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Miriam Stein über „Die unverschämte Frau“: Scham, Wechseljahre und das Gefühl, nicht genug zu sein
Interview

Miriam Stein über „Die unverschämte Frau“: Scham, Wechseljahre und das Gefühl, nicht genug zu sein
Im Gespräch mit Miriam Stein

Warum schämen wir uns, wenn unser Körper sich verändert oder wir nicht mehr so funktionieren wie früher? Autorin Miriam Stein spricht in ihrem Buch „Die unverschämte Frau“ über Scham und die Erwartungen an Frauen.

Im Interview erzählt sie, wie sie ihre frühe Perimenopause erlebt hat, warum Wechseljahresbeschwerden auch am Arbeitsplatz ein Thema sind und was ihr hilft, sich weniger von Scham bestimmen zu lassen.

SA
Dr. Saskia Appelhoff · Gründerin von MeNotPause
· September 2026· 11 Minuten Lesezeit·

Kernaussagen

Die wichtigsten Aussagen von Miriam Stein

  1. „Scham ist wahnsinnig mächtig im Geheimen.“
  2. „Wenn du nicht arbeiten kannst, kannst du nicht arbeiten. Dafür musst du dich nicht schämen.“
  3. „Ich möchte mich in meiner Haut wohlfühlen.“
  4. „Es gibt eben keine Hacks. Es gibt Aufs und Abs.“

Dein Buch heißt „Die unverschämte Frau“. Was ist für dich eine unverschämte Frau?

Eine Frau, die sich nicht aufgrund von falscher Scham klein halten lässt. Zum Beispiel durch Körperscham oder dieses Gefühl, keinen Raum einnehmen zu dürfen. Sich davon zu lösen, fühlt sich manchmal tatsächlich unverschämt an.

Ich bin für das Buch in meine eigene Schamgeschichte reingegangen und habe festgestellt, dass mich viel mehr Schamthemen umtreiben, als ich dachte. Auch ich frage mich: Kann ich wirklich alle zwei Jahre ein Buch rausbringen? Wollen die Leute so viel von mir hören? Sollte ich mich nicht mal zurücknehmen? Da habe ich gedacht: Das kann ja eigentlich nicht sein.

Wie erkennen wir, ob diese Scham von uns selbst kommt oder von der Gesellschaft?

Ich glaube, das ist im ersten Moment gar nicht so wichtig, weil das Resultat das gleiche ist: Man macht etwas nicht. Man sagt im Meeting nichts, stellt keine Frage oder bewirbt sich nicht auf eine Beförderung. Man könnte einen Fehler machen, peinlich sein, die falsche Frage stellen.

Dahinter steckt dieses Gefühl: Darf ich das eigentlich? Das läuft oft überhaupt nicht bewusst ab. Aber es schränkt uns ein.

Männer schämen sich auch. Was unterscheidet weibliche Scham?

Alle Menschen schämen sich. Aber die Art, wie wir uns schämen, ist unterschiedlich geprägt. Bei Männern war die Ehre traditionell an Macht und Eigentum gebunden: mein Haus, mein Auto, mein Boot. Bei Frauen hing sie am Körper, an Attraktivität, Gebärfähigkeit und Keuschheit. Das klingt heute abstrakt, steckt aber noch tief in uns.

Auch heute kennen viele Frauen dieses Gefühl: Wenn sie sexuell neugierig sind oder mit vielen Männern ins Bett gehen, werden sie immer noch schief angeschaut. Das kommt aus dieser Vorstellung, dass die Ehre einer Frau an ihrer Keuschheit hängt.

Und dann kommt diese kleine, banale Alltagsscham dazu. Andere Mütter gestalten Brotboxen wie Kunstwerke, und du guckst in deine eigene und denkst: Ja, fuck. Oder du schämst dich für Haare an der falschen Stelle, für Schweiß in der Bauchspeckrolle.

Natürlich geht davon die Welt nicht unter. Aber wenn du an jeden dieser kleinen Schampunkte einen Zettel kleben würdest, wäre dein Alltag voller Zettel. In der Masse macht dich das eben doch klein.

„In der Masse macht dich das eben doch klein.“

Gerade beim Körper scheint es, als könnten wir es gar nicht richtig machen. Frauen schämen sich für ihre Lust und dann wieder dafür, keine Lust mehr zu haben. Kommen mit dem Älterwerden und den Wechseljahren noch neue Gründe dazu, sich zu schämen?

Ich glaube, dass es mitunter sogar massiver wird. Wir erzählen uns in unserer Wechseljahresblase oft, dass es inzwischen nicht mehr peinlich ist, in den Wechseljahren zu sein. Ich wünschte, es wäre so.

