricht: An vielen dieser Faktoren können Männer selbst etwas verändern.

„So kenne ich dich gar nicht. Du bist nicht mehr der Mann, den ich damals kennengelernt habe.“

Woran kann man einen Testosteronmangel erkennen?

Die Beschwerden lassen sich grob in drei Bereiche einteilen: psychische Veränderungen, sexuelle Beschwerden und körperliche beziehungsweise stoffwechselbezogene Veränderungen.

Viele denken bei Testosteron zunächst an Muskeln oder Libido. In der Praxis sind es aber häufig die psychischen Veränderungen, wegen denen Männer Hilfe suchen.

Typische Beschwerden können sein:

  • anhaltende Erschöpfung und Müdigkeit
  • fehlender Antrieb und Motivationsverlust
  • Konzentrationsprobleme
  • weniger Freude an Aktivitäten
  • sozialer Rückzug
  • verminderte Libido
  • Erektionsprobleme
  • nachlassende Muskelkraft
  • Zunahme des Körperfettanteils
  • Schwierigkeiten beim Muskelaufbau

Es sind häufig Männer, die eigentlich mit beiden Beinen im Leben stehen. Sie haben einen guten Beruf, eine Familie und grundsätzlich stabile Lebensumstände. Trotzdem berichten sie, dass sie sich nicht mehr fit fühlen, am Nachmittag vor dem Bildschirm fast einschlafen und sich für Dinge, die ihnen früher Freude gemacht haben, kaum noch aufraffen können.

Bemerken Partnerinnen die Veränderung manchmal früher als die Männer selbst?

Ja, das erleben wir sehr häufig. Die Partnerin sagt dann beispielsweise: „So kenne ich dich gar nicht. Du bist nicht mehr der Mann, den ich damals kennengelernt habe.“

Der Mann möchte nichts mehr unternehmen, trifft seltener Freunde, geht nicht mehr zum Sport oder muss sich regelrecht dazu zwingen. Gleichzeitig verändert sich möglicherweise das gemeinsame Liebesleben.

Natürlich sollte man nicht bei jeder Müdigkeit oder Beziehungskrise sofort an Testosteron denken. Die Beschwerden sind unspezifisch und können viele Ursachen haben. Aber wenn mehrere Symptome zusammenkommen und über längere Zeit bestehen, sollte man die Hormone zumindest mit in die Diagnostik einbeziehen.

Warum wird ein möglicher Testosteronmangel trotzdem so oft übersehen?

Männern wird häufig gesagt: „Du bist eben über 40. Schlaf mehr, iss gesünder und beweg dich häufiger.“

Grundsätzlich sind das keine falschen Empfehlungen. Schlaf, Ernährung und Bewegung sind enorm wichtig. Aber solche allgemeinen Ratschläge reichen nicht aus, wenn tatsächlich ein behandlungsbedürftiger Hormonmangel vorliegt.

Hinzu kommt, dass viele Männer wenig Übung darin haben, über körperliche oder psychische Veränderungen zu sprechen. Sie können oft gar nicht genau benennen, was mit ihnen passiert. Manche nehmen die Beschwerden einfach hin oder schieben sie auf das Alter, den Job oder den alltäglichen Stress.

Deshalb ist es wichtig, Männer stärker für ihre Gesundheit zu sensibilisieren und ihnen eine Sprache dafür zu geben.

Wie kann ein Testosteronmangel entstehen?

Testosteron wird beim Mann zum größten Teil in den Hoden produziert. Damit das funktioniert, benötigen die Hoden Signale aus dem Gehirn. An dieser Steuerung sind unter anderem der Hypothalamus und die Hypophyse beteiligt.

Eine Störung kann deshalb an unterschiedlichen Stellen entstehen.

Beim sogenannten primären Testosteronmangel liegt das Problem direkt im Hoden, zum Beispiel infolge eines Tumors, einer Verletzung oder einer anderen Schädigung.

Beim sekundären Testosteronmangel liegt die Ursache in den übergeordneten Steuerzentren im Gehirn. Die Hoden wären grundsätzlich in der Lage, Testosteron zu produzieren, erhalten aber nicht die notwendigen Signale.

Diese organischen Ursachen betreffen allerdings nur einen kleineren Teil der Männer. Viel häufiger liegt ein funktioneller Testosteronmangel vor. Hoden und hormonelle Steuerung sind grundsätzlich intakt, werden aber beispielsweise durch Übergewicht, Diabetes, bestimmte Medikamente, chronischen Stress oder Schlafmangel beeinträchtigt.

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Reichen die Symptome aus, um einen Testosteronmangel festzustellen?

