++ 6.7.26: Dr. Orfanos-Boeckel zum Thema Prävention ab 40 ++
Prof. Dr. med. Birgit Mazurek: Tinnitus und Wechseljahre
Interview

Tinnitus und Wechseljahre: Was steckt hinter dem Pfeifen im Ohr?
Im Gespräch mit Prof. Dr. med. Birgit Mazurek

Plötzlich ist da dieses Geräusch. Ein Pfeifen. Ein Rauschen. Ein Summen. Vielleicht nur auf einem Ohr, vielleicht im ganzen Kopf.

Viele Frauen kennen in den Wechseljahren das Gefühl, dass der Körper empfindlicher wird. Schlaf ist leichter gestört. Stress geht schneller unter die Haut. Geräusche fühlen sich lauter an. Und manchmal kommen Ohrgeräusche dazu, die verunsichern.

Heißt das automatisch, dass Tinnitus ein Wechseljahressymptom ist? Nein. So klar ist die Studienlage nicht. Prof. Dr. med. Birgit Mazurek erklärt im Gespräch, dass Tinnitus vor allem im Hörsystem entsteht und dass Lärm, Hörverlust, Stressbelastung und emotionale Verarbeitung wichtige Rollen spielen können.

Gleichzeitig ist die Lebensmitte eine Phase, in der vieles zusammenkommt: hormonelle Veränderungen, schlechter Schlaf, mehr Belastung, Umbrüche und ein Gehör, das ebenfalls älter wird.

Was Frauen ab 40 deshalb wissen sollten, wann eine Abklärung wichtig ist und warum gutes Hören auch Prävention bedeutet, darüber sprechen wir mit Prof. Dr. med. Birgit Mazurek, Direktorin des Tinnituszentrums der Charité Universitätsmedizin Berlin.

SA
Saskia Appelhoff
· Juli 2026· 11 Minuten Lesezeit

Was ist Tinnitus genau?

Tinnitus bedeutet erst einmal: Ohrgeräusche. Das kann ein Pfeifen, Sausen, Summen, Rauschen oder Pulsieren sein. Es kann auf einem Ohr auftreten, auf beiden Ohren oder auch eher „im Kopf“ wahrgenommen werden.

Wir unterscheiden zwischen einem akuten Ohrgeräusch und einem chronischen Ohrgeräusch. Akut bedeutet: innerhalb der ersten drei Monate. Ab drei Monaten spricht man von einem chronischen Tinnitus.

Das ist wichtig, weil es auch Auswirkungen auf die Behandlung hat. In den ersten drei Monaten behandelt man eher wie bei einer akuten Hörstörung, zum Beispiel einem Hörsturz. Im chronischen Stadium geht es dann stärker um multimodale Therapieansätze.

Grundsätzlich entsteht Tinnitus im Bereich des Hörsystems. Beteiligt sind das periphere Hörorgan (Hörschnecke) mit den Hörsinneszellen und die Hörbahnen. Auf der Belastungsebene spielt auch das emotionale System eine Rolle, also das limbische System.

Gibt es bestimmte Zeitpunkte im Leben, in denen Tinnitus häufiger vorkommt? Spielt Alter oder Geschlecht eine Rolle?

Männer und Frauen sind ungefähr gleich häufig betroffen.

Für Deutschland liegen die Zahlen ungefähr bei zwölf Prozent für jeglichen Tinnitus. Etwa 5,5 Prozent haben einen Tinnitus mit Leidensdruck und ungefähr ein Prozent einen schweren Tinnitus.

Was wir sehen: Häufungen gibt es oft um die 30, um die 50 und dann wieder im höheren Alter. Das hängt nicht nur mit dem Alter selbst zusammen, sondern auch mit Stress- und Belastungssituationen.

Um die 30 geht es oft um Jobfindung, Familiengründung oder Karriereplanung. Um die 50 kommen Themen wie Midlife, Umbruch, Neuorientierung oder auch das Empty-Nest-Syndrom dazu. Im höheren Alter spielt natürlich auch das alternde Gehör eine Rolle.

Wichtig ist aber: Nur weil Tinnitus mit dem Alter häufiger werden kann, heißt das nicht automatisch, dass alle Menschen stärker darunter leiden. Wie belastend Tinnitus erlebt wird, hängt auch sehr davon ab, wie man innerlich aufgestellt ist.

„Nur weil Tinnitus mit dem Alter häufiger werden kann, heißt das nicht automatisch, dass alle Menschen stärker darunter leiden.“

Viele kennen das: Man hatte vielleicht schon früher nach einem Konzert Ohrgeräusche, aber Jahre später wird es plötzlich wieder stärker. Woran liegt das?

