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Interview

Katja (51): Schluss mit „Reiß dich zusammen“

Veröffentlicht von Saskia Appelhoff im Mai 2026

Artikelbild Katja (51): Schluss mit „Reiß dich zusammen“

Katja ist 51 und steckt seit etwa zwei Jahren offiziell in der Perimenopause. Inoffiziell, sagt sie, fühlt es sich an, als würde sie schon seit zehn Jahren mit Symptomen kämpfen. Besonders belastend sind für sie Erschöpfung, Stimmungsschwankungen und alte Muster rund ums Essen, die plötzlich wieder lauter werden. Im Interview erzählt sie, warum sie heute vieles neu versteht – und warum sie anderen Frauen Mut machen möchte, sich Hilfe zu holen.

Liebe Katja*, wann hast du zum ersten Mal gemerkt, dass sich etwas verändert?

Eigentlich schon mit Anfang 40. Ich kann es gar nicht mehr an einem bestimmten Moment festmachen, aber was mich schon sehr lange begleitet, ist diese Müdigkeit und Erschöpfung. Dieses Gefühl, keine Energie zu haben. Ich brauche oft acht oder neun Stunden Schlaf, sonst bin ich kaum einsatzbereit. Dazu kommt dieses Gefühl von Überforderung. Als wäre alles zu viel. Ich war deswegen auch bei verschiedenen Frauenärztinnen, aber ich hatte lange das Gefühl, nicht wirklich gesehen zu werden. Es wurde abgetan, so nach dem Motto: „Kann eigentlich gar nicht sein.“ Ernst genommen werde ich gefühlt erst seit Ende 40. Wahrscheinlich, weil ich jetzt vom Alter her in die Schublade passe.

Das heißt, du hast lange nach Antworten gesucht?

Ja. Und das ist frustrierend. Man geht zum Arzt, erzählt, wie es einem geht, und geht wieder raus ohne echte Hilfe. Ich habe auch vieles ausprobiert. Ich war zum Beispiel ein Jahr bei einem Heilpraktiker, habe Nahrungsergänzungsmittel genommen, homöopathische Mittel, alles Mögliche. Es hat mir sicher nicht geschadet, aber es hat auch nicht das gebracht, was ich mir erhofft hatte. Gerade probiere ich Progesteron aus. Ich habe das Gefühl, es federt ein bisschen ab, aber optimal ist es noch nicht.

Du hast erzählt, dass du schon lange mit Depressionen und einer Essstörung zu tun hast. Wann hat das angefangen?

Mit Beginn der Pubertät. Ich war ungefähr zwölf, vielleicht auch etwas jünger. Ich habe meine Tage mit elf bekommen, also relativ früh. In dieser Zeit hat sich viel verändert. Ich war sehr in mich gekehrt, habe alles hinterfragt, den Sinn des Lebens, warum ich hier bin, was ich hier mache.Und ich habe mich in meinem Körper immer unwohler gefühlt. Ich habe mich nicht geliebt gefühlt, vor allem von meiner Mutter. Rückblickend glaube ich, dass ich mit dem Essen etwas kompensieren wollte. Es war wie ein Loch, das ich stopfen wollte.

Wie hat sich die Essstörung damals gezeigt?

Ich hatte Fressattacken. Damals war es wirklich Kontrollverlust. Ich hatte kein Sättigungsgefühl mehr. Ich habe gegessen, bis mir alles wehgetan hat, bis wirklich nichts mehr ging. In der späteren Pubertät hatte ich eine Freundin mit Bulimie und Magersucht. Ich habe sie damals beneidet, weil sie erbrechen konnte. Wenn ich das gekonnt hätte, hätte ich es wahrscheinlich auch gemacht. Aber das ging bei mir nicht. Also habe ich zugenommen.

Besonders schlimm wurde es Anfang 20, als eine Beziehung zerbrach. Darauf habe ich sehr, sehr schlecht reagiert. Ich hatte eine schwere depressive Phase, auch mit Suizidgedanken. Da bin ich zum ersten Mal in Behandlung gegangen. In dieser Zeit war auch die Essstörung wieder extrem.

Und jetzt, in der Perimenopause, kommt dieses Thema zurück?

Ja. Seit etwa zwei Jahren merke ich, dass es mit dem Essen wieder schwieriger wird. Es ist nicht wie früher, nicht in dieser Dimension. Ich habe heute Strategien, ich habe ein intaktes Sättigungsgefühl, ich verliere nicht komplett die Kontrolle. Aber die Gedanken sind wieder lauter. Ich denke dann den ganzen Nachmittag ans Essen oder habe abends plötzlich das Gefühl: Ich muss jetzt genau das haben. Und wenn ich anfange, esse ich oft zu viel davon.

Es fühlt sich an, als würde mich dieser Zwang vereinnehmen wollen. Er ist da, er klopft an, manchmal sehr laut. Aber er hat nicht mehr diese allumfassende Macht wie früher.

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Hattest du Angst, dass es wieder so schlimm werden könnte wie damals?

