Harnwegsbeschwerden - Ein oft übersehener Link zu den Wechseljahren
Veröffentlicht von Saskia Scheibel im Juni 2025 in Symptome
Was versteht man unter Harnwegsbeschwerden?
Harnwegsbeschwerden sind Symptome, die auf eine Reizung, Entzündung oder Infektion der Harnwege hinweisen. Dazu zählen typischerweise:
Brennen beim Wasserlassen
Häufiger Harndrang, auch bei kleinen Urinmengen
Schmerzen im Unterbauch
Trüber oder übelriechender Urin
Restharngefühl (Gefühl, die Blase nicht ganz entleeren zu können)
Sie treten häufig bei Frauen auf – besonders in den Wechseljahren, da sinkender Östrogenspiegel die Schleimhäute empfindlicher und anfälliger macht.
Warum die Harnwege auf die Wechseljahre reagieren
Mit Beginn der Perimenopause und vor allem ab der Menopause kommt es zu einem deutlichen Rückgang des Östrogenspiegels. Östrogen hat jedoch eine wichtige Funktion für die Gesundheit des Urogenitaltrakts – also der Harnwege und der weiblichen Geschlechtsorgane.
Östrogen sorgt für:
Eine gute Durchblutung und Elastizität der Harnröhre und Blase
Eine gesunde Schleimhaut (feucht und widerstandsfähig)
Den Erhalt der physiologischen Vaginalflora (Milchsäurebakterien, pH-Wert ~4)
Ein starkes lokales Immunsystem
Sinkt der Östrogenspiegel, können sich die Schleimhäute im Urogenitalbereich zurückbilden, die Abwehr gegen Keime wird schwächer – Infektionen und Reizungen nehmen zu.
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Die häufigsten Harnwegsbeschwerden in den Wechseljahren
1. Blasenentzündungen (rezidivierende Zystitiden)
Viele Frauen berichten, dass sie plötzlich häufiger unter Harnwegsinfekten leiden – teilweise nach dem Sex oder scheinbar grundlos. Häufig sind es immer wieder die gleichen Erreger (meist Escherichia coli), die über die Harnröhre in die Blase gelangen. Durch den Östrogenmangel verändert sich der PH-Wert der Scheide (er wird basischer), was Erregern einen guten Nährboden bietet. Diese Infektionen können sehr schmerzhaft sein und daher eine große Belastung für viele Frauen.
Typische Symptome:
Brennen beim Wasserlassen
Häufiger Harndrang (auch nachts)
Unterbauchschmerzen
Trüber oder übelriechender Urin
2. Reizblase und Dranginkontinenz
Auch ohne Infektion kann es zu einem ständigen Harndrang oder ungewolltem Urinverlust kommen. Man unterscheidet hier zwischen Stressinkontinenz (z.B. durch Niesen oder Hüpfen) und Dranginkontinenz (sehr kurzes Haltevermögen). Dies wird u.a. durch die nachlassende Elastizität der Blasenmuskulatur und die Schleimhautveränderungen begünstigt. Auch die Harnröhre hat viele Östrogenrezeptoren, die unter einem Mangel leiden. Zudem kann ein schwacher Beckenboden z.B. durch eine Geburt dazu führen, dass die Harnröhre sich senkt und damit nicht mehr in einem optimalen Winkel steht.
3. Urogenitales Menopausensyndrom (GSM) oder vaginale Atrophie
Früher als „vaginale Atrophie“ (Scheidentrockenheit) bezeichnet, umfasst GSM nicht nur vaginale Trockenheit, sondern in der Folge auch Harnröhrenreizungen, -infektionen, Brennen und Beschwerden beim Wasserlassen sowie Inkontinenz. Diese Symptome sind durch die hormonelle Veränderung (Östrogenmangel) bedingt – ohne dass eine Infektion vorliegt. GSM betrifft 70% aller Frauen jenseits der Menopause, die Dunkelziffer mag sogar höher liegen, man kann also vermuten, dass so gut wie alle Frauen davon irgendwann betroffen sind. Das Problem wurde lange vom Gesundheitssystem ignoriert, viele Frauen sind noch immer nicht darüber aufgeklärt - und das, wo der Zustand sich über die Jahre immer weiter schleichend verschlechtern kann.
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Was kann helfen?
