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Interview

Migräne in den Wechseljahren: Prof. Dr. med. Gudrun Goßrau über Hormonschwankungen, Chronifizierung und Hormontherapie
Im Gespräch mit der Leiterin des Kopfschmerzzentrums am Universitätsklinikum Dresden

Kopfschmerzen, die plötzlich häufiger auftreten. Migräneattacken, die stärker werden oder sich schlechter behandeln lassen. Gerade in der Perimenopause erleben manche Frauen, dass eine bisher gut kontrollierte Migräne wieder zum Problem wird.

Eine wichtige Rolle spielen die hormonellen Schwankungen. Doch Hormone sind nur ein Teil des Bildes. Auch Schlafstörungen, Stress, psychische Belastungen und weitere Schmerzerkrankungen können die Schmerzschwelle beeinflussen.

Prof. Dr. med. Gudrun Goßrau leitet das Kopfschmerzzentrum am Universitätsklinikum Dresden, ist stellvertretende Leiterin des UniversitätsSchmerzCentrums und Oberärztin für Neurologie und Spezielle Schmerztherapie. Im Interview erklärt sie, warum Migräne weit mehr ist als Kopfschmerz, wann eine Chronifizierung droht und weshalb es bei einer Hormontherapie keine pauschale Empfehlung geben kann.

Prof. Dr. med. Gudrun Goßrau, Leiterin des Kopfschmerzzentrums am Universitätsklinikum Dresden
SA
Dr. Saskia Appelhoff
· September 2026· 10 Minuten Lesezeit·

Kernaussagen

Die wichtigsten Aussagen von Prof. Dr. med. Gudrun Goßrau

  1. „Nicht nur die Höhe des Östrogenspiegels ist entscheidend, sondern vor allem seine Instabilität.“
  2. „Hormone sind ein wichtiger Trigger für Migräne, aber bei Weitem nicht der einzige.“
  3. „Bei einer Chronifizierung werden die Autobahnen des Schmerzes immer breiter.“

Warum können Migräneattacken in der Perimenopause häufiger oder stärker werden?

Migräne reagiert bei vielen Patientinnen sensibel auf die hormonelle Situation. Vor allem ein Abfall des Östrogenspiegels, aber auch die generelle Instabilität der Hormone, kann eine Attacke auslösen.

Das kennen wir bereits von der menstruellen Migräne. Kurz vor der Menstruation fällt der Östrogenspiegel deutlich ab. In der Perimenopause, insbesondere gegen deren Ende, können die Hormonspiegel noch stärker und unregelmäßiger schwanken. Für entsprechend empfindliche Frauen bedeutet das, dass Migräneattacken häufiger getriggert werden können.

Es gibt außerdem Hinweise darauf, dass Hormone entzündungsfördernde Botenstoffe und Signalwege beeinflussen. Dazu gehört beispielsweise CGRP, ein Botenstoff, der bei der Entstehung von Migräne eine wichtige Rolle spielt. Das hilft uns zu verstehen, warum hormonelle Veränderungen den gesamten Schmerzkreislauf anstoßen können.

Ist vor allem der sinkende Östrogenspiegel das Problem oder sind es die Schwankungen?

Bei Migräne sind vor allem die Schwankungen problematisch. Je größer die hormonellen Veränderungen sind, desto höher kann das Risiko sein, eine Attacke auszulösen.

Bei Frauen mit menstrueller Migräne wurde beispielsweise beobachtet, dass der Östrogenabfall besonders ausgeprägt sein kann. Diese Attacken sind häufig sehr stark und teilweise schwerer zu behandeln.

Man könnte vereinfacht sagen:

„Nicht nur die Höhe des Östrogenspiegels ist entscheidend, sondern vor allem seine Instabilität.“

Haben Frauen, die bereits früher Migräne hatten, in den Wechseljahren automatisch größere Probleme?

Nicht automatisch. Wir haben bisher zu wenig große Langzeitstudien, die Frauen über viele Jahre und durch die verschiedenen hormonellen Phasen begleiten.