Ja, total. Als ich gemerkt habe, dass diese Gedanken wieder stärker werden, hatte ich wirklich Angst. Weil man ja nicht weiß, wie sich das entwickelt. Ich lebe im Grunde seit 40 Jahren mit diesem Thema. Und auch wenn ich heute resilienter bin, bleibt da diese Sorge: Was, wenn es mich wieder überrollt? Im Moment glaube ich nicht, dass es noch mal so schlimm wird wie früher. Aber ich kann mir vorstellen, dass es Frauen gibt, bei denen alte Essstörungen in den Wechseljahren wieder sehr stark werden. Und ich finde, darüber wird viel zu wenig gesprochen.

Beobachtest du einen Zusammenhang mit deinem Zyklus?

Das ist schwierig, weil mein Zyklus seit zwei Jahren sehr durcheinander ist. Teilweise habe ich alle zwei Wochen meine Tage. Neulich hatte ich zwei Wochen lang Blutungen, dazu täglich Ziehen im Bauch und Gelüste. Es fühlt sich fast nonstop so an, als würde ich meine Tage bekommen oder hätte sie gerade. Und das finde ich ganz, ganz schlimm. Diese eine gute Woche nach der Periode, die man früher hatte, die fehlt mir irgendwie.

Du sagst selbst, dass du lange dachtest: „Reiß dich zusammen.“

Ja, das denke ich manchmal immer noch. Ich denke dann: Anderen Frauen geht es vielleicht viel schlechter. Stell dich nicht so an. Aber gleichzeitig weiß ich heute: Ich muss das nicht allein durchstehen. Ich bin seit ungefähr einem Jahr wieder in Therapie. Ich habe mir bewusst wieder Unterstützung gesucht, weil ich weiß, dass es hilft. Und das möchte ich anderen Frauen auch mitgeben: Es gibt Hilfe da draußen. Vielleicht muss man ein bisschen suchen. Vielleicht passt nicht die erste Therapeutin oder der erste Arzt. Aber es lohnt sich, weiterzusuchen.

Was hilft dir konkret, wenn der Zwang stärker wird?

Rausgehen.

Darüber reden.

Hilfe suchen.

Gedanken aufschreiben.

Mich ablenken, wenn es hilft. Und auch zu lesen, dass es anderen ähnlich geht. Dieses Gefühl: Ich bin nicht die Einzige. Ich bin nicht verrückt. Ich bin nicht schwach. Da passiert etwas in meinem Körper, in meinem Kopf, in meinem ganzen System.

Allein dieser Gedanke macht es schon etwas leichter.

Du hast gesagt, du verstehst heute vieles neu. Was meinst du damit?

Ich habe mich erst durch die Wechseljahre intensiver mit Hormonen beschäftigt. Und plötzlich dachte ich: Moment mal. Meine depressiven Verstimmungen, meine Essstörung – das hat alles mit Beginn der Pubertät angefangen. Also genau in einer hormonellen Umbruchphase. Und jetzt, in der Perimenopause, kommt wieder so ein Umbruch. Für mich macht das total Sinn. Aber kein Arzt, keine Ärztin hat diesen Zusammenhang jemals angesprochen. Das finde ich wirklich krass.

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Was hättest du dir von Ärztinnen und Ärzten gewünscht?

Dass man mir zuhört. Dass man sagt: „Ich weiß es nicht, aber wir schauen weiter.“ Oder: „Gehen Sie damit mal zu dieser Person.“ Nicht einfach abtun. Nicht so tun, als wäre da nichts.Ich glaube, man muss sich leider oft selbst ein Netzwerk aufbauen. Aber das ist schwer. Und es braucht Energie, die man in dieser Phase oft gar nicht hat.

Warum war es dir wichtig, deine Geschichte zu erzählen?

Weil Frauen wissen sollen, dass sie nicht allein sind. Gerade bei Themen wie Essstörungen, Depressionen und Wechseljahren gibt es so viel Scham. Man denkt: Ich bin doch erwachsen. Ich müsste das doch im Griff haben.

Aber so funktioniert es eben nicht. Und wenn eine Frau das liest und denkt: „Genau so geht es mir auch“, dann hat es sich schon gelohnt. Ich wünsche mir, dass Frauen sich wiederfinden. Dass sie sich Hilfe holen. Dass sie nicht denken, sie müssten alles alleine schaffen.

Was möchtest du anderen Frauen in der Perimenopause mitgeben?

Nimm dich ernst. Such dir Hilfe. Und bleib nicht bei der ersten Person, wenn du dich nicht gut aufgehoben fühlst. Es gibt Unterstützung. Manchmal muss man länger suchen, aber man kann sie finden. Und es macht wirklich einen Unterschied.

Hinweis: Wenn du beim Lesen merkst, dass dich Themen wie Essanfälle, Kontrollverlust, depressive Gedanken oder Suizidgedanken betreffen, hol dir bitte Unterstützung. Du musst damit nicht allein bleiben.

*Name wurde geändert.

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