
Zehn Jahre lang dachte ich, mit meiner Psyche stimmt etwas nicht.
Claudia (51) über Angstzustände, Panikattacken und die Perimenopause
Angstzustände, Panikattacken, Schlafprobleme, Herzrasen, Erschöpfung. Claudia war Ende 30, als sie merkte, dass etwas nicht stimmte. Weil ihre Beschwerden immer wieder vor der Periode auftraten, fragte sie schon früh, ob Hormone eine Rolle spielen könnten.
Die Antwort: Dafür sei sie noch zu jung.
Was folgte, waren Jahre voller Unsicherheit, zehn Jahre Antidepressiva und irgendwann ein Burnout. Erst viel später entstand für Claudia der Zusammenhang zwischen ihren Beschwerden und der Perimenopause.
Heute ist sie 51. Im Gespräch erzählt sie, wie sie diese Jahre erlebt hat, warum sie sich lange nicht ernst genommen fühlte und was sie anderen Frauen heute gerne früher sagen würde.
Psychische und körperliche Beschwerden können sich in der Perimenopause verändern. Claudia fiel vor allem auf, dass ihre Angstzustände, innere Unruhe, Herzrasen und Stimmungsschwankungen immer wieder in einem klaren zeitlichen Zusammenhang mit ihrem Zyklus auftraten. Für sie war genau dieses Muster rückblickend entscheidend.
Kernaussagen
Die wichtigsten Aussagen von Claudia
„Zwei Wochen ging es mir gut und zwei Wochen war ich ein völlig anderer Mensch.“
„Und niemand hat mir geglaubt.“
„Ich habe zehn Jahre Antidepressiva genommen.“
„Wenn ich damals schon gewusst hätte, was ich heute weiß, hätte ich mir wahrscheinlich einiges ersparen können.“
„Heute kann ich mich hinsetzen und sagen: Ich spüre die Unruhe. Aber ich entscheide, was ich tue.“
Erste Angstzustände mit 38: ein Muster, das mit dem Zyklus zusammenhängt
Claudia*, weißt du noch, wann die ersten Beschwerden angefangen haben?
Ja. Die ersten Symptome hatte ich schon mit 38.
Plötzlich kamen Angstzustände. Die hielten ungefähr eineinhalb bis zwei Wochen an, dann bekam ich meine Periode und es ging mir wieder besser.
Dazu kamen Stimmungsschwankungen, depressive Phasen, Herzrasen, innere Unruhe und Schweißausbrüche.
Ich habe irgendwann angefangen, einen Kalender zu führen. Da habe ich gesehen: Das kommt immer wieder. Zwei Wochen vor der Periode ging es los.
Hast du damals schon an die Wechseljahre gedacht?
Ja. Ich war beim Frauenarzt und habe gefragt: „Bin ich vielleicht schon im Wechsel?“
Die Antwort war: „Nein, Sie sind noch zu jung.“
Also dachte ich: Okay, dann ist es eben PMS.
Aber die Beschwerden wurden stärker.
Wie ging es dann weiter?
Irgendwann bin ich beim Psychiater gelandet, weil ich die Angstzustände nicht mehr ausgehalten habe.
Von 2013 bis 2023 habe ich Antidepressiva genommen.
Aber dieses Muster blieb trotzdem: Zwei Wochen ging es mir gut und zwei Wochen war ich ein völlig anderer Mensch.
Ich habe immer wieder gesagt, dass es mit meinem Zyklus zusammenhängt. Aber niemand hat das wirklich aufgegriffen.
Wie stark haben die Ängste deinen Alltag beeinflusst?
Sehr stark.
Irgendwann hatte ich Angst vor dem Autofahren. In meiner Stadt konnte ich fahren, da habe ich mich sicher gefühlt. Aber sobald ich aus der Stadt rausmusste, kam die Panik.
Dazu war ich ständig müde und erschöpft.
Ich wollte mir aber nicht eingestehen, dass ich keine Kraft mehr hatte. Ich habe trotzdem immer weiter 100 Prozent gegeben.
Bis ich irgendwann im Burnout gelandet bin.
Welche Rolle spielten Schlafprobleme und Panikattacken?
Zum Schluss bin ich nachts zwischen zwei und drei Uhr mit Panikattacken aufgewacht. Wenn ich überhaupt schlafen konnte.
Ich war einfach komplett platt.
Dann bekam ich wieder Medikamente zum Schlafen. Nach ein paar Tagen dachte ich aber: Nein, ich muss noch nach etwas anderem suchen.
Achtsamkeit statt Medikamente: ein Weg zurück zum Schlaf
Was hat dir damals geholfen?
Ich habe angefangen zu meditieren.
Mein Gedanke war: Mein Körper kann eigentlich schlafen. Also wollte ich versuchen, wieder einen Weg dahin zu finden.
Das hat mir tatsächlich geholfen.
Später habe ich mich immer mehr mit Achtsamkeit beschäftigt und schließlich selbst eine Ausbildung zur Achtsamkeitstrainerin gemacht.
Ich habe gelernt, meine Grenzen wahrzunehmen, Nein zu sagen und besser zu erkennen, wann etwas zu viel wird.
Nach zehn Jahren: die Verbindung zwischen Hormonen und Angstzuständen
Wann kam für dich die Verbindung zwischen Perimenopause und deinen Symptomen?
2024 war ich bei einer Ärztin, die meine Hormone untersucht hat.
Danach wurde mir zum ersten Mal richtig bewusst: Vielleicht waren diese ganzen Jahre nicht einfach nur meine Psyche.
