Wenn Hormone auf den Bauch schlagen: Warum der Darm in der Perimenopause so sensibel reagiert mit Dr. Dinnewitzer
Veröffentlicht von Saskia Appelhoff im Mai 2026
Verdauungsprobleme in der Perimenopause wirken oft unspezifisch – und genau deshalb werden sie so leicht übersehen. Der Bauch ist aufgebläht, der Darm plötzlich träger oder empfindlicher, manches Essen wird schlechter vertragen, Stress schlägt schneller auf den Magen. Viele Frauen merken: Irgendetwas verändert sich. Aber nur wenige bringen diese Beschwerden sofort mit hormonellen Umstellungen in Verbindung. Die Perspektive von Dr. Birgit Dinnewitzer ist dabei besonders spannend: Die Fachärztin für Allgemein- und Viszeralchirurgie kommt ursprünglich aus der Endoskopie und hat sich über Jahre hinweg immer tiefer mit funktionellen Magen-Darm-Beschwerden beschäftigt – also genau mit den Fällen, in denen Menschen starke Symptome haben, obwohl auf den ersten Blick „nichts zu sehen“ ist. Heute verbindet sie chirurgische und gastroenterologische Erfahrung mit Ernährungsmedizin, Phytotherapie und Nährstoffmedizin. Im Gespräch erklärt sie, warum Darmgesundheit in den Wechseljahren so eng mit Hormonen, Nervensystem, Mikrobiom und Stressresilienz verknüpft ist, weshalb Reizdarm oft zu schnell gelabelt wird – und was Frauen konkret tun können, um ihren Darm wieder besser zu unterstützen.
Viele Frauen merken ab 40 oder in der Perimenopause plötzlich: Die Verdauung verändert sich. Was siehst du besonders häufig?
Ganz oft eine Verlangsamung. Der Darm „spinnt plötzlich“, wie viele sagen. Also: Man ist es gewohnt, wie der eigene Körper funktioniert – und merkt irgendwann, dass er viel weniger nachsichtig ist als früher. Schlechteres Essen, Stress, Hektik, Alkohol, Fast Food: Was früher irgendwie mitgelaufen ist, meldet der Körper plötzlich zurück.
Dazu kommt: Die Stressresilienz nimmt ab. Und bei vielen zeigt sich das zuerst im Bauch. Mal Blähbauch, mal Verstopfung, mal Durchfall, mal das Gefühl, dass alles empfindlicher geworden ist. Das wird aber oft lange nicht eingeordnet – ähnlich wie Schlafstörungen in der Perimenopause. Es kommt, geht wieder, ist unspezifisch, und deshalb denken viele: Wird schon nichts sein. Aber genau so beginnen diese Veränderungen oft.
Das heißt: Auch Verdauungsbeschwerden werden hormonell oft unterschätzt?
Total. Dabei kennen viele Frauen das sogar aus ihrem Zyklus. In der zweiten Zyklushälfte wird der Darm oft langsamer, rund um die Menstruation eher schneller. Das ist hormonabhängig. Progesteron und Östrogen wirken eben nicht nur auf Stimmung oder Zyklus, sondern auch auf die Verdauung. Und in der Perimenopause gerät dieses fein eingespielte System zunehmend aus dem Takt. Viele Frauen sagen dann: „Vor der Menstruation hatte ich das schon immer ein bisschen – aber jetzt ist es komplett out of order.“ Genau da lohnt es sich, genauer hinzuschauen.
Ab wann sollte man solche Beschwerden wirklich ärztlich abklären lassen?
Sobald sie anhalten, wiederkehren oder sich verändern. Beim Magen gilt für mich: Wenn Beschwerden unter Therapie nach zwei Wochen gar nicht oder nicht ausreichend besser werden, sollte man weiter abklären. Und es gibt natürlich Red Flags, bei denen man nicht warten sollte: schwarzer Stuhl, Blut im Stuhl, Schleim im Stuhl, erhöhte Entzündungswerte, unklare anhaltende Bauchbeschwerden.Und was mir wirklich wichtig ist: Darmkrebsvorsorge gehört medizinisch eigentlich ab 45 auf den Schirm. Darmkrebs bei Menschen unter 50 nimmt deutlich zu. Das wird vielen noch zu wenig bewusst.
Darmspiegelung ist nicht nur Diagnostik – sie ist auch Prävention. Ich sehe etwas, ich entferne es, und im besten Fall verhindere ich damit Krebs.