Nein. Die Symptome sind zu unspezifisch. Müdigkeit, Antriebslosigkeit oder Libidoverlust können viele unterschiedliche Ursachen haben.

Für die Diagnose braucht es deshalb immer eine Kombination aus persönlicher Krankengeschichte, Beschwerden, Lebensumständen und Laborwerten.

Ein Speicheltest ist dafür aus meiner Sicht nicht die beste Wahl. Auch medizinische Leitlinien empfehlen für die Diagnostik in der Regel eine Blutuntersuchung. Das kann eine klassische venöse Blutabnahme in einer Arztpraxis oder einem Labor sein. Es gibt mittlerweile auch Kapillarbluttests, die zu Hause durchgeführt werden können. Wichtig ist außerdem, dass die Blutabnahme morgens erfolgt – idealerweise zwischen 7 und 11 Uhr –, weil die Testosteronwerte im Tagesverlauf schwanken. Ein auffälliger Wert sollte zudem durch eine zweite Messung bestätigt werden.

Entscheidend ist aber: Der Blutwert allein erzählt ebenfalls nicht die ganze Geschichte. Er muss immer im Zusammenhang mit den Beschwerden und der individuellen Situation betrachtet werden.

Welche Laborwerte sind besonders wichtig?

Ein häufiger Fehler ist, ausschließlich das Gesamttestosteron zu bestimmen.

Testosteron liegt im Blut größtenteils gebunden an Transportproteine vor, insbesondere an das sexualhormonbindende Globulin, kurz SHBG, und an Albumin. Nur ein kleiner Anteil ist frei beziehungsweise biologisch verfügbar und kann im Körper seine Wirkung entfalten.

Deshalb sollte man nicht nur das Gesamttestosteron betrachten. Werte wie SHBG und Albumin können dabei helfen, den Anteil des freien Testosterons besser einzuschätzen.

Ein vermeintlich unauffälliges Gesamttestosteron schließt nicht automatisch aus, dass biologisch zu wenig wirksames Testosteron vorhanden ist. Umgekehrt bedeutet ein einzelner niedriger Wert nicht sofort, dass eine Therapie notwendig ist.

Es braucht immer eine sorgfältige ärztliche Einordnung.

Welche Möglichkeiten gibt es, die Testosteronwerte zu verbessern?

Die Behandlung basiert im Wesentlichen auf zwei Säulen: der Anpassung des Lebensstils und – wenn medizinisch notwendig – einer ärztlich begleiteten Testosteronersatztherapie.

Zu den wichtigsten Lebensstilfaktoren gehören:

  • ein gesundes Gewichtsmanagement
  • regelmäßige körperliche Aktivität und Krafttraining
  • eine an den tatsächlichen Bedarf angepasste Energiezufuhr
  • ausreichend Protein und gesunde Fette
  • eine gute Versorgung mit Vitaminen und Mikronährstoffen
  • Stressmanagement
  • ausreichend und erholsamer Schlaf

Gerade Schlaf wird häufig unterschätzt. Schon eine relativ kurze Phase mit deutlich zu wenig Schlaf kann die Testosteronwerte messbar reduzieren. In einer Studie senkte bereits eine Woche mit ca. 5 Stunden Schlaf pro Nacht die Testosteronwerte junger Männer um 10–15% (Leproult & Van Cauter, JAMA 2011).

„Ein Mann muss nicht akzeptieren, dass er sich ab 40 dauerhaft energielos, antriebslos und nicht mehr wie er selbst fühlt.“

Warum reicht der Hinweis auf einen gesunden Lebensstil trotzdem nicht immer aus?

Weil genau die Beschwerden, die durch einen Testosteronmangel entstehen können, eine Lebensstilveränderung erschweren.

Wer permanent erschöpft ist, keine Motivation verspürt und sich kaum konzentrieren kann, schafft es möglicherweise nicht, dreimal pro Woche zum Sport zu gehen, Gewicht zu reduzieren oder seine Ernährung dauerhaft umzustellen.

Selbst wenn sich ein Mann ins Fitnessstudio schleppt, kann der Muskelaufbau schwieriger sein, wenn ein ausgeprägter Hormonmangel vorliegt.

In solchen Fällen kann eine medizinisch begründete Testosteronersatztherapie dabei helfen, überhaupt wieder die Energie und Motivation zu entwickeln, um die notwendigen Veränderungen im Alltag umzusetzen.

Sie ersetzt einen gesunden Lebensstil nicht. Idealerweise greifen beide Maßnahmen ineinander.

Wann kommt eine Testosteronersatztherapie infrage?