Aus der klinischen Erfahrung sehen wir aber unterschiedliche Verläufe. Manche Frauen hatten früher vielleicht einmal im Monat eine eher milde Migräne, die mit einem Schmerzmittel gut behandelbar war. In der Perimenopause treten plötzlich häufigere Attacken auf, die den Alltag deutlich beeinträchtigen.

Andere hatten bereits eine stärker ausgeprägte Migräne, waren mit einer vorbeugenden Behandlung aber gut eingestellt. Durch die hormonellen Veränderungen kann dieses Gleichgewicht gestört werden. Dann muss möglicherweise auch die Prophylaxe angepasst werden.

Migräne kann sich während einer Schwangerschaft verändern. Was passiert dort?

Im Verlauf einer Schwangerschaft wird die Migräne bei vielen Patientinnen seltener oder weniger stark. Ein möglicher Grund ist, dass sich ein relativ stabiler, hoher Östrogenspiegel ausbildet.

Erst nach der Geburt kommt es wieder zu deutlichen hormonellen Veränderungen. Frauen, die stillen, haben im Durchschnitt später wieder einen Eisprung und teilweise auch später erneut Migräneattacken als Frauen, die nicht stillen.

Aber auch hier gilt: Wir sprechen über durchschnittliche Verläufe. Es gibt immer Frauen, bei denen es anders ist.

Bei mir selbst ist die Migräne nach den Schwangerschaften vollständig verschwunden. Wie lässt sich das erklären?

Solche Verläufe kennen wir. Wir werden hoffentlich durch zukünftige Forschung noch besser verstehen, warum die Migräne bei manchen Frauen langfristig verschwindet.

Man darf dabei aber nicht nur auf die Hormone schauen. Migräne wird durch viele Faktoren beeinflusst. Nach einer Schwangerschaft verändern sich häufig Tagesabläufe, Ernährung, Schlaf, Bewegung, berufliche Anforderungen und psychosoziale Belastungen. All das kann ebenfalls eine Rolle spielen.

Hormone sind ein wichtiger Baustein, aber Migräne ist eine komplexe Erkrankung.

Kann Migräne in der Perimenopause auch zum ersten Mal auftreten?

Das kann vorkommen. Wenn man jedoch sehr genau nachfragt, berichten viele Frauen, dass sie bereits früher gelegentlich leichte oder nicht eindeutig zugeordnete Kopfschmerzen hatten. Eine vollkommen neu auftretende Migräne ohne jede Vorgeschichte ist seltener.

In der Perimenopause kommen zudem häufig weitere Faktoren zusammen. Schlafstörungen können die Schmerzempfindlichkeit erhöhen. Auch stärkere Belastungen, Stimmungsschwankungen oder andere körperliche Beschwerden können die Schwelle senken, ab der ein Reiz als Schmerz wahrgenommen wird.

Das erhöht bei entsprechend veranlagten Frauen das Risiko, dass Migräne häufiger auftritt oder chronifiziert.

Wird Migräne nach der Menopause wieder besser, wenn sich die Hormone stabilisieren?

Bei vielen Frauen wird die Migräne nach der Menopause deutlich besser oder stabiler. Manche haben ab einem bestimmten Zeitpunkt gar keine Attacken mehr.

Es gibt aber auch ältere Patientinnen, die trotz einer stabilen hormonellen Situation weiterhin stark unter Migräne leiden. Das zeigt sehr deutlich:

„Hormone sind ein wichtiger Trigger für Migräne, aber bei Weitem nicht der einzige.“

Die klassische Migräne ist eine komplexe, genetisch mitbedingte neurologische Erkrankung. Dazu kommen Schlaf, Stress, Begleiterkrankungen, psychische Belastungen und weitere Schmerzerkrankungen. Gerade schwere Verläufe müssen deshalb multimodal behandelt werden.

Frauen sind deutlich häufiger von Migräne betroffen als Männer. Wie groß ist der Unterschied?

Migräne tritt bei Frauen etwa zwei- bis dreimal so häufig auf wie bei Männern. In Deutschland liegt die Häufigkeit bei Frauen bei ungefähr 15 Prozent.

