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„Ich habe Menschen um mich herum und fühle mich trotzdem einsam“ – Einsamkeit in der Lebensmitte mit Dr. Silvan Hornstein
Interview

„Ich habe Menschen um mich herum und fühle mich trotzdem einsam“ – Einsamkeit in der Lebensmitte verstehen
Im Gespräch mit Dr. Silvan Hornstein

Ein volles Leben, Familie, Termine, ein voller Kalender und trotzdem dieses Gefühl: irgendwie einsam zu sein. Viele Frauen in der Lebensmitte kennen genau das, ohne es sich erklären zu können.

Wir haben darüber mit Dr. Silvan Hornstein gesprochen. Er promovierte in Psychologie an der Humboldt-Universität zu Berlin und hat sich in seiner Arbeit bei platoniq.health auf Angebote im Bereich soziale Beziehungen und Einsamkeit spezialisiert. Im Interview erklärt er, warum Einsamkeit und Alleinsein nicht dasselbe sind, weshalb Veränderungen in Partnerschaft, Familie und Beruf die Lebensmitte anfällig dafür machen, und mit welchen kleinen, konkreten Schritten sich Nähe im Alltag wieder aufbauen lässt.

SA
Dr. Saskia Appelhoff
· September 2026· 9 Minuten Lesezeit·

Kernaussagen

Die wichtigsten Aussagen von Dr. Silvan Hornstein

  1. „Einsam sein und allein sein ist nämlich nicht dasselbe.“
  2. „Nähe entsteht selten bei einmaligen Begegnungen, sondern durch Wiederholung.“
  3. „Menschen finden uns nach einer Begegnung in der Regel deutlich sympathischer, als wir selbst vermuten.“
  4. „Denn ein starkes soziales Netz ist einer der stärksten Faktoren für Lebenszufriedenheit und beeinflusst sogar, wie alt wir werden.“

Viele Frauen sagen in der Lebensmitte: „Ich habe Menschen um mich herum und fühle mich trotzdem einsam.“ Wie kann das sein und woran erkennt man emotionale Einsamkeit?

Das ist eine sehr spannende Beobachtung, weil sie ein großes Missverständnis über Einsamkeit betrifft. Einsam sein und allein sein ist nämlich nicht dasselbe. Einsamkeit beschreibt den wahrgenommenen Mangel an sozialen Beziehungen. Und da wir aus der Forschung wissen, dass dabei vor allem die Qualität der Beziehungen entscheidend ist und nicht die Quantität, kann man sich durchaus einsam fühlen, obwohl man von vielen Menschen umgeben ist. Etwa dann, wenn man zwar viele Kontakte hat, mit diesen aber nicht ausreichend über persönliche Dinge sprechen kann. Das nennt man emotionale Einsamkeit.

Warum kann gerade die Lebensphase ab 40 besonders anfällig für Einsamkeit sein, etwa durch Veränderungen in Partnerschaft, Familie, Freundschaften oder Beruf?

Soziale Beziehungen profitieren von festen Rahmenbedingungen und der Beständigkeit und Wiederholung, die daraus entstehen. Veränderungen in der Partnerschaft oder im Beruf können genau diesen hilfreichen Rahmen bedrohen, etwa wenn durch einen Jobwechsel regelmäßige Kontakte wegfallen. Dann wird es wichtig, aktiv für neue Gelegenheiten zu sorgen, bei denen man dieselben Menschen regelmäßig trifft. Denn Nähe entsteht selten bei einmaligen Begegnungen, sondern durch Wiederholung.

Manche Frauen berichten in der Perimenopause, dass sie weniger Lust auf Small Talk haben, sich stärker zurückziehen oder Beziehungen plötzlich kritischer hinterfragen. Wann ist Rückzug gesund und wann wird er zum Problem?

Eigene Bedürfnisse, etwa nach Ruhe und Rückzug, wahrzunehmen und umzusetzen, scheint mir ein wichtiger Aspekt der Lebens- und Beziehungsgestaltung. Problematisch erscheint mir das nur, wenn dadurch eigene soziale Bedürfnisse auch mittelfristig nicht mehr erfüllt werden, etwa aus Vermeidung der Herausforderungen, die Beziehungen nun einmal mit sich bringen. Oft hilft die Frage: Wieso ziehe ich mich gerade zurück? Ist das mein Wunsch, oder wünsche ich mir eigentlich Nähe und will nur Verletzungen vermeiden?

