Schilddrüse in den Wechseljahren: Warum ein „normaler“ TSH-Wert oft nicht reicht mit Dr. Seiberlich
Veröffentlicht von Saskia Appelhoff im April 2026
Müde, gereizt, depressiv verstimmt, Brainfog, Gewichtszunahme – viele Frauen schieben solche Beschwerden in der Lebensmitte erstmal auf Stress oder die Wechseljahre. Und ja: Oft spielt beides eine Rolle. Aber manchmal steckt auch die Schilddrüse dahinter – und genau die wird häufig nicht gründlich genug untersucht. Im Interview erklärt Internistin und Ernährungsmedizinerin Bettina Seiberlich, warum die Schilddrüse für Frauen ein echtes Masterorgan ist, weshalb ein unauffälliger TSH-Wert noch lange keine Entwarnung bedeutet und welche Blutwerte, Nährstoffe und Zusammenhänge mit Darm, Stress und Hormonen wirklich relevant sind.
Bettina, schön, dass du da bist. Stell dich doch gern einmal kurz vor.
Sehr gern – und danke für die Einladung. Ich bin Bettina Seiberlich, Fachärztin für Innere Medizin und Ernährungsmedizin und habe in den letzten Jahren zusätzlich noch eine Weiterbildung in Funktioneller Medizin gemacht. Ich führe eine ganzheitlich ausgerichtete internistische Praxis in Süddeutschland – und die Schilddrüse spielt dort eine ziemlich große Rolle. Gerade bei Frauen. Deshalb freue ich mich total, dass wir heute darüber sprechen.
Dann lass uns direkt einsteigen: Warum ist die Schilddrüse für Frauen so viel relevanter, als viele denken?
Weil sie zwar klein ist, aber extrem viel steuert.
Ich sage immer: Die Schilddrüse steuert fast alles – und wird trotzdem oft übersehen. Ohne Schilddrüsenhormone könnten wir nicht leben – so simpel ist es. Und trotzdem wird oft nicht genau genug hingeschaut, ob diese Regulation wirklich gut funktioniert.
Warum wird sie denn oft nicht genauer angeschaut?
Weil in der Praxis oft nur der TSH-Wert bestimmt wird. Das ist so ein bisschen der Standard, das ist leitliniengerecht, das wird halt gemacht. Nur: Der TSH sagt eben längst nicht alles, ein normaler TSH-Wert kann dich täuschen. Der kommt aus der Hypophyse, also aus dem Regelkreis „von oben“, und soll der Schilddrüse sagen: Jetzt produziere bitte Hormone. Das Problem ist: Gerade bei Frauen ab der Lebensmitte funktioniert dieser Regelkreis oft nicht mehr sauber. Dann wird oben zu wenig Signal gegeben – und unten produziert die Schilddrüse zu wenig.Und wenn man dann nur auf den TSH schaut, wirkt es so, als sei alles okay. Ist es aber oft nicht. Genau das ist das Fatale.
Welche Werte sollte man sich denn zusätzlich anschauen?
Basic ist: TSH, freies T3 und freies T4. Das ist für mich die absolute Grundlage. Ein einzelner Blutwert reicht nicht, um deine Schilddrüse zu verstehen.Damit kann man schon relativ gut einschätzen, wo das Problem liegen könnte – zum Beispiel auch, ob eine Umwandlungsstörung vorliegt. Also ob zwar genug T4 da ist, das aber nicht gut in das aktive T3 umgewandelt wird. Das sehe ich übrigens bei Frauen ab der Lebensmitte auch relativ häufig.Dann kann man je nach Fall noch ergänzen: Antikörper wie TPO, TG oder TRAK, wenn es um Hashimoto oder Basedow geht. Und dann eben Nährstoffe – die sind für mich fast immer mit auf dem Tableau.
Welche Beschwerden werden denn häufig nicht mit der Schilddrüse in Verbindung gebracht?
