
Haarausfall in den Wechseljahren: Warum die Haare dünner werden und was wirklich hilft
Im Gespräch mit Prof. Dr. med. Natalie Garcia Bartels
Plötzlich wird der Scheitel breiter. Der Zopf dünner. Die Haare fühlen sich feiner, frizziger oder brüchiger an. Oder es landen deutlich mehr davon in Bürste und Dusche. Haarausfall und Veränderungen der Haarstruktur gehören für viele Frauen zu den Beschwerden in Perimenopause und Menopause. Doch nicht jeder Haarausfall in den Wechseljahren hat dieselbe Ursache.
Wir haben mit Prof. Dr. med. Natalie Garcia Bartels, Dermatologin und Expertin für Haarerkrankungen, darüber gesprochen, warum Haare in den Wechseljahren dünner werden, welche Formen von Haarausfall besonders häufig sind, wann eine ärztliche Abklärung sinnvoll ist und was von Minoxidil, Koffeinshampoo, Biotin, Kollagen und anderen Hair Supplements zu halten ist.
Kernaussagen
Die wichtigsten Aussagen von Prof. Dr. med. Natalie Garcia Bartels
„Nach wissenschaftlichen Einschätzungen bekommt etwa die Hälfte der Frauen im Laufe der Wechseljahre mehr oder weniger ausgeprägte Probleme mit den Haaren.“
„Haarausfall ist ein Symptom, keine Diagnose.“
„Auch genetisch bedingte Formen von Haarausfall können behandelt werden.“
„Das Haar selbst wächst dadurch aber nicht kräftiger nach.“
„Je früher die Ursache geklärt ist, desto besser können wir behandeln.“
Warum verursachen die Wechseljahre Haarausfall?
Warum kommt es in den Wechseljahren zu Haarausfall?
Hormonelle Veränderungen können bei einer Veranlagung zu erblich-bedingtem Haarausfall diesen verstärken oder erstmalig sichtbar machen. Außerdem können andere Ursachen vorhanden sein, die einen diffusen Haarausfall auslösen. Beispielsweise können Mangelzustände oder Medikamente dahinter stecken. Deshalb ist eine genaue Diagnose entscheidend – denn nicht jede Form von Haarausfall wird gleich behandelt.
Frau Prof. Dr. Garcia Bartels, was passiert mit den Haaren in den Wechseljahren?
Zunächst muss man unterscheiden: Fallen tatsächlich mehr Haare aus oder werden die Haare einfach dünner?
Viele Frauen sagen „Ich habe Haarausfall“, bemerken aber gar nicht unbedingt mehr Haare in der Bürste. Stattdessen wird der Scheitel breiter, die Kopfhaut schimmert stärker durch oder der Zopf wird dünner.
Nach wissenschaftlichen Einschätzungen bekommt etwa die Hälfte der Frauen im Laufe der Wechseljahre mehr oder weniger ausgeprägte Probleme mit den Haaren.
Hinzu kommen Veränderungen der Haarstruktur. Die Haare können feiner werden, leichter brechen, sich anders anfühlen oder sich schlechter frisieren lassen.
Deshalb ist es wichtig, genau zu unterscheiden: Haben wir es mit Haarausfall, dünner werdendem Haar oder vor allem mit einer Veränderung der Haarstruktur zu tun?
Drei Formen von Haarausfall in den Wechseljahren
Welche Formen von Haarausfall gibt es in den Wechseljahren?
Im Wesentlichen sehe ich drei große Gruppen.
Die häufigste ist die androgenetische Alopezie, also eine genetisch bedingte Form des Haarausfalls. Dabei reagieren die Haarfollikel empfindlicher auf hormonelle Veränderungen. In den Wechseljahren kann dieses genetische Programm stärker aktiv werden. Die Haarfollikel produzieren dann zunehmend kürzere und feinere Haare, wodurch es auch zu früher ausfallenden Haaren kommen kann. Typischerweise wird der Scheitel über Monate oder Jahre breiter oder es treten Geheimratsecken auf. Zudem kann schubweise Haarausfall auftreten.
Die zweite Gruppe ist der diffuse Haarausfall. Dabei fallen am gesamten Kopf verstärkt Haare aus. Eine mögliche Ursache ist Eisenmangel, zum Beispiel infolge stärkerer oder häufigerer Blutungen in der Perimenopause. Aber auch Schilddrüsenerkrankungen, Medikamente, Infekte oder andere Mangelzustände können ursächlich sein.
Die dritte Gruppe sind vernarbende Formen des Haarausfalls. Dabei kann sich beispielsweise die vordere Haargrenze langsam nach hinten verschieben und die Augenbrauen können seitlich dünner werden. Oft treten begleitende Missempfindungen wie Juckreiz oder Brennen der Kopfhaut auf. Hier ist eine frühe Diagnose besonders wichtig, weil zerstörte Haarfollikel nicht wiederhergestellt werden können.
