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Prof. Dr. Marion Kiechle über Wechseljahre: „Man muss die Beschwerden nicht hinnehmen“
Interview

Prof. Dr. Marion Kiechle über Wechseljahre: „Man muss die Beschwerden nicht hinnehmen“
Im Gespräch mit Prof. Dr. Marion Kiechle

Was passiert wirklich im Körper, wenn die Wechseljahre beginnen? Warum werden Beschwerden noch immer unterschätzt? Und was können Frauen selbst tun, um gesund durch die Perimenopause und Postmenopause zu kommen?

Prof. Dr. Marion Kiechle ist Frauenärztin und Onkologin, Kolumnistin für die MADAME und selbst in den Wechseljahren. Im Gespräch mit MeNotPause spricht sie über Hormontherapie, Brain Fog, Knochengesundheit, die Lücken im Gesundheitssystem und darüber, warum sie mit dem Begriff „Menopause“ so ihre Probleme hat.

SA
Dr. Saskia Appelhoff · Gründerin von MeNotPause
· Oktober 2026· 13 Minuten Lesezeit·

Kernaussagen

Die wichtigsten Aussagen von Prof. Dr. Marion Kiechle

  1. „Frauen sollten wissen: Man kann etwas tun. Man muss die Beschwerden nicht hinnehmen.“
  2. „Der Körper wird einmal komplett durchgeschüttelt.“
  3. „Ich finde „Wechseljahre“ viel schöner.“
  4. „Das Problem ist: Osteoporose spürt man lange Zeit nicht.“

Sie beschäftigen sich beruflich intensiv mit den Wechseljahren. Wie sind Sie selbst zu dem Thema gekommen?

Ganz einfach: Erstens bin ich selber in der Menopause. Zweitens habe ich sehr viele Patientinnen, die in dieser Lebensphase sind.

Ich bin in erster Linie Onkologin und betreue natürlich auch viele Frauen mit einer Krebserkrankung, die postmenopausale Beschwerden haben. Das ist noch einmal eine besondere Situation, weil die Therapieoptionen teilweise eingeschränkt sind.

Mein Patientenklientel besteht insgesamt vor allem aus Frauen ab 40. Die Wechseljahre sind deshalb schon lange Teil meines medizinischen Alltags.

Aus meiner Kolumne für die MADAME, in der ich medizinische Fragen von Frauen beantworte, ist schließlich auch die Idee zu meinem Buch entstanden.

Was sollten Frauen ab 40 über die Perimenopause wissen, bevor die ersten Beschwerden auftreten?

Ich finde es wichtig zu wissen, welche Veränderungen überhaupt kommen können und dass die Wechseljahre häufig schon beginnen, bevor die Periode endgültig ausbleibt.

Als Erstes verändert sich häufig das Gelbkörperhormon. Das kann zum Beispiel dazu führen, dass Blutungen stärker oder länger werden. Viele Frauen denken beim Thema Wechseljahre zunächst an Hitzewallungen. Aber Veränderungen des Zyklus können viel früher auftreten.

Wenn eine Frau weiß, was im Körper passiert, kann sie Veränderungen auch besser einordnen.

Was wird an den Wechseljahren bis heute am meisten unterschätzt?

Vor allem, wie stark sie Frauen tatsächlich beeinträchtigen können.

Ein Teil der Frauen leidet erheblich unter den Beschwerden. Dann geht es nicht nur um Hitzewallungen. Die Leistungsfähigkeit kann leiden, das emotionale Gefüge, das soziale Umfeld und natürlich auch die Arbeit.

Die Wechseljahre sind deshalb für mich auch ein gesamtgesellschaftliches Thema.

Wir können es uns nicht leisten, die Arbeitskraft dieser Frauen zu verlieren oder Fehltage hinzunehmen, nur weil Beschwerden nicht erkannt oder behandelt werden. Hinzu kommt das unnötige Leid vieler Frauen.

Deshalb können wir eigentlich gar nicht genug aufklären.

Gleichzeitig wird inzwischen vieles auf die Wechseljahre geschoben. Wann sollte man genauer hinschauen?

Das ist ein wichtiger Punkt. Nicht jedes Symptom muss automatisch von den Wechseljahren kommen.