Zum Beispiel Depressionen. Viele denken bei Schilddrüse sofort an Gewichtszunahme, Haarausfall, Müdigkeit – klar, das sind typische Symptome. Aber gerade bei Frauen ab der Lebensmitte sehe ich oft eher dieses diffuse Bild: depressive Verstimmung, Antriebslosigkeit, Brainfog. Auch so Dinge wie ausgedünnte Augenbrauen im äußeren Bereich oder Wassereinlagerungen, geschwollene Augen – das wird oft gar nicht der Schilddrüse zugeordnet.
Das ist ja auch tricky, weil vieles davon genauso Wechseljahres-Symptome sein können.
Total. Das ist oft gar nicht sauber zu trennen: Brainfog, Gewichtszunahme, Stimmung. Das kann alles beides sein – Wechseljahre und Schilddrüse. Deshalb brauchen wir die Blutwerte. Und wir müssen es uns ganzheitlich anschauen. Nicht dieses: „Das sind halt die Wechseljahre“ – und fertig.
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Wie gehst du da in der Praxis ran, wenn eine Frau mit solchen Beschwerden kommt?
Das Allerwichtigste ist erstmal die Anamnese. Wirklich. Ich nehme mir Zeit, höre zu, frage genau nach. Da kriegt man oft schon ein gutes Gefühl dafür, wo man hinschauen muss. Und was manche tatsächlich überrascht: Ich will immer auch wissen, wie die Frau sich ernährt. Ich arbeite mit einem Fragebogen – und sehr oft ist ausgerechnet das Ernährungsprotokoll leer. Und dann sage ich: Ja, aber das ist doch die Basis.Denn wenn wir die Schilddrüse unterstützen wollen, müssen wir auch fragen: Bekommt sie überhaupt das, was sie braucht? Wie sieht’s mit dem Darm aus? Wie mit Nährstoffen? Das gehört alles dazu.
Dann lass uns da direkt tiefer reingehen. Welche Rolle spielt der Darm für die Schilddrüse?
Eine ziemlich große. Gerade bei Autoimmunerkrankungen wie Hashimoto gehen wir davon aus, dass der Darm mit eine entscheidende Rolle spielt – zum Beispiel über eine gestörte Darmbarriere, also Leaky Gut. Dann kommen Stoffe in den Körper, die da eigentlich nicht hingehören, und das kann Autoimmunprozesse begünstigen. Dazu kommt: Der Darm entscheidet natürlich auch darüber, wie gut wir Nährstoffe aufnehmen. Und andersrum beeinflusst die Schilddrüse den Darm genauso. Frauen mit Unterfunktion produzieren zum Beispiel oft weniger Magensäure – und dann werden wichtige Nährstoffe wie B12, Eisen, Zink oder Magnesium schlechter aufgenommen.
Also: Darm und Schilddrüse – das ist keine Nebensache. Das hängt eng zusammen.
Gibt es denn etwas Spezielles, das man für den Darm tun kann – gerade mit Blick auf die Schilddrüse?
Ganz ehrlich: die Basics. Ballaststoffe, sekundäre Pflanzenstoffe, möglichst vielfältig, wenig hochverarbeitet. Das ist die Grundlage.Es gibt leider kein Wunderpräparat für „Darm plus Schilddrüse“. Das wird gern so verkauft, aber das gibt es nicht. Die Basis ist am Ende oft langweiliger – aber dafür wirksam.
Du hast schon die Nährstoffe angesprochen. Welche schaust du dir besonders an?
Ganz wichtig: Selen, Ferritin und Transferrinsättigung, Zink, Vitamin B12 – und oft auch den Omega-3-Index. Bei Hashimoto schaue ich mir außerdem Jod an, das messe ich meistens im Urin. Und ich kann wirklich sagen: Mängel sind eher die Regel als die Ausnahme. Gerade Selen- und Jodmangel sehe ich ständig.
Interessanterweise oft sogar bei Menschen, die sich vermeintlich sehr gesund ernähren. Die essen Bio, wenig verarbeitet, viel vom Markt – und haben dann trotzdem oder gerade deshalb zu wenig Selen und Jod, weil diese Lebensmittel eben nicht automatisch angereichert sind. Das ist schon ein bisschen absurd.
