„Wir dürfen nicht alles auf die Hormone reduzieren“
Prof. Arianna Di Florio über psychische Gesundheit in der Perimenopause, gesellschaftliche Belastungen und die Frage, wann medizinische Hilfe notwendig ist
Viele Frauen berichten während der Perimenopause, dass sie sich selbst nicht mehr wiedererkennen: Sie sind gereizter, trauriger, erschöpfter oder fühlen sich plötzlich psychisch instabil. Doch sind tatsächlich immer die Hormone schuld?
Prof. Arianna Di Florio ist Professorin für Psychiatrie an der Cardiff University und arbeitet für den britischen National Health Service. Sie leitet ein klinisches und wissenschaftliches Programm für reproduktive psychische Gesundheit und behandelt Frauen aus ganz Großbritannien, insbesondere in komplexen Fällen.
Im Gespräch erklärt sie, warum hormonelle Schwankungen eine Rolle spielen können, aber niemals isoliert betrachtet werden sollten.

Arianna, wie bist du zur reproduktiven Psychiatrie und zur Frauengesundheit gekommen?
Eigentlich komme ich aus der allgemeinen Erwachsenenpsychiatrie. Während meiner Ausbildung habe ich Frauen mit bipolaren Erkrankungen und anderen schweren psychischen Störungen behandelt. Dabei fiel mir auf, dass ihre Erkrankungen häufig mit reproduktiven Ereignissen zusammenhingen, zum Beispiel mit einer Schwangerschaft, der Zeit nach einer Geburt oder später mit der Menopause.
Das hat mein Interesse geweckt. Ich ging in die USA, um reproduktive Psychiatrie sowie die Wirkung von Hormonen genauer zu untersuchen. Danach habe ich in Cardiff eine Forschungsgruppe und eine spezialisierte Klinik aufgebaut. Heute behandle ich vor allem Frauen mit komplexen Erkrankungen, bei denen besondere Kenntnisse im Bereich der psychischen Frauengesundheit gefragt sind.
Wir sprechen heute sehr viel über Hormone und Psyche. Wie gut sind geschlechtsspezifische Unterschiede tatsächlich erforscht?
Die Verbindung zwischen weiblicher psychischer Gesundheit und reproduktiven Ereignissen ist schon sehr lange bekannt. Allerdings wurde sie historisch häufig auf eine problematische Weise interpretiert.
Über Jahrhunderte gab es die Vorstellung, Frauen seien aufgrund ihrer Hormone emotional instabil oder würden dadurch sogar „verrückt“. Auch heute steckt diese Idee noch in vielen Köpfen.
Dabei gibt es keine wissenschaftliche Grundlage für die pauschale Aussage: Hormone machen Frauen psychisch krank.
Richtiger wäre: Bei einigen Frauen können Lebensphasen mit starken hormonellen Veränderungen oder Schwankungen eine psychische Erkrankung begünstigen – wahrscheinlich im Zusammenspiel mit vielen weiteren Faktoren.
Das Bild ist deutlich komplexer, als wir es häufig darstellen.
„Viele Frauen sind nicht plötzlich krank. Sie sind müde, weil sie über Jahrzehnte zu viel getragen haben.“
Viele Frauen sagen in der Perimenopause: „Ich erkenne mich selbst nicht mehr.“ Was kann in dieser Phase mit der psychischen Gesundheit passieren?
Zunächst einmal dürfen wir nicht verallgemeinern. Die Aussage „Die Menopause ist schlecht für die psychische Gesundheit“ ist genauso wenig richtig wie die Aussage „Die Menopause ist eine vollkommen normale Lebensphase und daher kein Problem“.
Beides kann stimmen – je nach Frau.
Für einige Frauen ist diese Phase sehr belastend. Viele andere kommen gut durch die Menopause. Wir neigen allerdings zu Extremen: Entweder werden Beschwerden heruntergespielt oder jede Veränderung wird sofort als Krankheit betrachtet.