Ich bin viel unterwegs, auch in ländlichen Regionen. Und an vielen Orten ist das immer noch wahnsinnig schambelastet. Auch die Veränderungen, die damit einhergehen. Darüber möchte niemand sprechen, das verstehe ich. Aber es gehört angesprochen. Wir wollen ja alle frei und selbstbestimmt älter werden.

Viele Frauen werten körperliche Veränderungen in den Wechseljahren als persönliches Versagen. Wie kommen wir da raus?

Ich glaube nicht, dass man einfach darüberstehen muss. Ich mache mir auch noch Gedanken darüber. Mein Haaransatz rutscht nach oben. Das sehe nur ich, wirklich. Trotzdem beschäftigt es mich.

Ich glaube auch nicht, dass wir diese Gefühle durch ein Buch oder Yoga einfach wegkriegen. Aber wir können anders damit umgehen, sodass sie uns nicht mehr den halben Tag beschäftigen.

Was ich oft beobachte: Frauen finden sich dick und schämen sich dann dafür, dass sie sich dick finden. Weil sie doch so aufgeklärt, emanzipiert und body positive sind. Dann entsteht eine doppelte Schamspirale.

Ich kenne das Gefühl, wenn die Hose nicht mehr zugeht: als hätte ich etwas nicht geschafft. Und dann denke ich: Ja gut, dann hole ich jetzt eine andere Hose aus dem Schrank. Damit ist das Problem zumindest erst mal gelöst.

Du gehörst zu den Initiatorinnen von #wirsind9millionen. Was hat sich durch die größere Sichtbarkeit der Wechseljahre verändert?

Es hat sich ganz viel zum Positiven verändert. Ich glaube, dass sich viele Politikerinnen und Politiker inzwischen einig sind, dass der Gender Health Gap ein Problem ist.

Aber das große Problem, das mir Frauen immer wieder schildern, ist: Sie finden keine Ärztin, die ihnen hilft. Und auf der anderen Seite stehen Praxen, in denen die Versorgung nicht ausreichend bezahlt wird. Da beißt sich die Katze in den Schwanz.

Es ist gut, dass wir Versorgung einfordern. Fragt weiter bei euren Frauenärztinnen nach und fordert das auch von der Politik ein. Aber Sichtbarkeit allein löst dieses Versorgungsproblem nicht.

Gleichzeitig entstehen neue Anforderungen: gesund essen, Kraftsport machen, möglichst „ageless“ sein. Kann diese Sichtbarkeit auch neuen Druck erzeugen?

Ja, total. Aber ich finde es wichtig, klarzustellen: Das sind Angebote, um Beschwerden zu lindern. Keine Pflichterfüllung. Ich würde keine Frau ins Fitnessstudio schicken, damit sie irgendwie geil aussieht. Es geht um ihre Gesundheit.

Und diese Filmstars, die mit 60 so toll aussehen: Die verdienen Geld mit ihrem Aussehen. Das tue ich echt nicht. Ich möchte mich in meiner Haut wohlfühlen.

Dieses Gefühl, du musst jetzt ganz viel Protein essen, damit du ein guter Mensch bist, stimmt ja gar nicht. Die Frage ist: Ich habe Beschwerden, was kann ich tun? Niemand muss alles machen.

Ich bin selbst nicht frei von Selbstoptimierungsgedanken. Aber ich finde es interessant, sich zu fragen: Woher kommt dieses Gefühl, ich mache nicht genug? Sind das wirklich die Wechseljahre? Oder begleitet mich dieses Gefühl, nicht auszureichen, schon seit meiner Jugend?

„Ich möchte mich in meiner Haut wohlfühlen.“

Hat dir die Beschäftigung mit deiner eigenen Scham geholfen? Gab es einen Schlüsselmoment?

Ich habe mir Situationen aus meiner Kindheit und Jugend noch einmal angeschaut. Und festgestellt: Vieles war gar nicht so, wie ich dachte. Ich war gar nicht so peinlich, wie ich mich in Erinnerung hatte.

Als das Buch fertig war, fühlte ich mich, als hätte ich meinen Schrank ausgemistet. Wirklich erleichtert. Das hielt drei Monate. Dann kam das Buch raus, und ich dachte: Wow, was war denn das für eine Idee? Warum habe ich das gemacht?

Es gibt eben keine Hacks. Es gibt Aufs und Abs. Aber die Auseinandersetzung mit sich selbst kann auch Spaß machen. Und ich würde mir wünschen, dass wir uns öfter fragen: Was macht mir eigentlich Freude? Unabhängig davon, wie es aussieht oder ob ich davon ein Instagram-Foto machen kann. Schlager hören, Torte essen, was auch immer. Wenn man für eine gesunde Lebensführung jeglichen Spaß opfert, kann es das auch nicht sein.