Natürlich sind nicht alle Betroffenen gleich stark eingeschränkt. Trotzdem ist Migräne eine Volkskrankheit. Gemessen daran wird sie noch immer zu wenig erforscht und in der Gesellschaft zu wenig verstanden. Auch spezialisierte Versorgungsstrukturen reichen vielerorts nicht aus. Viele Kopfschmerzzentren haben sehr lange Wartezeiten.

Was unterscheidet Migräne von gewöhnlichen Kopfschmerzen?

Migräne ist eine neurologische Erkrankung und umfasst weit mehr als die eigentliche Kopfschmerzphase.

Bereits vor der Attacke können sich Appetit, Müdigkeit, Konzentration, Aktivität und Stimmung verändern. Bei etwa einem Viertel der Betroffenen tritt eine Aura auf. Dazu können Seh- oder Gefühlsstörungen gehören.

Dann folgt die eigentliche Kopfschmerzphase, häufig mit Übelkeit sowie einer starken Empfindlichkeit gegenüber Licht und Geräuschen. Viele Betroffene müssen sich vollständig zurückziehen.

Auch wenn der Schmerz abgeklungen ist, ist die Attacke noch nicht unbedingt vorbei. In der anschließenden Phase können Betroffene ein bis zwei Tage erschöpft und weniger konzentriert sein.

„Eine Migräneattacke endet nicht automatisch in dem Moment, in dem der Kopfschmerz verschwindet.“

Gerade bei häufigen Attacken können diese Phasen ineinander übergehen. Die Betroffenen erholen sich nicht mehr vollständig, bevor die nächste Attacke beginnt.

Welche anderen Kopfschmerzarten gibt es?

Neben der Migräne ist der Spannungskopfschmerz eine häufige primäre Kopfschmerzerkrankung. Er ist meist weniger stark und schränkt den Alltag häufig nicht so massiv ein. Zum Problem kann er werden, wenn er sehr häufig auftritt oder chronifiziert.

Eine seltenere, aber extrem schwere Form ist der Clusterkopfschmerz. Die Attacken treten typischerweise in zeitlich begrenzten Phasen auf und verursachen sehr starke, meist einseitige Schmerzen rund um oder hinter dem Auge. Begleitend können das Auge tränen, die Nase laufen oder Schweißbildung im Gesicht auftreten.

Im Gegensatz zur Migräne, bei der Betroffene häufig Ruhe suchen, erleben Menschen mit Clusterkopfschmerzen während der Attacke meist eine starke innere Unruhe und einen ausgeprägten Bewegungsdrang.

Wann spricht man von einer chronischen Migräne?

Bei einer chronischen Migräne bestehen an mindestens 15 Tagen im Monat Kopfschmerzen. An mindestens acht dieser Tage müssen die Beschwerden migränetypisch sein. Dazu gehören beispielsweise ein pochender oder einseitiger Schmerz, Übelkeit, Licht- und Lärmempfindlichkeit sowie ein starker Ruhebedarf. Diese Beschwerden müssen über mehr als drei Monate bestehen.

Diese Definition ist wichtig, weil eine chronische Migräne einen umfassenden Behandlungsansatz benötigt. Es reicht dann meist nicht, nur die einzelne Attacke zu behandeln.

Was passiert bei einer Chronifizierung im Nervensystem?

Durch das wiederholte Auftreten von Schmerzen kann sich ein Schmerzgedächtnis ausbilden. Gleichzeitig werden körpereigene Mechanismen, die normalerweise bei der Schmerzregulation helfen, zunehmend geschwächt.

Auch die Netzwerke im zentralen Nervensystem verändern sich. Vereinfacht gesagt werden immer geringere Reize als Schmerz wahrgenommen.

„Bei einer Chronifizierung werden die Autobahnen des Schmerzes immer breiter.“

Diese Entwicklung wieder zurückzudrängen, ist nicht einfach. Es braucht verschiedene Ansätze: Wissen über die eigene Erkrankung, eine passende medikamentöse Behandlung, Entspannungsverfahren, Bewegung, gegebenenfalls Psychotherapie und spezifische physiotherapeutische Maßnahmen.