Interessant ist außerdem, dass vor allem Hitzewallungen und urogenitale Beschwerden wie Scheidentrockenheit kulturübergreifend ähnlich auftreten. Bei vielen psychischen und emotionalen Symptomen scheint dagegen auch das kulturelle und gesellschaftliche Umfeld eine wichtige Rolle zu spielen.
Die Hormone können also ein Teil der Erklärung sein. Sie erklären aber nicht alles.
Welche anderen Faktoren spielen eine Rolle?
Das mittlere Lebensalter ist für viele Frauen eine enorm anstrengende Zeit. Sie arbeiten häufig genauso viel wie Männer, übernehmen gleichzeitig aber weiterhin einen größeren Teil der Care-Arbeit.
Sie kümmern sich um Kinder, vielleicht bereits um pflegebedürftige Eltern, organisieren den Haushalt und tragen Verantwortung im Beruf. Viele Frauen erleben die Perimenopause genau dann, wenn ihre Kinder in der Pubertät sind und gleichzeitig die eigenen Eltern mehr Unterstützung benötigen.
Und in der Psychiatrie wissen wir: Stress ist ein entscheidender Faktor.
Dazu kommen möglicherweise Hitzewallungen und Schlafstörungen. Wer schlecht schläft, ist emotional verletzlicher und weniger belastbar. Gleichzeitig kann schlechter Schlaf auch durch Stress, die Nutzung des Smartphones am Abend oder ungünstige Schlafgewohnheiten entstehen.
Auf diese ohnehin komplexe Situation kommen dann noch hormonelle Schwankungen und körperliche Veränderungen obendrauf.
Deshalb sollten wir fragen: Was sind die Hormone? Was ist Schlafmangel? Was ist chronische Überlastung? Was passiert in der Partnerschaft? Und welche Erwartungen hat eine Frau an sich und ihr Leben?
Wir sollten nicht alles in einen Topf werfen.
Warum fühlen sich so viele Frauen traurig oder „depressiv“, obwohl sie nicht unbedingt eine klinische Depression haben?
Wir verwenden das Wort Depression heute sehr schnell. Jemand fühlt sich traurig, erschöpft oder freudlos und sofort sprechen wir von einer Depression.
Doch es gibt auch emotionale und existenzielle Krisen, die zum menschlichen Leben gehören. Mit zunehmendem Alter erleben wir Verluste. Der Körper verändert sich. Wir können manche Dinge nicht mehr so tun wie früher. Beziehungen verändern sich, Kinder werden selbstständiger, Eltern werden krank und manchmal sterben Menschen in unserem Umfeld.
Wenn wir älter werden, werden wir stärker mit Krankheit, Alter und Tod konfrontiert. Und alle drei gehören zum Leben.
Unsere Gesellschaft ist allerdings nicht besonders gut darin, uns auf diese Themen vorzubereiten. Wir versuchen häufig, normale menschliche Erfahrungen zu vermeiden oder sofort zu behandeln.
Auch die Menopause kann mit der Frage verbunden sein: Wo stehe ich in meinem Leben? Wie möchte ich die kommenden Jahre verbringen? Passt meine Beziehung noch zu mir? Was habe ich vielleicht verloren oder nicht verwirklicht?
Solche Gedanken können traurig machen. Sie sind aber nicht automatisch eine psychische Erkrankung.
Das MeNotPause Programm
Hitzewallungen, Schlafprobleme, Gewicht? Unser Wechseljahre-Programm bringt Klarheit – persönlich, fundiert, verständlich. Verstehe endlich, was in deinem Körper passiert – und gewinne die Kontrolle zurück.
Wo liegt die Grenze zwischen einer schwierigen Phase und einer behandlungsbedürftigen Depression?
Entscheidend sind die Stärke, die Dauer und die Art der Symptome.
Eine schwere depressive Episode, eine psychotische Depression, eine manische Episode oder paranoide Symptome sind nicht einfach normale Bestandteile der Menopause. Solche Erkrankungen müssen erkannt und medizinisch behandelt werden.