Das ist ein wichtiger Punkt, weil viele Prävention eher mit „früh erkennen“ verbinden – und nicht mit „wirklich verhindern“.
Genau. Bei der Darmspiegelung kann ich Polypen direkt entfernen. Und aus Polypen kann Darmkrebs entstehen. Das heißt: Ich schaue nicht nur nach, ich greife im Zweifel auch direkt ein. Das ist ein riesiger Unterschied.
Wenn wir auf das Mikrobiom schauen: Welche Rolle spielt es in den Wechseljahren?
Eine sehr spannende. Vor allem beim Thema Östrogen. Es gibt ja das sogenannte Östrobolom – also Darmbakterien, die am Östrogenstoffwechsel beteiligt sind. Östrogen wird über die Leber abgebaut, über die Galle in den Darm abgegeben, und bestimmte Darmbakterien können es dort wieder reaktivieren und dem Kreislauf zuführen. Das heißt: Das Mikrobiom beeinflusst mit, wie Hormone im Körper zirkulieren. Aber – und das ist wichtig – nicht isoliert und nicht so simpel nach dem Motto: schlechtes Mikrobiom rein, Hormone raus. Es ist ein komplexes Zusammenspiel. Klar ist aber: Vielfalt im Mikrobiom ist entscheidend. Je einseitiger ich esse, desto einseitiger wird auch meine bakterielle Vielfalt.
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Ich kann nur das verstoffwechseln, was meine Bakterien hergeben.
Deshalb also auch dieses „Eat the Rainbow“?
Ja, total. Pflanzenvielfalt ist da wirklich ein Gamechanger. Viele denken bei 30 Pflanzen pro Woche erst mal: unmöglich. Aber es zählt ja alles mit – Kräuter, Gewürze, Hülsenfrüchte, Gemüse, Nüsse, Samen. Wenn man einmal anfängt, macht es fast Spaß. Und was viele unterschätzen: Der Darm muss Vielfalt auch wieder lernen. Wer nie Hülsenfrüchte isst, verträgt sie oft erst mal schlechter. Aber das heißt nicht, dass sie grundsätzlich nicht gehen. Oft ist es ein Gewöhnungseffekt. Dann lohnt es sich, klein anzufangen – mikrodosiert, regelmäßig, ohne gleich wieder aufzugeben.
Und das wirkt sich ja nicht nur auf die Verdauung aus, sondern oft auch auf Energie und Stimmung.
Absolut. Das finde ich eines der spannendsten Themen überhaupt. Wir wissen inzwischen, dass Veränderungen in der Ernährung auch erstaunlich schnell Auswirkungen auf Energie und Stimmung haben können. Das überrascht viele. Und wir sehen ja auch in Studien: Wenn Menschen anfangen, vielfältiger und pflanzenreicher zu essen, verändert sich nicht nur die Verdauung, sondern oft auch das gesamte Körpergefühl. Das macht total Sinn – weil das Mikrobiom eben nicht losgelöst vom Rest des Systems funktioniert.
Damit sind wir bei der Darm-Hirn-Achse. Warum ist sie gerade in den Wechseljahren so relevant?
Weil sie zeigt, wie eng alles zusammenhängt. Der Darm hat ein riesiges eigenes Nervensystem – mit mehr Nervenzellen als das Rückenmark. Und er steht rund um die Uhr im Austausch mit dem Gehirn. 80 Prozent der Signale gehen vom Darm nach oben. Das heißt: Der Darm meldet permanent, was los ist.Und umgekehrt beeinflusst Stress massiv, wie der Darm arbeitet. Wenn ich unter Druck bin, wenn mein Nervensystem keine Sicherheit spürt, dann fährt der Körper bestimmte Funktionen runter oder reguliert sie anders. Verdauung ist da ganz vorne mit dabei. Gerade in der Perimenopause kommt dann noch dazu, dass das Hormonsystem ohnehin schon schwankt. Wenn dann Stress dazukommt, kippt das System oft noch schneller.
Wenn Perimenopause, Hormonschwankungen und Stress zusammenkommen, entsteht nicht selten ein komplettes Regulationschaos – und der Darm reagiert mit.
Heißt also auch: Ein gestresster Darm stresst mich wiederum im Kopf?