Kann Bewegung helfen, obwohl Sport bei manchen Frauen eine Migräneattacke auslöst?

Grundsätzlich ist Bewegung günstig. Das Problem ist aber, dass Patientinnen mit sehr häufiger Migräne teilweise kaum vollständig beschwerdefreie Phasen erleben.

Wer nur wenige Migränetage im Monat hat, kann zwischen den Attacken meist gut Sport treiben. Bei zehn oder mehr Tagen kommen manche Betroffene fast direkt von einer Attacke in die nächste. Dann kann körperliche Aktivität den bereits vorhandenen Migränekopfschmerz verstärken.

Wenn Sport regelmäßig eine Attacke auslöst oder den Schmerz deutlich verschlechtert, sollte man deshalb nicht einfach sagen: „Dann müssen Sie sich eben mehr bewegen.“ Es ist vielmehr ein Signal, die gesamte Behandlung noch einmal zu überprüfen. Möglicherweise ist die Prophylaxe noch nicht optimal eingestellt oder es fehlen weitere Therapiebausteine.

„Wenn Bewegung regelmäßig die Migräne verstärkt, sollte nicht die Bewegung gestrichen, sondern die Behandlung überprüft werden.“

Kann eine Hormontherapie Migräne in den Wechseljahren verbessern?

Dazu gibt es bisher keine ausreichend großen und eindeutigen Studien. Die vorhandene Evidenz erlaubt keine pauschale Aussage, dass eine Hormontherapie bei Migräne grundsätzlich gut oder grundsätzlich schlecht ist.

In der Praxis sehen wir sehr unterschiedliche Reaktionen. Bei manchen Patientinnen verändert sich die Migräne nicht. Einige erleben eine Stabilisierung, andere möglicherweise eine Verschlechterung. Häufig lässt sich zudem nicht eindeutig sagen, ob eine Veränderung tatsächlich durch die Hormontherapie oder durch andere Faktoren verursacht wurde.

Eine Hormontherapie sollte deshalb nicht allein begonnen werden, weil eine Frau Migräne hat. Entscheidend ist, ob aus gynäkologischer Sicht behandlungsbedürftige Wechseljahresbeschwerden bestehen. Dann muss der Einzelfall behutsam geprüft und das individuelle Ansprechen beobachtet werden, idealerweise in Abstimmung zwischen Gynäkologie und Neurologie.

„Bei Migräne und Hormontherapie gibt es kein pauschales Ja oder Nein. Entscheidend ist der individuelle Verlauf.“

Was sollten Frauen ab 40 über Kopfschmerzen und Migräne wissen?

Frauen sollten wissen, dass hormonelle Veränderungen Migräne beeinflussen können. Dieses Wissen wäre eigentlich schon in jüngeren Jahren wichtig, etwa im Zusammenhang mit Menstruation, Schwangerschaft und der Zeit nach der Geburt.

Genauso wichtig ist aber, Migräne als neurologische Erkrankung ernst zu nehmen und sich frühzeitig Unterstützung zu holen. Heute gibt es viele wirksame Behandlungsmöglichkeiten. Niemand sollte sich mit dem Gedanken abfinden, Migräne sei bloß ein psychosomatisches Problem oder man müsse einfach damit leben.

Migräne ist eine klar definierte neurologische Erkrankung, die gleichzeitig stark durch Umwelt- und Lebensfaktoren beeinflusst werden kann. Genau deshalb ist ein individueller und multimodaler Behandlungsansatz so wichtig.

Wir brauchen insgesamt mehr Gesundheitsbildung. Menschen müssen Zugang zu verlässlichen Informationen haben, damit sie Beschwerden frühzeitig einordnen und geeignete Hilfe finden können.

Vielen Dank für das spannende Gespräch!

Quelle: Die im Interview genannte Definition der chronischen Migräne entspricht der internationalen Kopfschmerzklassifikation (ICHD-3): mindestens 15 Kopfschmerztage pro Monat über mehr als drei Monate, davon mindestens acht Tage mit Migränemerkmalen. International Headache Society