Woran erkennt man diffusen Haarausfall?
Das ist für Betroffene selbst oft schwer zu unterscheiden. Viele Frauen kommen zu mir und sind überzeugt, sie hätten diffusen Haarausfall. Bei der Untersuchung zeigt sich dann aber eine androgenetische Alopezie.
Beim diffusen Haarausfall sieht man typischerweise kein typisches Muster wie einen breiter werdenden Scheitel oder einzelne lichte Bereiche. Stattdessen fallen am gesamten Kopf deutlich mehr Haare aus. Jedoch können mehrere Ursachen, wie die androgenetische Alopezie und ein diffuser Haarausfall, gleichzeitig auftreten.
Dann beginnt häufig eine Art Detektivarbeit: Was ist in den drei bis sechs Monaten passiert, bevor der Haarausfall begonnen hat? Denn Haare können zeitverzögert auf Ereignisse reagieren.
Wie wird Haarausfall richtig diagnostiziert?
Die Anamnese ist sehr wichtig. Seit wann besteht das Problem? Kam es plötzlich oder schleichend? Welche Medikamente oder Supplements werden genommen? Gibt es eine Hormonersatztherapie? Gibt es Haarausfall in der Familie?
Danach untersuche ich Kopfhaut und Haare und schaue mir auch die Körperbehaarung an. Mit der sogenannten Trichoskopie kann man die Kopfhaut und die Haarfollikel vergrößert betrachten. So lässt sich beispielsweise erkennen, wie viele kräftige und wie viele miniaturisierte, feine Haare vorhanden sind.
Je nach Befund können zusätzlich Blutuntersuchungen sinnvoll sein.
Eisenmangel, Ferritin und Haarausfall in der Perimenopause
Eisenmangel und Haarausfall in den Wechseljahren: Welche Rolle spielt Ferritin?
Eisenmangel kann diffusen Haarausfall verursachen und ist gerade in der Perimenopause relevant, wenn Frauen sehr starke oder häufige Blutungen haben.
Aber Eisen ist eben nur eine mögliche Ursache. Auch Vitamin-B12-Mangel, Schilddrüsenfunktionsstörungen, chronisch-entzündliche Darmerkrankungen, Medikamente oder andere Faktoren können eine Rolle spielen.
Deshalb reicht die Aussage „Die Blutwerte sind normal“ nicht immer aus. Man muss wissen, welche Werte überhaupt untersucht wurden und ob sie im Zusammenhang mit dem jeweiligen Haarproblem stehen.
„Deshalb reicht die Aussage „Die Blutwerte sind normal“ nicht immer aus.“
Wachsen die Haare nach einem diffusen Haarausfall wieder nach?
Beim diffusen Haarausfall sind die Aussichten häufig gut, wenn man die Ursache findet und behandelt.
Wenn beispielsweise tatsächlich ein Mangel dahintersteckt und dieser behoben wird, hört zunächst der verstärkte Haarausfall auf. Danach wachsen die Haare wieder nach. Das braucht allerdings Zeit.
Man kann das Nachwachsen gegebenenfalls zusätzlich unterstützen. Entscheidend bleibt aber: Die Ursache muss behandelt werden. Sonst helfen auch haarwachstumsfördernde Maßnahmen langfristig wenig.
Helfen Shampoos gegen Haarausfall?
Ich sage immer: Ein Shampoo ist in erster Linie dazu da, die Kopfhaut zu reinigen.
Wenn ein Shampoo therapeutisch wirken soll, braucht es einen Wirkstoff in der richtigen Konzentration, dieser muss nachweislich einen Effekt auf das Haarwachstum haben und lange genug auf der Kopfhaut bleiben.
Bei Koffein gibt es beispielsweise einige kleinere Studien, die einen unterstützenden Effekt in einer bestimmten Konzentration zeigen wollen. In der Praxis müsste ein entsprechendes Produkt dafür mindestens einmal täglich und ausreichend lange direkt auf der Kopfhaut einwirken.
Deshalb halte ich es für eher unwahrscheinlich, dass ein normales Koffeinshampoo einen relevanten wachstumsfördernden Effekt erzielt.
Minoxidil bei Haarausfall: Wirkung und Anwendungsdauer
Hilft Minoxidil bei Haarausfall in den Wechseljahren?
Minoxidil gehört bei der androgenetischen Alopezie zu den etablierten Standardtherapien. Es soll dem fortschreitenden Dünnerwerden der Haare entgegenwirken und das Haarwachstum verbessern beziehungsweise verlängern.