Da ist bei mir sehr viel zusammengefallen.
Ich dachte plötzlich: Was habe ich da eigentlich zehn Jahre lang durchgemacht?
Was hat dich daran besonders beschäftigt?
Dass ich so oft gesagt hatte: Da stimmt etwas nicht.
Und immer wieder kam: „Sie sind zu jung. Das kann nicht davon kommen.“
Dabei war dieses Muster so deutlich. Wenn meine Periode vorbei war, hatte ich teilweise gar keine Angst mehr. Zwei Wochen ging es mir gut und dann fing alles wieder von vorne an.
Und niemand hat mir geglaubt.
„Und niemand hat mir geglaubt.“
Hormonersatztherapie: erste Veränderungen nach einem Monat
Heute nimmst du eine Hormonersatztherapie. Wie geht es dir damit?
Ich habe erst vor ungefähr einem Monat angefangen.
Und einiges hat sich schon verändert: Ich habe keine Muskel- und Gelenkschmerzen mehr, keine Stimmungsschwankungen mehr und auch der Gehirnnebel ist weg.
Gleichzeitig bin ich noch sehr unsicher.
Ich wünsche mir jemanden, der mir zuhört und mir erklärt, was sinnvoll ist und wie ich damit umgehen soll.
Nicht einfach nur ein Rezept.
Du hattest am Anfang Angst vor der Hormonersatztherapie. Warum?
Eigentlich wusste ich selbst gar nicht genau, warum.
Ich hatte einfach Angst davor, wie mein Körper reagieren würde.
Vielleicht auch, weil ich so viel darüber gelesen hatte und überall Frauen gesagt haben: „Ich hatte so Angst.“
Und irgendwann hatte ich dann selbst Angst.
Was fehlt dir heute in der medizinischen Betreuung?
Ein offenes Ohr.
Wenn ich Fragen habe, bekomme ich meine Frauenärztin oft gar nicht direkt zu sprechen. Ich erkläre einer Mitarbeiterin meine Symptome, sie fragt die Ärztin und ruft mich später zurück.
Aber manchmal brauche ich einfach ein richtiges Gespräch.
Ich möchte verstehen, was in meinem Körper passiert und warum eine bestimmte Behandlung empfohlen wird.
Dieses Gefühl, damit ziemlich allein zu sein, finde ich schwierig.
Welche Symptome bemerkst du heute noch?
Bei mir kamen später weitere Beschwerden dazu, unter anderem vaginale Trockenheit, trockene Augen und Zahnfleischbluten.
Das hat mich noch einmal zusätzlich verunsichert, weil ich vieles davon vorher überhaupt nicht mit den Wechseljahren verbunden hätte.
Genau deshalb wünsche ich mir eine Betreuung, bei der ich Fragen stellen kann und nicht das Gefühl habe, alles selbst herausfinden zu müssen.
Ratschlag an andere Frauen: Beschwerden nicht nur auf die Psyche schieben
Was würdest du Frauen mit Angstzuständen in der Perimenopause heute mitgeben?
Nicht alles sofort auf die Psyche schieben.
Natürlich können Angst, depressive Phasen oder innere Unruhe viele Ursachen haben. Aber wenn Beschwerden immer wieder in einem bestimmten Zyklus auftreten oder sich in der Perimenopause verändern, würde ich heute viel früher auch die hormonelle Seite ansprechen und mir medizinische Unterstützung suchen.
Ich habe zehn Jahre Antidepressiva genommen.
Wenn ich damals schon gewusst hätte, was ich heute weiß, hätte ich mir wahrscheinlich einiges ersparen können.
„Wenn ich damals schon gewusst hätte, was ich heute weiß, hätte ich mir wahrscheinlich einiges ersparen können.“
Wie hat dir Achtsamkeit im Umgang mit innerer Unruhe geholfen?
Vor allem dieses Gefühl: Ich muss nicht auf jeden inneren Antreiber reagieren.
Ich hatte teilweise so starke innere Unruhe und Herzrasen, dass ich das Gefühl hatte, ich müsste die ganze Wohnung umkrempeln, putzen, Wäsche waschen, irgendetwas tun.
Heute kann ich mich hinsetzen und sagen: Ich spüre die Unruhe. Aber ich entscheide, was ich tue.
Nicht die Unruhe entscheidet.
Ich habe gelernt, meinen Körper besser wahrzunehmen und meine eigenen Grenzen ernst zu nehmen.
Redest du heute offen über die Wechseljahre?
Ja. Aber ich merke immer noch, dass viele Frauen in meinem Alter nicht darüber sprechen wollen.
Ich verstehe das nicht.
Wir sind Frauen. Warum sollten wir darüber nicht reden?
Zum Glück habe ich Menschen, mit denen ich mich offen austauschen kann. Aber bei anderen merkt man sofort: Das Thema möchten sie lieber nicht anfassen.
Dabei hätte mir genau dieser Austausch früher so geholfen.
Wenn du heute auf die vergangenen Jahre schaust, was denkst du?
Vor allem: Wenn ich all das vor zehn Jahren gewusst hätte, hätte ich mir einen Haufen ersparen können.
Deshalb finde ich es wichtig, darüber zu sprechen.
Vielleicht kann meine Geschichte dazu beitragen, dass eine andere Frau früher denkt:
Moment mal. Vielleicht bin ich nicht einfach nur erschöpft, ängstlich oder plötzlich ein anderer Mensch.
Vielleicht lohnt es sich, genauer hinzuschauen.
*Name wurde geändert.
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