Das kann mit Alter und Stressbelastung zu tun haben.

Lärm ist einer der wichtigsten Faktoren für Hörverlust und Tinnitus. Dazu gehören Knalltraumata, Explosionstraumata, aber auch sehr laute Konzerte oder dauerhaft zu laute Musik.

Zunächst können temporäre Hörschäden entstehen, später auch bleibende Schäden. Die Hörzelle ist dabei oft die erste Struktur, die geschädigt wird. Im Rahmen dieses Prozesses kommt es zu einer veränderten Botenstoffausschüttung, die wiederum zu mehr Erregung im Gehirn führen kann.

Lärm ist also ein zentraler Faktor. Verstärkt werden kann ein bestehender Tinnitus dann durch Stress oder Veränderungen der Lebenssituation. Deshalb kann ein Tinnitus, den man eigentlich ganz gut im Griff hatte, plötzlich wieder präsenter werden oder sich verändern.

Aus unserer Community hören wir häufig zwei Dinge: Manche Frauen sagen, sie seien viel geräuschempfindlicher geworden. Andere berichten von Ohrgeräuschen. Was ist da der Unterschied?

Man muss Tinnitus und Hyperakusis unterscheiden.

Tinnitus sind Ohrgeräusche. Hyperakusis bedeutet: Geräuschempfindlichkeit gegenüber normalen Umweltgeräuschen. Beides kann zusammen auftreten, muss es aber nicht.

Grundsätzlich hat Hyperakusis nichts direkt mit dem Älterwerden oder dem Geschlecht zu tun. Sie kann zum Beispiel nach einem Hörsturz, nach einem Lärmtrauma oder auch in emotional belastenden Phasen auftreten.

Bei Frauen in den Wechseljahren kommen mehrere Dinge zusammen: hormonelle Veränderungen, schlechterer Schlaf, mehr innere Belastung, vielleicht auch eine geringere Belastbarkeit insgesamt. Dadurch kann die emotionale Empfindsamkeit steigen.

Nicht immer handelt es sich dann um eine echte Hyperakusis, die man beim HNO-Arzt messen kann. Manche Menschen haben eine normale Unbehaglichkeitsschwelle, fühlen sich aber subjektiv deutlich empfindlicher.

Deshalb ist die genaue Abklärung so wichtig.

Wie lässt sich Hyperakusis medizinisch feststellen?

Man macht eine Hörtestung. Dabei kann auch die sogenannte Unbehaglichkeitsschwelle gemessen werden. Zusätzlich können psychometrische Fragebögen eingesetzt werden, um die subjektive Belastung abzubilden.

Idealerweise passen beide Ebenen zusammen: die audiologische Messung und das persönliche Empfinden.

Gerade bei Tinnitus mit Hyperakusis sehen wir häufig eine Vorgeschichte mit Knall, Hörsturz oder Lärmexposition. Dann können sowohl innere als auch äußere Hörsinneszellen betroffen sein. Tinnitus mit Hyperakusis ist auf Vernetzungsebene noch einmal etwas anderes als reiner Tinnitus.

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Und wenn Frauen einfach merken: Ich halte Geräusche plötzlich schlechter aus?

Ich würde immer zuerst eine Hörtestung machen und die Unbehaglichkeitsschwelle bestimmen. Dann hat man einen Wert und kann besser einordnen, worüber wir sprechen.

Man muss sehr genau unterscheiden: Ist es wirklich Hyperakusis? Ist es Phonophobie, also eine Angst oder starke Abwehr gegenüber bestimmten Geräuschen? Oder Misophonie, bei der bestimmte Geräusche extrem stören, zum Beispiel Kaugeräusche?

Auch ein sogenanntes Recruitment-Phänomen kann eine Rolle spielen. Das tritt bei Schwerhörigkeit auf: Leise Töne werden schlechter gehört, lautere Töne aber sehr schnell als unangenehm empfunden. Das ist keine Hyperakusis, sondern hängt mit dem Hörverlust zusammen. In solchen Fällen kann ein Hörgerät sehr helfen.

Deshalb ist meine Botschaft: Frauen sollten das abklären lassen. Nicht nur mit einem Tonschwellenaudiogramm, sondern auch mit einem Sprachaudiogramm, damit man weiß, wie gut das Sprachverstehen ist.

Denn Hörverlust im mittleren Alter, also etwa um die 50, ist ein wichtiger modifizierbarer Risikofaktor für kognitiven Abbau.