Wichtig ist die konsequente Anwendung. Erste Veränderungen kann ich bei Patientinnen teilweise nach drei bis vier Monaten in der Untersuchung erkennen. Bis die Frau selbst einen Unterschied wahrnimmt, kann es durchaus ein halbes Jahr dauern.
Was bringen Rotlicht- oder Lasertherapien bei Haarausfall?
Aus meiner Sicht ist die Studienlage bislang nicht ausreichend überzeugend.
Vor allem muss man immer fragen: Welche Form von Haarausfall soll überhaupt behandelt werden?
Bei diffusem Haarausfall aufgrund eines Eisenmangels beispielsweise löst Rotlicht das zugrunde liegende Problem nicht. Solche Verfahren können bei bestimmten Diagnosen möglicherweise unterstützend eingesetzt werden, sind für mich aber keine pauschale Erstlinientherapie.
Hilft eine Hormonersatztherapie gegen Haarausfall in den Wechseljahren?
Das Thema Menopause und Haarausfall ist insgesamt noch nicht ausreichend untersucht. Ich würde mir deutlich mehr Studien speziell mit Frauen in unterschiedlichen Phasen der Wechseljahre wünschen.
Nach dem bisherigen Wissensstand reicht eine Hormonersatztherapie bei vielen Frauen nicht aus, um den Haarausfall mitzubehandeln. Je nach Diagnose sind individuelle, teils örtliche Therapien sinnvoller.
Wird Haarausfall nach der Menopause wieder besser?
Dazu fehlen gute Langzeitstudien.
Aus meiner persönlichen klinischen Erfahrung sehe ich bei manchen Frauen, dass die akute Situation nach Eintritt in die Postmenopause etwas ruhiger wird. Möglicherweise belasten gerade die hormonellen Schwankungen während der Perimenopause den Haarfollikel besonders.
Aber das ist eine Beobachtung aus meiner Praxis und keine wissenschaftlich gesicherte Aussage. Bereits entstandene Lichtungen bilden sich dadurch nicht automatisch zurück.
„Bereits entstandene Lichtungen bilden sich dadurch nicht automatisch zurück.“
Viele Frauen berichten auch von Frizz und veränderter Haarstruktur in den Wechseljahren: Warum passiert das?
Das höre ich tatsächlich sehr häufig.
Ich sehe es besonders bei der androgenetischen Alopezie. Wenn die Haare feiner und kürzer nachwachsen, verändert sich auch ihre Struktur. Zwischen den kräftigeren Haaren befinden sich dann zunehmend sehr feine Haare. Dadurch kann dieses frizzige Gefühl entstehen.
Feinere Haare verknoten außerdem leichter und sind weniger widerstandsfähig. Kämmen, Ziehen und andere mechanische Belastungen können dann schneller zu Haarbruch führen.
Wie kann man empfindlicher werdende Haare in den Wechseljahren schützen?
Man muss zwischen dem Haarfollikel in der Haut und dem sichtbaren Haar unterscheiden.
Das sichtbare Haar ist totes Hornmaterial. Es kann sich nicht selbst reparieren. Deshalb geht es vor allem darum, es möglichst schonend zu behandeln.
Zu viel Hitze durch Föhn oder Glätteisen, häufiges Färben oder Blondieren, starke Sonneneinstrahlung und aggressives Kämmen können die Haarstruktur über die Zeit schwächen.
Besonders vorsichtig sollte man mit nassem Haar umgehen. Es ist empfindlicher als trockenes Haar. Wenn es beim Kämmen bereits stark verhakt und man trotzdem daran zieht, kann die äußere Schuppenschicht geschädigt werden. Dadurch entstehen langfristig leichter Spliss und Haarbruch.
Ist tägliches Haarewaschen schlecht für die Haare?
Nein. Wie häufig man die Haare wäscht, sollte man vor allem von der Kopfhaut abhängig machen.
Wer eine schnell fettende Kopfhaut hat und täglich waschen möchte, darf das tun. Bei trockener Kopfhaut kann einmal pro Woche ebenfalls völlig in Ordnung sein.
Problematischer können die Dinge sein, die danach passieren: Wenn ich täglich wasche und anschließend jedes Mal sehr heiß föhne, kann das die Haarstruktur belasten.
Das Waschen selbst verursacht aber keinen Haarausfall. Haare, die beim Waschen ausfallen, wären ohnehin ausgefallen. Wer seltener wäscht, sieht bei der nächsten Haarwäsche entsprechend mehr ausgefallene Haare auf einmal.
Und kann man fettige Haare „ausfetten lassen“?
Auch das ist ein Mythos. Wie viel Fett die Talgdrüsen produzieren, lässt sich nicht dadurch trainieren, dass wir unsere Haare häufiger oder seltener waschen.