Bei leichteren Beschwerden ist die Situation häufig komplexer. Existenzielle Symptome oder mildere depressive Beschwerden sprechen nicht unbedingt gut auf Medikamente an. Antidepressiva wirken in der Regel besser, wenn tatsächlich eine schwere depressive Erkrankung vorliegt.
Eine pauschale Checkliste reicht deshalb nicht aus. Es braucht eine erfahrene Fachperson, die zuhört, die Symptome einordnet und auch den gesamten Lebenskontext betrachtet.
Mein Rat lautet: Wenn du dich psychisch deutlich verändert fühlst oder dir Sorgen machst, sprich mit einer Ärztin oder einem Arzt. Im besten Fall stellt sich heraus, dass keine schwere Erkrankung vorliegt und du bekommst Sicherheit.
Frauen sollten mit ihren Beschwerden grundsätzlich ernst genommen werden.
Werden Frauen in dieser Lebensphase möglicherweise zu schnell Antidepressiva verschrieben?
In Großbritannien werden Antidepressiva sehr häufig verschrieben. Gleichzeitig gibt es vermutlich auch Menschen, die sie dringend benötigen und trotzdem nicht ausreichend behandelt werden.
Das Problem ist häufig die fehlende Zeit in den hausärztlichen Praxen. Eine Frau berichtet von Schlafproblemen, Niedergeschlagenheit oder Ängsten und verlässt die Praxis nach einem kurzen Gespräch mit einem Rezept.
Dabei müsste genauer hingeschaut werden: Liegt eine schwere Depression vor? Sind Hitzewallungen und Schlafprobleme die eigentlichen Auslöser? Gibt es körperliche Ursachen? Wie groß ist die Belastung im Alltag?
Bei einer schweren Depression reicht eine Hormontherapie nicht aus. Dann braucht es eine psychiatrische Behandlung. Eine Hormontherapie kann je nach Situation ergänzend sinnvoll sein, ersetzt aber nicht die notwendige Behandlung einer schweren psychischen Erkrankung.
„Nicht jedes Symptom in dieser Lebensphase ist automatisch ein Wechseljahressymptom. Und nicht jedes psychische Symptom ist automatisch eine psychische Erkrankung.“
Besteht ein erhöhtes Risiko, wenn eine Frau bereits nach einer Geburt psychisch erkrankt war?
Das kann der Fall sein. Wir können das Risiko momentan allerdings noch nicht zuverlässig beziffern, insbesondere bei seltenen, schweren psychischen Erkrankungen.
Wir wissen, dass Frauen, die nach einer Geburt schwer erkrankt waren, auch nach 20 oder 30 stabilen Jahren während der Perimenopause erneut erkranken können. Deshalb sollten Ärztinnen und Ärzte diese Vorgeschichte kennen und aufmerksam sein.
Gleichzeitig sehe ich auch Frauen, die vorher nie psychisch krank waren. Sie hatten Schwangerschaften, Geburten und viele Jahre keinerlei Probleme – und entwickeln während der Perimenopause plötzlich eine sehr schwere psychische Erkrankung.
Alle Kombinationen sind möglich. Deshalb darf das Alter einer Frau niemals als Begründung dienen, schwere Symptome vorschnell als „ganz normale Wechseljahre“ abzutun.
Welche körperlichen Ursachen sollten bei psychischen Beschwerden ausgeschlossen werden?
Gerade im mittleren Alter wird die Diagnostik komplexer.
Schilddrüsenerkrankungen können psychische Symptome verursachen. Auch Eisenmangel kann Erschöpfung, Konzentrationsprobleme und depressive Beschwerden auslösen. Das ist besonders relevant, wenn die Blutungen während der Perimenopause stärker oder häufiger werden.
Bei später auftretenden, ungewöhnlichen oder sehr schweren Symptomen müssen außerdem andere körperliche und neurologische Ursachen ausgeschlossen werden.
Nicht jedes Symptom in dieser Lebensphase ist automatisch ein Wechseljahressymptom. Und nicht jedes psychische Symptom ist automatisch eine psychische Erkrankung.
Was können Partner, Familie und Freunde tun, wenn eine Frau durch eine schwierige Phase geht?