„Hörverlust im mittleren Alter, also etwa um die 50, ist ein wichtiger modifizierbarer Risikofaktor für kognitiven Abbau.“

Das ist spannend, weil man bei kognitivem Abbau oft an andere Dinge denkt. Aber klar: Wenn ich schlechter höre, ziehe ich mich vielleicht zurück, bekomme weniger mit und habe weniger Stimulation.

Genau. Das ist ein ganz wichtiger Punkt.

Wenn das Sprachverstehen eingeschränkt ist, sollte man nicht zu lange warten. Hörgeräte sind dann keine Schwäche, sondern Prävention.

Hormone wirken ja im ganzen Körper. Gibt es Hinweise darauf, dass Östrogen oder Progesteron auch beim Hören oder bei Tinnitus eine Rolle spielen?

Es gibt Übersichtsarbeiten, in denen hormonelle Achsen, Rezeptoren und Tiermodelle diskutiert werden. Natürlich wirken Hormone im ganzen Körper, auch auf Organe, Gewebe und auf Rezeptorebene.

Aber zum jetzigen Zeitpunkt der Wissenschaft würde ich sagen: Für Tinnitus scheint eher die Stressachse, also die HPA-Achse, relevant zu sein.

Mir ist aktuell keine große Forschungsbewegung bekannt, die Tinnitus und Wechseljahre ganz klar zusammenbringt. Genderaspekte werden natürlich mitbetrachtet, zum Beispiel ob Frauen in bestimmten Altersphasen vulnerabler sind. Aber wissenschaftlich ist das schwer sauber zu belegen.

Viele Frauen berichten auch von Kieferpressen oder Zähneknirschen. Kann das mit Tinnitus zusammenhängen?

Ja, Halswirbelsäule und Kiefergelenk sollte man immer mit anschauen.

Die Halswirbelsäule ist relevant, weil Gefäße durch diesen Bereich verlaufen und das Ohr mitversorgen. Auch das Kiefergelenk kann durch Verspannungen, Asymmetrien oder Zähneknirschen eine Mitursache sein.

Es gibt Ohrgeräusche, die tatsächlich über das Kiefergelenk erklärbar sind und zum Beispiel mit einer Zahnschiene oder Physiotherapie behandelt werden können. Auch Beschwerden, die von der Halswirbelsäule kommen, lassen sich manchmal gezielt über Untersuchung und Physiotherapie einordnen.

Gerade die Physiotherapie ist wichtig, weil man Muskulatur entspannen und Triggerpunkte behandeln kann.

Gibt es typische Begleiterscheinungen oder Krankheitsbilder, die mit Tinnitus zusammenhängen?

Bei Tinnitus können sich Komorbiditäten entwickeln, zum Beispiel Depressionen, Angststörungen oder Somatisierungsstörungen.

Auf der emotionalen Ebene sehen wir oft Angst vor Kontrollverlust. Schlafstörungen spielen ebenfalls eine große Rolle. Auch Schmerzempfinden oder Schwindel können dazukommen.

Wenn man auf die Ursachen schaut, stehen Erkrankungen des Ohres an erster Stelle: Zustand nach Hörsturz, Lärmtrauma, bestimmte Innenohrerkrankungen, Alterstschwerhörigkeit oder auch Morbus Menière, bei dem Schwindel, Hörverlust und Tinnitus zusammen auftreten können.

Auch Medikamente können eine Rolle spielen, zum Beispiel manche Blutdruckmedikamente, Schmerzmittel oder Antidepressiva. Außerdem können internistische Erkrankungen wie Diabetes oder Bluthochdruck beteiligt sein, besonders wenn sie schlecht eingestellt sind.

Deshalb ist die Ursachenabklärung so wichtig.

Schwindel wird bei uns in der Community sehr oft genannt. Wo ist da die Überschneidung mit Tinnitus oder dem HNO-Bereich?

Aus Tinnitus-Sicht ist Schwindel besonders relevant bei Erkrankungen wie Morbus Menière. Dabei handelt es sich typischerweise um Drehschwindel, oft mit Übelkeit oder Erbrechen.

Grundsätzlich sollte Schwindel immer abgeklärt werden. Man muss aber genau schauen, woher er kommt. Es kann ein HNO-Thema sein, zum Beispiel Lagerungsschwindel. Es kann neurologische Ursachen geben. Auch die Halswirbelsäule oder Augen können eine Rolle spielen, etwa bei einer schlecht eingestellten Brille.