Was ist mit Frauen, die wegen ihrer Wechseljahresbeschwerden nicht mehr so arbeiten können wie früher und auf das Geld angewiesen sind?

Mir ging es in der frühen Perimenopause so schlecht, dass ich dachte, meine normale Lebenslaufbahn ist jetzt zu Ende. Ich konnte nicht mehr so arbeiten, wie ich wollte und auch musste, um Geld für meine Familie zu verdienen.

Wir können nicht alles selber leisten. Es gibt ein Limit. Ich treffe Frauen mit so starken Blutungen, dass sie nicht zur Arbeit gehen können. Da kannst du so viel Yoga machen, wie du willst. An diesem Punkt müssen auch die Betriebe Verantwortung übernehmen.

Ich weiß, dass das super schwer ist. Aber nehmt euch eine Kollegin oder eine Frauenvertreterin mit und sagt: Es geht gerade nicht. Wenn du nicht arbeiten kannst, kannst du nicht arbeiten. Dafür musst du dich nicht schämen. Unser persönlicher Handlungsspielraum endet irgendwo. Dann wird es ein Thema für Arbeitgeber und Politik.

„Wenn du nicht arbeiten kannst, kannst du nicht arbeiten. Dafür musst du dich nicht schämen.“

Wechseljahre am Arbeitsplatz: Was bewegt sich gerade in Unternehmen? Welche Ansätze findest du vielversprechend?

Ich sehe, dass große Unternehmen anfangen, Wechseljahre ins betriebliche Gesundheitsmanagement aufzunehmen. So wie Rückenbeschwerden oder mentale Gesundheit.

Vereinbarkeit sollte für alle Geschlechter das ganze Leben gelten. Wir müssen nicht nur Elternschaft mit Arbeit vereinbaren, sondern auch andere Lebensphasen und gesundheitliche Veränderungen.

Ich finde besonders gut, dass Betriebsärztinnen und Betriebsärzte zu Wechseljahresbeschwerden geschult werden. Darüber erreichen wir Frauen, die wir sonst vielleicht nicht erreichen. Und es hilft, wenn weiter in Unternehmen aufgeklärt wird.

Was kann eine Frau konkret tun, wenn sie weiß, wofür sie sich schämt, aber nicht davon loskommt?

Erst einmal eingestehen: Ich schäme mich. Scham ist wahnsinnig mächtig im Geheimen. Wenn wir alles verstecken und wegmachen wollen, hören wir irgendwann auf, bestimmte Dinge zu tun. Gehen vielleicht nicht mehr aus.

Wenn du während einer Präsentation eine Hitzewallung hast, kannst du sagen: „Ich habe gerade eine Hitzewallung. Das ist mir ein bisschen unangenehm.“ Und dann weiter präsentieren. Dann liegt die Kontrolle bei dir, weil es deine Erzählung ist. Das klingt banal, aber es hilft.

Ich hatte früher oft die Situation, dass Leute sich mir wieder vorgestellt haben, obwohl wir uns schon kannten. Ich habe mich wahnsinnig geschämt: Bin ich so unbedeutend, dass die sich nicht an mich erinnern? Irgendwann habe ich gesagt: „Wir kennen uns. Wir haben uns letzte Woche getroffen.“ Das hat mich viel Kraft gekostet. Aber plötzlich lag die Peinlichkeit nicht mehr bei mir.

„Scham ist wahnsinnig mächtig im Geheimen.“

In deinem Buch geht es auch um Scham, die wir behalten sollten. Brauchen wir sie also doch?

Ja. Am Anfang dachte ich auch: Weg mit der Scham! Aber das geht nicht. Sie hat eine Aufgabe im Zusammenleben. Wir sehen gerade, wie sich schamloses Verhalten in der Öffentlichkeit normalisiert. Da möchte ich vielen Leuten sagen: Schämt ihr euch denn nicht?

Wir müssen unterscheiden: Wo nützt uns Scham? Wo ist es anständig, sich zu schämen? Und welche Vorstellungen von weiblicher Scham sind aus der Zeit gefallen und können weg?

Und wir dürfen uns helfen lassen. Frauen sind darin oft sehr, sehr schlecht. Ich auch. Wenn du irgendwo in deinem Leben die Töne nicht mehr triffst, kannst du dir jemanden holen, der dich unterstützt.

Gekürzte und sprachlich geglättete Fassung des Instagram-Lives mit Dr. Saskia Appelhoff. Fragen wurden teilweise gebündelt, Wiederholungen entfernt.
Buchcover: Die unverschämte Frau. Vom Ende falscher Scham, von Miriam Stein

Das Buch zum Interview

Die unverschämte Frau

Miriam Stein über Scham, Körperbild und die Erwartungen an Frauen, mit vielen Impulsen, sich davon weniger klein halten zu lassen.

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