Eine Hitzewallung kann zum Beispiel auch andere Ursachen haben. Auch Schilddrüsenerkrankungen oder Störungen des Zuckerstoffwechsels können derartige Beschwerden verursachen.

Dasselbe gilt für Stimmungsschwankungen. Dahinter kann natürlich auch eine beginnende Depression stecken. Und auch Schlafstörungen können ganz unterschiedliche Ursachen haben.

Ich glaube, die eigene Einschätzung ist da manchmal schwierig.

Deshalb sollte man Beschwerden nicht einfach als „Wechseljahre“ abhaken, sondern einmal medizinisch abklären lassen.

Viele Frauen berichten trotzdem, dass sie sich mit ihren Wechseljahresbeschwerden in der Arztpraxis nicht ernst genommen fühlen. Warum ist das noch immer so?

Das erlebe ich tatsächlich auch.

Ein Problem ist, dass eine ausführliche Menopausenberatung im Gesundheitssystem bisher nicht angemessen abgebildet wird. Wenn man ernsthaft mit einer Frau über ihre Beschwerden, ihre Risiken und mögliche Therapien sprechen möchte, braucht man Zeit.

Eine halbe Stunde sprechende Medizin lässt sich aber im jetzigen System kaum vernünftig vergüten.

Dazu kommt, dass die Ergebnisse der Women's Health Initiative viele Jahre sehr negativ interpretiert wurden. Das steckt teilweise immer noch in den Köpfen. Dabei wissen wir heute deutlich differenzierter, für welche Frauen eine Hormontherapie infrage kommt und welche Vorteile und Risiken sie hat.

Natürlich braucht es dafür Ärztinnen und Ärzte, die auf dem aktuellen Stand sind.

Wenn Sie eine Sache im Gesundheitssystem rund um die Wechseljahre sofort ändern könnten, welche wäre es?

Ganz klar: Die Beratung von Frauen über die Wechseljahre sollte vergütet werden.

Denn in dieser Lebensphase lassen sich wichtige Weichen für ein gesundes weiteres Leben stellen, zum Beispiel für die Knochen- oder Herzgesundheit.

Das ist Prävention.

Und dafür braucht es ein ernsthaftes Gespräch. Das kann man nicht einfach nebenbei oder umsonst verlangen.

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Über die Perimenopause wird inzwischen viel gesprochen. Was wird in der Postmenopause noch übersehen?

Eigentlich betrifft der Östrogenabfall den ganzen Körper.

Ich sage immer: Der Körper wird einmal komplett durchgeschüttelt.

Manche Frauen merken es im Kopf und erleben einen richtigen Brain Fog. Sie erschrecken, weil ihnen plötzlich Dinge nicht mehr einfallen oder es sich anfühlt, als würde es oben nicht mehr so laufen wie früher.

Aber auch Knochen, Herz, Zuckerstoffwechsel, Fettstoffwechsel, Verdauung, Darm und Mundgesundheit können betroffen sein. Haare und Haut verändern sich ebenfalls.

Deshalb finde ich es wichtig, die Wechseljahre nicht nur auf Hitzewallungen oder die letzte Periode zu reduzieren.

„Der Körper wird einmal komplett durchgeschüttelt.“

Welche Form der Prävention wird besonders unterschätzt?

Für mich ganz klar die Knochengesundheit.

Darauf wird häufig viel zu wenig geachtet. Dabei kann man selbst einiges tun. Bewegung und insbesondere Belastung der Muskulatur sind wichtig. Krafttraining beziehungsweise Kraftübungen helfen dabei, die Knochenbildung zu stimulieren.

Auch eine ausreichende Versorgung mit Calcium und Vitamin D spielt eine Rolle.

Das Problem ist: Osteoporose spürt man lange Zeit nicht.

Genau deshalb ist Prävention so wichtig.

Prävention bedeutet, Dinge anzusprechen, die später relevant werden können, wenn ich heute nichts tue.

Gerade wenn der Östrogenspiegel sinkt, verliert der Knochen an Substanz. Darauf sollte man nicht erst reagieren, wenn bereits etwas passiert ist.

„Das Problem ist: Osteoporose spürt man lange Zeit nicht.“

Hat Ihre eigene Menopause Ihren Blick auf diese Lebensphase verändert?