Wichtig ist deshalb: genau nachfragen. Was für ein Schwindel ist es? Wann tritt er auf? Wie häufig? Wie lange? Gibt es Begleitsymptome?

Was können Frauen präventiv tun, damit Tinnitus gar nicht erst entsteht oder nicht stärker wird?

Das gilt nicht nur für Frauen, sondern für alle: Lärmprävention ist der wichtigste Punkt.

Man sollte sich bewusst nicht dauerhaft Lärm aussetzen. Zu laute Musik, Konzerte direkt vor der Box, Kopfhörer über viele Stunden zu laut – all das kann das Gehör schädigen.

Der zweite Punkt ist eine gute Balance zwischen Belastung und Ressourcen. Entspannungsverfahren können hilfreich sein, zum Beispiel Progressive Muskelentspannung nach Jacobson, Yoga oder Tai-Chi.

Und je älter wir werden, desto sinnvoller ist eine präventive Hörtestung. Wenn ein Hörverlust vorliegt und das Sprachverstehen eingeschränkt ist, sollte man frühzeitig über Hörgeräte sprechen. Nicht erst, wenn man sich stark eingeschränkt fühlt.

„Lärmprävention ist der wichtigste Punkt.“

Was würden Sie Frauen mitgeben, die plötzlich Tinnitus bemerken oder merken, dass ein bestehendes Ohrgeräusch stärker wird?

Immer zum HNO-Arzt gehen. Sowohl bei neuem Tinnitus als auch bei einer deutlichen Verstärkung.

Ein neu auftretender Tinnitus ist nicht unbedingt ein Notfall, bei dem man nachts um vier in die Rettungsstelle muss. Aber wenn das Ohrgeräusch wirklich bestehen bleibt, sollte man zeitnah einen Termin machen. Es kann ein Hörsturz dahinterstecken, manchmal aber auch etwas ganz Banales wie Ohrenschmalz.

Wenn sich ein bestehender Tinnitus verstärkt, sollte ebenfalls noch einmal geschaut werden: Wie ist das Gehör? Hat sich etwas verändert? Wie laut ist der Tinnitus messbar?

Denn manchmal wird ein Ohrgeräusch als lauter empfunden, obwohl es objektiv nicht lauter ist. Dann liegt der Fokus eher auf der emotionalen Belastung, dem Stresslevel, den Ressourcen und Entspannungsverfahren.

Wichtig ist: nicht einfach aushalten, sondern sauber abklären lassen.

Gibt es etwas, das Sie Frauen zum Schluss unbedingt mitgeben möchten?

Ja. Wir haben nur zwei Ohren. Und wir haben von Geburt an eine bestimmte Anzahl an Hörsinneszellen. Diese Zellen regenerieren sich nicht wie Hautzellen.

Alles, was wir im Laufe des Lebens an Schädigungen ansammeln, kann die Hörsinneszellen beeinträchtigen. Deshalb müssen diese Ohren ein Leben lang halten.

Das ist besonders auch für Jugendliche und Kinder wichtig: Lärm sieht man nicht. Aber wenn man Kopfhörer dauerhaft zu laut trägt, sechs oder sieben Stunden am Tag, kann das langfristig schaden.

Wir brauchen mehr Bewusstsein dafür, dass Hören Prävention ist. Nicht erst dann, wenn es schon zu spät ist.

„Wir brauchen mehr Bewusstsein dafür, dass Hören Prävention ist. Nicht erst dann, wenn es schon zu spät ist.“

Zusammenfassung

Tinnitus ist mehr als ein störendes Geräusch im Ohr. Er hängt mit dem Hörsystem zusammen, aber auch mit Stress, Schlaf, emotionaler Belastung und dem allgemeinen Gesundheitszustand.

Gerade in den Wechseljahren, wenn viele Frauen ohnehin sensibler auf Reize reagieren, schlechter schlafen oder stärker belastet sind, können Ohrgeräusche oder Geräuschempfindlichkeit plötzlich präsenter werden.

Die wichtigste Botschaft aus dem Gespräch: Bitte nicht einfach hinnehmen. Neue oder stärker werdende Ohrgeräusche sollten HNO-ärztlich abgeklärt werden. Und auch ein Hörtest ab der Lebensmitte ist kein Zeichen von Alter, sondern ein wichtiger Baustein für Prävention.

Prof. Dr. med. Birgit Mazurek

Prof. Dr. med. Birgit Mazurek ist Direktorin des Tinnituszentrums der Charité Universitätsmedizin Berlin.

Vielen Dank für das aufschlussreiche Gespräch!