Sie kommt infrage, wenn tatsächlich ein Testosteronmangel festgestellt wurde, passende Beschwerden bestehen und andere mögliche Ursachen berücksichtigt wurden. Ein wichtiger Punkt ist außerdem ein möglicher Kinderwunsch: Eine Testosteronersatztherapie kann die körpereigene Spermienproduktion unterdrücken. Wer sich noch Kinder wünscht, sollte das vor Therapiebeginn ärztlich besprechen.

Ganz wichtig ist: Eine solche Therapie sollte niemals auf eigene Faust erfolgen. Sie gehört immer in ärztliche Hände und muss regelmäßig kontrolliert werden. Sicherheit und mögliche Nebenwirkungen sind erfahrungsgemäß die häufigsten Sorgen, wenn es um eine Testosterontherapie geht – und genau deshalb nehmen wir das Thema Kontrolle so ernst. Jede Therapie wird bei uns engmaschig ärztlich begleitet: In regelmäßigen Abständen kontrollieren wir deine Blutwerte, insbesondere das Blutbild mit dem Hämatokrit (also der Zahl der roten Blutkörperchen, die unter Testosteron ansteigen kann) sowie den PSA-Wert zur Kontrolle der Prostata. So stellen wir sicher, dass deine Werte im sicheren Bereich bleiben – und können frühzeitig reagieren und die Therapie anpassen, bevor Nebenwirkungen überhaupt entstehen.

In Deutschland wird Testosteron hauptsächlich auf zwei Wegen verabreicht. Eine Möglichkeit ist ein Gel, das täglich auf die Haut aufgetragen wird. Dabei muss darauf geachtet werden, dass es unmittelbar nach dem Auftragen nicht zu engem Hautkontakt mit der Partnerin oder Kindern kommt.

Die zweite häufige Möglichkeit sind Injektionen, bei denen das Testosteron in bestimmten Abständen gespritzt wird.

Welche Variante geeignet ist, hängt von der individuellen Situation und den persönlichen Präferenzen ab.

Wie schnell können Männer eine Veränderung bemerken?

Das ist individuell unterschiedlich. Einige Männer berichten bereits innerhalb der ersten Wochen, dass sie wacher und konzentrierter sind, wieder mehr Energie haben und ihre Libido zurückkehrt.

Andere Veränderungen brauchen länger. Verbesserungen der Körperzusammensetzung, der Muskelmasse, der Muskelkraft oder der Knochendichte entwickeln sich eher über mehrere Monate.

Die Therapie ist deshalb kein kurzfristiger Leistungskick. Es geht darum, einen tatsächlichen Mangel auszugleichen und die Lebensqualität langfristig wiederherzustellen.

„Mir fällt auf, dass du seit einiger Zeit sehr erschöpft bist und dich immer mehr zurückziehst. Ich mache mir Sorgen und würde mir wünschen, dass du das einmal untersuchen lässt.“

Welche Rolle spielt Östrogen bei Männern?

Auch für Männer ist Östrogen ein sehr wichtiges Hormon. Ein Teil des Testosterons wird im männlichen Körper in Östrogen umgewandelt.

Östrogen spielt unter anderem für die Knochengesundheit eine wichtige Rolle. Ein Testosteronmangel kann deshalb indirekt auch dazu führen, dass weniger Östrogen zur Verfügung steht und langfristig das Osteoporoserisiko steigt.

Hormone wirken nie vollständig isoliert voneinander. Entscheidend ist das Zusammenspiel – auch beim Mann.

Was sollten Frauen tun, wenn sie bei ihrem Partner deutliche Veränderungen beobachten?

Sie können das Gespräch suchen und ihre Beobachtungen ansprechen, ohne sofort eine Diagnose zu stellen.

Zum Beispiel: „Mir fällt auf, dass du seit einiger Zeit sehr erschöpft bist und dich immer mehr zurückziehst. Ich mache mir Sorgen und würde mir wünschen, dass du das einmal untersuchen lässt.“

Der Testosteronwert ist dabei nur ein möglicher Baustein. Auch andere körperliche Erkrankungen, psychische Belastungen, Medikamente, Schlafprobleme oder Stoffwechselveränderungen können ähnliche Beschwerden verursachen.

Wichtig ist, die Veränderungen nicht einfach mit dem Alter abzutun. Ein Mann muss nicht akzeptieren, dass er sich ab 40 dauerhaft energielos, antriebslos und nicht mehr wie er selbst fühlt.

Es lohnt sich, genauer hinzusehen.

Vielen Dank für das tolle Interview!

Mehr Infos zum Test bei Adon Health findet ihr hier: adon-health.de/pages/testosteron-testen