Natürlich.

Obwohl ich durch meine Patientinnen sehr viel wusste, hat es auch bei mir erst einen Moment gedauert, bis ich verstanden habe: Jetzt bin ich selbst mittendrin.

Ich weiß noch genau, wie ich im OP stand und meine erste richtige Hitzewallung mit Herzrasen hatte. Da habe ich gedacht: Ach ja. Das muss es jetzt sein.

Aber ich bin ein optimistischer Mensch. Bei mir ist das Glas eher halb voll als halb leer.

Und ganz ehrlich: „Menopause“ finde ich sowieso ein furchtbares Wort.

Ich finde „Wechseljahre“ viel schöner. Menopause klingt nach Pause, als würde nichts mehr passieren. Und das ist ja mitnichten der Fall.

Ich finde es zum Beispiel ziemlich cool, keine Blutungen mehr zu haben und mich nicht mehr um Verhütung kümmern zu müssen.

Und sogar mein Wärmeempfinden hat sich dem meines Mannes angepasst. Früher gab es bei uns im Auto immer Streit. Ich habe die Heizung hochgedreht, er hat sie wieder runtergedreht. Das ist jetzt vorbei.

„Ich finde „Wechseljahre“ viel schöner.“

In Ihrem Buch schreiben Sie auch sehr persönlich über Ihren eigenen Umgang mit den Wechseljahren. Warum?

Im letzten Kapitel nehme ich tatsächlich noch einmal einen etwas philosophischeren Blick ein.

Denn wenn man darüber nachdenkt, ist es ja spannend: Warum leistet sich eine Spezies wie der Mensch überhaupt eine Menopause?

Wir sind damit nicht allein. Auch bei anderen Spezies gibt es eine Lebensphase nach der Fortpflanzung.

Für mich wirft das die Frage auf: Wenn sich so etwas evolutionär durchgesetzt hat, muss diese Lebensphase doch auch einen Sinn haben.

Diesen Gedanken finde ich sehr spannend und darüber philosophiere ich auch ein bisschen in meinem Buch. Wechseljahre bedeuten eben nicht, dass danach nichts mehr kommt.

Eine der großen Fragen für viele Frauen lautet: Hormone ja oder nein. Was möchten Sie ihnen dazu mitgeben?

Das ist tatsächlich eine der wichtigsten Fragen zu Beginn der Wechseljahre, wenn Beschwerden auftreten.

Frauen sollten gut über das Für und Wider einer Hormontherapie aufgeklärt werden. Am Ende ist es eine individuelle Entscheidung.

Es gibt Frauen, die keine Hormone nehmen möchten. Es gibt Frauen, die sie nicht vertragen. Und es gibt Frauen, die sie aufgrund bestimmter Erkrankungen nicht nehmen dürfen.

Eine Hormontherapie ist also kein Muss. Bei typischen Wechseljahresbeschwerden ist sie aber eine sehr wirksame Behandlungsoption und für viele Frauen und aus ärztlicher Sicht die Therapie der ersten Wahl, sofern nichts dagegen spricht.

Und wenn Hormone nicht infrage kommen, gibt es andere Möglichkeiten.

Das Entscheidende ist für mich deshalb: „Frauen sollten wissen: Man kann etwas tun. Man muss die Beschwerden nicht hinnehmen.“

„Frauen sollten wissen: Man kann etwas tun. Man muss die Beschwerden nicht hinnehmen.“
Prof. Dr. Marion Kiechle

Über Prof. Dr. Marion Kiechle

Prof. Dr. Marion Kiechle ist Frauenärztin und Onkologin und beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Frauengesundheit, Prävention und den gesundheitlichen Veränderungen rund um die Wechseljahre. Als Kolumnistin beantwortet sie regelmäßig medizinische Fragen von Frauen und hat ihre Erfahrungen und ihr Wissen auch in einem Buch über diese Lebensphase zusammengebracht.

Vielen herzlichen Dank für das spannende Gespräch!

Das Buch zum Interview

Heiße Phase: Wechseljahre, Sexualität, Gesundheit

Prof. Dr. Marion Kiechle über die körperlichen und gesundheitlichen Veränderungen der Wechseljahre und wie Frauen gut informiert durch diese Lebensphase kommen.

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