🔹 1. Lokal wirkende Hormontherapie (vaginale Östrogene)
Lokal angewendete Östrogene (z. B. als Vaginalcreme, Zäpfchen oder Tablette) können die Schleimhäute stärken, die Durchblutung fördern und die Abwehrlage verbessern – ohne den gesamten Körper hormonell zu beeinflussen. Sie sind gut erforscht und gelten als sehr wirksam bei urogenitalen Beschwerden. Diese Lokaltherapie können auch Frauen in Anspruch nehmen, die für eine systemische Hormonersatztherapie aus gesundheitlichen Gründen nicht in Frage kommen (z.B. durch Brustkrebs), da nur eine sehr geringe Menge in den Körper gelangt.
Studien zeigen, dass vaginale Östrogentherapie das Risiko für vaginale Atrophie und damit auch wiederkehrende Harnwegsinfekte signifikant senken kann.
🔹 2. Probiotika & Vaginalflora stärken
Laktobazillen spielen eine zentrale Rolle im vaginalen Mikrobiom. Präparate mit gezielten Bakterienstämmen (oral oder vaginal) können helfen, das natürliche Gleichgewicht wiederherzustellen und das Infektionsrisiko zu senken.
🔹 3. Genügend trinken & regelmäßig entleeren
Eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr (mind. 1,5–2 Liter pro Tag) hilft, Bakterien „auszuspülen“. Auch regelmäßiges Wasserlassen – besonders nach dem Sex – senkt das Risiko für Infektionen.
🔹 4. Pflanzliche Unterstützung
Bestimmte Pflanzenstoffe wie Cranberry-Extrakt (PACs) bzw. Cranberry-Saft (300ml/Tag) oder D-Mannose können die Anzahl der Bakterien reduzieren bzw. die Anhaftung von Bakterien an der Blasenwand verhindern – die Studienlage ist gemischt, aber neue Daten bestätigen Effektivität. Auch Beerentraubenblätter können nachweislich helfen.
🔹 5. Beckenbodentraining und Physiotherapie
Ein kräftiger Beckenboden unterstützt nicht nur die Blasenkontinenz, sondern kann auch die Durchblutung im Urogenitalbereich verbessern. Hier gibt es zum einen die Option, den Beckenboden durch gezielte Übungen (oder das Einsetzen von speziellen Kegeln) zu stärken sowie sich einer speziellen Physiotherapie zu unterzeiehen.
🔹 6. Scheidenlaser-Therapie
Es gibt seit einigen Jahren auch in Deutschland eine Lasertherapie für die Scheide, die die Scheide dazu anregt, sich selbst zu “erneuern” und damit Patientinnen mit den Symptomen einer vaginalen Atrophie helfen kann. Das Verfahren ist schmerzfrei und effektiv, muss jedoch in vielen Fällen noch selbst bezahlt werden und mehrfach wiederholt werden. Zudem wird es noch nicht flächendeckend angeboten.
Wann ärztliche Hilfe empfohlen ist
Wiederkehrende Harnwegsinfekte (mehr als 3× pro Jahr)
Blut im Urin
Schmerzen im Nierenbereich (möglicher Nierenbeckeninfekt)
Unklare Inkontinenz oder chronischer Harndrang
Eine gute gynäkologische, urologische und/oder physiktherapeutische Begleitung ist entscheidend – insbesondere, um andere Ursachen wie Senkungen oder systemische Erkrankungen auszuschließen.
Zusammenfassung:
Harnwegsbeschwerden in den Wechseljahren sind keine Seltenheit – aber auch kein Schicksal, das Frauen einfach hinnehmen müssen. Mit dem richtigen Wissen, frühzeitiger Behandlung und gezielter Selbstfürsorge lassen sich viele Symptome lindern oder sogar ganz vermeiden. Die Kombination aus hormonfreier Pflege, ggf. lokaler Hormontherapie und einem gesunden Lebensstil kann die Lebensqualität deutlich verbessern.
Quellen:
Bildau, Judith (2024): Raus aus dem Hormon Karussell: Soforthilfe bei PMS, Regelschmerzen, psychischen Tiefs, Schlafstörungen und Gewichtszunahme. München: Gräfe und Unzer Verlag.
De Liz, Sheila (2024): Woman on Fire: Alles über die fabelhaften Wechseljahre. 24. Auflage, Hamburg: Rowohlt Verlag.
Raul Raz and Walter E. Stamm (1993): A Controlled Trial of Intravaginal Estriol in Postmenopausal Women with Recurrent Urinary Tract Infections. The New England Journal of Medicine. URL.