Im Grunde braucht eine Frau in den Wechseljahren dasselbe, was jeder Mensch in einer belastenden Lebensphase benötigt: Menschen, die zuhören, freundlich sind und konkrete Unterstützung anbieten.
Aber Unterstützung darf nicht nur heißen: „Sag mir, was ich tun kann.“
Manchmal lautet die Antwort ganz einfach: Mach die Wäsche selbst. Übernimm Verantwortung. Warte nicht darauf, dass dir jede Aufgabe zugeteilt wird.
Viele Frauen sind nicht plötzlich krank. Sie sind müde, weil sie über Jahrzehnte zu viel getragen haben.
Ich hatte eine Patientin, deren Mann sich beschwerte, dass zu Hause nicht mehr alles so funktionierte wie früher. Dabei hatte sie jahrelang nahezu alles allein gemacht. Irgendwann ist vielleicht einfach der Zeitpunkt gekommen, an dem der andere übernehmen muss.
Wir müssen deshalb auch über Gleichberechtigung sprechen: im Haushalt, bei der Care-Arbeit, im Beruf und beim Einkommen.
Du betonst immer wieder, dass wir nicht jede Erfahrung medizinisch behandeln sollten. Warum ist dir das so wichtig?
Nicht jede belastende Erfahrung in der Menopause braucht ein Medikament.
Wir behandeln inzwischen sehr viele menschliche Erfahrungen medizinisch: Trauer, Alter, körperliche Veränderungen und manchmal sogar das Leben selbst. Medikamente können wichtig und notwendig sein. Aber manchmal braucht es den ärztlichen Mut zu sagen: Du benötigst kein Medikament.
Es gibt keine magische Tablette, die alle Probleme löst.
Vielleicht braucht eine Frau mehr Schlaf, Bewegung, Entlastung, finanzielle Unabhängigkeit oder eine Veränderung in ihrer Beziehung. Vielleicht braucht sie Zeit für sich. Viele Frauen sagen: „Ich würde gerne schwimmen gehen, aber ich muss mich um alle anderen kümmern.“
Dann ist nicht ihr fehlender Wille das Problem, sondern die Struktur ihres Alltags.
„Wir sollten weder alles auf die Hormone schieben noch die Hormone vollständig ignorieren.“
Welche Rolle spielen Lebensstil und Prävention?
Wir sollten über Bewegung, Ernährung, Schlaf und Selbstfürsorge deutlich früher sprechen – nicht erst, wenn Frauen mitten in der Perimenopause sind.
Es ist schwer, jahrzehntelange Gewohnheiten mit 50 plötzlich komplett zu verändern. Wer bereits mit 30 oder 40 regelmäßig Sport treibt, auf die eigene Gesundheit achtet und Verantwortung im Haushalt fair verteilt, hat später eine bessere Ausgangslage.
Natürlich ist es nie zu spät, etwas zu verändern. Aber je früher wir anfangen, desto leichter wird es.
Und das gilt nicht nur für Frauen. Auch ein Mann, der mit 50 noch immer über den Müllbeutel steigt, der an der Haustür lehnt, weil er sich nicht zuständig fühlt, wird sich vermutlich nicht von selbst ändern.
Was ist deine wichtigste Botschaft für Frauen in der Perimenopause?
Nehmt eure Beschwerden ernst, aber habt nicht automatisch Angst.
Starke hormonelle Schwankungen können bei einigen Frauen psychische Symptome oder Erkrankungen begünstigen. Gleichzeitig spielen Schlaf, Stress, Beziehungen, Care-Arbeit, körperliche Veränderungen, gesellschaftliche Erwartungen und existenzielle Fragen eine große Rolle.
Wir sollten weder alles auf die Hormone schieben noch die Hormone vollständig ignorieren.
Wir müssen genau hinschauen, zuhören und der Komplexität dieser Lebensphase gerecht werden.
Wie stark sind deine Wechseljahressymptome?
Der MeNotPause Symptomtest bewertet deine Beschwerden in 3 Minuten, kostenlos und anonym.