Die Talgdrüsen werden unter anderem hormonell gesteuert. In den Wechseljahren merken beispielsweise einige Frauen, dass ihre Kopfhaut trockener wird.
Die Waschfrequenz kann man entsprechend an die eigene Kopfhaut anpassen, aber man kann die Talgproduktion nicht durch „Ausfetten“ umprogrammieren.
Und noch ein Mythos: Wachsen Haare kräftiger nach, wenn man sie schneidet?
Nein.
Das sichtbare Haar ist totes Hornmaterial. Der Haarfollikel in der Haut bekommt nicht mit, ob wir die Spitzen abschneiden.
Dass Haare nach dem Schneiden kräftiger wirken, liegt daran, dass wir die dünner werdende Spitze entfernen. An der frisch geschnittenen Stelle ist der Durchmesser größer, deshalb fühlt sich das Haar dort voller an. Das Haar selbst wächst dadurch aber nicht kräftiger nach.
Biotin, Zink, Kollagen: Was Hair Supplements wirklich bringen
Helfen Supplements wie Biotin, Zink und Kollagen bei Haarausfall wirklich?
Bei einem nachgewiesenen Mangel sollte man diesen behandeln. Aber einfach Supplements einzunehmen, ohne zu wissen, ob überhaupt ein Mangel besteht und ob dieser mit dem Haarausfall zusammenhängt, bringt in den meisten Fällen nichts.
Wir wissen beispielsweise, dass Eisen-, Zink- oder Vitamin-B12-Mangel Haarprobleme verursachen können. Aber es gibt keinen Nachweis dafür, dass ein Überangebot dieser Nährstoffe das Haarwachstum zusätzlich verbessert.
Bei Kollagen gibt es aus meiner Sicht bisher ebenfalls nicht ausreichend wissenschaftliche Studien, um eine klare Aussage zum Haarwachstum zu treffen.
Kurz gesagt: Gezielte Supplementierung bei einem nachgewiesenen Mangel, ja. Einfach möglichst viele Hair Supplements einzunehmen, nein.
Wann zur Ärztin oder zum Arzt bei Haarausfall
Wann sollte man mit Haarausfall zum Arzt oder zur Ärztin?
Eine pauschale Zahl von Wochen oder Monaten lässt sich schwer nennen, weil Haarausfall sehr unterschiedlich verlaufen kann.
Wenn sich das Haarproblem innerhalb kurzer Zeit deutlich verschlechtert und der Haarverlust stark zunimmt, sollte man zeitnah ärztlichen Rat suchen.
Grundsätzlich würde ich sagen: Wenn man selbst merkt, dass sich etwas deutlich verändert und diese Veränderung anhält, sollte man es abklären lassen.
Und man sollte sich nicht davon abhalten lassen, wenn das Umfeld sagt: „Du hast doch noch genug Haare.“
Die Betroffenen selbst merken häufig sehr früh, dass sich etwas verändert. Je früher die Ursache geklärt ist, desto besser können wir behandeln.
„Je früher die Ursache geklärt ist, desto besser können wir behandeln.“
Was möchten Sie Frauen mitgeben, die gerade bemerken, dass ihre Haare dünner werden?
Dass man sich nicht mit der Aussage abfinden sollte: „Das ist erblich, da kann man nichts machen.“
Auch genetisch bedingte Formen von Haarausfall können behandelt werden. Das therapeutische Spektrum hat sich in den vergangenen 20 Jahren deutlich erweitert, und häufig kombinieren wir heute verschiedene Ansätze.
Wichtig ist vor allem, nicht wahllos selbst zu therapieren. Haarausfall ist ein Symptom, keine Diagnose. Es gibt viele mögliche Ursachen – und deshalb auch nicht das eine Mittel, das bei allen Formen hilft.
Je früher man weiß, womit man es zu tun hat, desto gezielter kann man etwas dagegen tun.
„Haarausfall ist ein Symptom, keine Diagnose. Es gibt viele mögliche Ursachen – und deshalb auch nicht das eine Mittel, das bei allen Formen hilft.“
Über Prof. Dr. med. Natalie Garcia Bartels
Prof. Dr. med. Natalie Garcia Bartels ist Dermatologin mit Schwerpunkt Haarerkrankungen und Haarausfall. Bereits an der Universitätsklinik beschäftigte sie sich intensiv mit Haarforschung und arbeitete in der Haarsprechstunde. Später war sie am Aufbau eines Kompetenzzentrums für Haarforschung an der Charité beteiligt und führte dort klinische Studien zu Haarwachstum und Haarausfall durch. Heute behandelt sie in ihrer eigenen Praxis schwerpunktmäßig Patientinnen und Patienten mit Haarerkrankungen und verbindet dabei langjährige Forschungserfahrung mit der klinischen Praxis.

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