Freundschaften verändern sich im Laufe des Lebens. Was kann ich tun, wenn ich merke: Mein altes soziales Umfeld passt nicht mehr richtig zu mir, aber ein neues habe ich noch nicht?

Ich finde es hilfreich, hier Schwarz-Weiß-Denken zu vermeiden. Dass sich Freundschaften verändern und manche auch enden, ist völlig normal. Man muss deshalb aber nicht sofort Beziehungen aufkündigen. Oft reicht es, Kontakte weniger tragend werden zu lassen und gleichzeitig neue Rahmen zu suchen, in denen man regelmäßig auf Menschen trifft. So vermeidet man auch, plötzlich ganz allein dazustehen.

Neue Freundschaften mit 40, 50 oder 60 zu schließen fühlt sich oft deutlich schwieriger an als mit 20. Warum ist das so und welche Social Skills helfen dabei wirklich?

Oft fehlen, wie schon angeschnitten, die Gelegenheiten, die neue Beziehungen in jungen Jahren leichter machen. Nehmen wir das Studium als Beispiel. Hier sieht man dieselben Menschen fast täglich, ohne dass man sich verabreden muss, und verbringt viel unverplante Zeit miteinander. Genau daraus entstehen Freundschaften fast von allein.

Das Gute ist allerdings, dass man durchaus selbst gegensteuern kann. Offenheit hilft, ebenso Proaktivität, also den nächsten Kontakt konkret vorzuschlagen, statt darauf zu warten. Und schrittweise Selbstöffnung, also nach und nach etwas Persönliches zu teilen und zu schauen, ob das erwidert wird.

„Menschen finden uns nach einer Begegnung in der Regel deutlich sympathischer, als wir selbst vermuten.“
Dr. Silvan Hornstein

Was würdest du einer Frau raten, die sich mehr Verbindung wünscht, aber Hemmungen hat, selbst den ersten Schritt zu machen oder Angst vor Zurückweisung hat?

Zunächst würde ich versuchen zu vermitteln, dass Angst vor Zurückweisung ein zutiefst menschliches Erleben ist, das tief in unserer Natur verankert liegt. Tatsächlich lässt sich in Studien gut beobachten, dass wir hier oft Verzerrungen haben, die uns unbegründet Sorgen machen. Menschen finden uns nach einer Begegnung in der Regel deutlich sympathischer, als wir selbst vermuten. Dieses Wissen allein kann schon helfen, den ersten Schritt mutiger zu gehen.

Ansonsten mag ich einen Ratschlag, den ich einmal von einer Teilnehmerin bei einem unserer Angebote gehört habe. Ihr Ansatz war, sich klarzumachen, dass eine Kontaktaufnahme immer ein Angebot ihrerseits ist. Und dass eine Absage der anderen Seite meist mehr über die andere Person aussagt als über sie selbst.

Was sind aus deiner Sicht kleine konkrete Dinge, die wir im Alltag tun können, um unser soziales Netz langfristig zu stärken, bevor Einsamkeit überhaupt entsteht?

Ich finde, wir können nicht nur etwas tun, wir sollten es sogar, wenn uns unser eigenes Wohlbefinden am Herzen liegt. Denn ein starkes soziales Netz ist einer der stärksten Faktoren für Lebenszufriedenheit und beeinflusst sogar, wie alt wir werden. Die Lösungen sind dabei oft so individuell wie die Menschen selbst, aber vielleicht finden sich in den folgenden Punkten hilfreiche Impulse für die Leserinnen.

Ich persönlich schwöre auf Rituale als Teil der Beziehungspflege. Also wiederkehrende Termine, etwa ein wöchentliches Treffen zur immer gleichen Zeit. Alles, was aktiven Organisationsaufwand reduziert, hilft enorm. Hilfreich finde ich außerdem, Beziehungspflege als Self-Care-Aktivität zu sehen, ähnlich wie Sport, für die man feste Zeitfenster in der Woche einplant.

Mein letzter Tipp ist häufig unpopulär, aber gerade deswegen mag ich ihn: Es hilft, bewusst auch mal Dinge zu tun, auf die man keine Lust hat, wenn ein Kontakt es sich wünscht. Freundschaft bedeutet auch mal eigene Bedürfnisse für die anderer zurückzustellen.

„Ein starkes soziales Netz ist einer der stärksten Faktoren für Lebenszufriedenheit und beeinflusst sogar, wie alt wir werden.“
Dr. Silvan Hornstein
Vielen lieben Dank Silvan für das spannende Gespräch! platoniq.health