Ganz genau. Das ist ein Kreislauf. Und deshalb ist es auch zu kurz gegriffen, bei Beschwerden nur zu sagen: Das ist psychisch. Natürlich spielt die Psyche eine Rolle – aber eben nicht im Sinne von „eingebildet“. Schmerzen sind real. Beschwerden sind real. Die Verbindung zwischen Körper und Psyche ist stark, aber das macht Symptome nicht weniger ernst.
Das finde ich gerade beim Thema Reizdarm wichtig. Da höre ich oft, dass Frauen sich irgendwann fast schon entschuldigen für ihre Beschwerden.
Ja, leider. Viele kommen schon mit der Haltung: „Ich weiß eh, ich habe einen Vogel“ oder „Es ist bestimmt psychisch“. Das ist wahnsinnig traurig, weil da oft schon ein richtiger Stempel drauf ist. Entweder wurde zu schnell „Reizdarm“ gesagt, ohne sauber abzuklären – oder es wurde zwar alles abgeklärt, aber am Ende blieb das Gefühl: Dann bilde ich es mir wohl ein.Beides ist problematisch. Reizdarm ist eine Ausschlussdiagnose, und gleichzeitig ein riesiges Feld. Da können Ernährung, Fehlbesiedelungen, Infekte, Nervensystem, Stress, frühere Erkrankungen und vieles mehr mit reinspielen. Und selbst wenn die psychosomatische Komponente groß ist, heißt das nicht, dass Schmerzen nicht real sind.
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Reizdarm wird oft zu schnell gelabelt – und genauso schnell psychologisiert.
Gibt es typische Gewohnheiten, die Verdauungsprobleme verstärken, ohne dass Frauen sie direkt auf dem Schirm haben?
Ja, einige. Ein großes Thema ist das ständige Snacken. Der Dünndarm braucht zwischen den Mahlzeiten Ruhe, um seine Reinigungsfunktion zu machen. Wenn wir dauernd nebenbei essen, im Gehen essen, am Computer essen, bekommt der Verdauungstrakt diese Ruhephasen nicht.Das zweite ist: immer mehr weglassen. Viele starten mit dem Gedanken: Vielleicht vertrage ich das nicht. Dann fällt Gluten weg, dann Hülsenfrüchte, dann Milchprodukte, dann dies, dann das – und irgendwann bleiben zehn Lebensmittel übrig. Das ist total nachvollziehbar, aber oft ein kontraproduktiver Weg.
Alles wegzulassen führt selten zum Ziel. Der Darm braucht nicht nur Schonung – er braucht auch wieder Lernräume.
Und wie sieht es mit Intervallfasten aus? Das wird ja oft fast reflexartig empfohlen.
Ich sehe da gerade bei Frauen auch Schattenseiten. Nicht wegen der Esspausen an sich – die können sinnvoll sein. Aber in der Praxis erlebe ich sehr oft, dass Frauen in diesen kleinen Essfenstern dann schlicht nicht genug Nährstoffe unterbringen. Vor allem nicht genug Protein, Ballaststoffe und komplexe Kohlenhydrate.Viele Frauen essen in der Perimenopause ohnehin schon eher zu wenig, weil sie zunehmen und dann gegensteuern wollen. Aber weniger essen ist oft nicht die Lösung – im Gegenteil. Ich sehe viel häufiger Frauen, die mit halbem Tank laufen und gleichzeitig Vollgas geben.
Gibt es ein paar echte Gamechanger, die vielen Frauen helfen?
Ja: Ballaststoffe langsam, wirklich langsam steigern. Nicht von null auf hundert, sondern mit System. Wenn das gut gemacht ist, sehe ich in der Praxis oft nach drei, vier Wochen einen echten Shift. Dann verändert sich etwas – in der Verdauung, im Energielevel, manchmal sogar in der Stimmung.Und dann: mehr Pflanzenvielfalt. Nicht perfektionistisch, sondern spielerisch. Mehr Farben, mehr Abwechslung, mehr echte Lebensmittel. Das macht oft mehr aus als jedes starre Verbot.
Wenn ich heute genau eine Sache für meinen Darm tun möchte – was wäre das?
Eine leuchtende Farbe essen. Eine leuchtende Farbe auf dem Teller ist oft schon ein Anfang. Das klingt simpel, aber es steckt viel drin: mehr Pflanzen, mehr Vielfalt, mehr Nährstoffe, mehr Bewusstsein. Und meistens ist das genau die Art von Veränderung, die sich auch wirklich im Alltag umsetzen lässt.