Was ist denn beim Selen für dich ein guter Zielwert?
Ich peile unter Therapie eher das obere Drittel des Referenzbereichs an, also etwa um die 150. Und ganz oft sehe ich Frauen mit Werten von 60, 70 – also deutlich zu niedrig.
Würdest du das dann über Ernährung oder über Supplemente ausgleichen?
Beides geht. Am einfachsten ist es natürlich über ein Nahrungsergänzungsmittel, weil man das besser steuern kann.Aber wer sagt, ich möchte es erstmal über die Ernährung probieren, da sind Paranüsse natürlich ein Klassiker. Ein bis zwei pro Tag können schon helfen. Nur: Die Menge an Selen schwankt da stark. Also kontrollierbar ist es mit einem Präparat einfach besser.
Und wie ist das bei Jod? Viele denken ja sofort an Jodsalz.
Ja, aber das reicht oft nicht. Gerade Frauen, die sehr bewusst leben, nehmen dann eher Himalayasalz oder andere nicht jodierte Salze – und dann sehen wir schnell einen Mangel.Beim Thema Hashimoto muss man ein bisschen differenzieren: Wenn die Schilddrüse gerade sehr entzündet ist, mit hohen Antikörpern und starkem Schub, dann bin ich mit Jod erstmal vorsichtig. Aber grundsätzlich gilt nicht, dass man sich bei Hashimoto jodfrei ernähren muss. Im Gegenteil: Wenn Jod fehlt, fehlt der Schilddrüse schlicht das Material, um Hormone zu bauen. Ich gleiche einen Mangel dann meistens vorsichtig aus und starte eher niedrig dosiert.
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Ergänzt du die Nährstoffe lieber einzeln – oder arbeitest du auch mit Kombipräparaten?
Kommt drauf an. Am Anfang arbeite ich oft lieber mit Einzelsubstanzen, weil ich besser steuern und nachvollziehen kann, was wie wirkt. Später kann ein gutes Komplexpräparat total sinnvoll sein – auch für die Dauer. Aber das entscheide ich wirklich individuell. Es bringt ja nichts, wenn jemand zehn Kapseln am Tag nehmen soll und dann gar nichts mehr nimmt.
Und ab wann gibst du dann wirklich Schilddrüsenmedikamente?
Das hängt vom Gesamtbild ab – also von Werten, Verlauf und Leidensdruck. Wenn ich sehe, da ist seit Monaten oder länger eine klare Unterfunktion, die Frau ist total erschöpft, Haare fallen aus, sie hat einen hohen Leidensdruck – dann starte ich natürlich eher. Wenn es einmalig auffällig war, warte ich manchmal erstmal ab, kontrolliere nach ein paar Wochen noch mal und optimiere zunächst die Nährstoffe. Schilddrüsenhormone unterliegen ja auch Schwankungen – tageszeitlich, jahreszeitlich, zyklusabhängig. Aber grob gesagt: In vielen Fällen starte ich schon mit einem Präparat, in anderen eben nicht sofort.
Lass uns noch auf Stress schauen. Wie hängen Schilddrüse, Stress und Cortisol zusammen?
Ganz eng. Alle Hormondrüsen sind miteinander verbunden – und chronischer Stress wirkt sich direkt auf die Schilddrüse aus. Wenn Cortisol über längere Zeit erhöht ist, wird die Schilddrüsenfunktion oft herunterreguliert. Unter anderem, weil oben wieder weniger TSH gebildet wird.Und das ist ja eigentlich logisch: Wenn unser Körper im Überlebensmodus ist, fährt er alles runter, was er gerade nicht unbedingt braucht – Wachstum, Fortpflanzung, Regulation.Gerade für Frauen in der Lebensmitte ist das ein Riesenthema: Job, Kinder, pflegebedürftige Eltern, Daueranspannung. Dieser chronische Stress kann mit ein Grund sein, warum die Schilddrüse plötzlich nicht mehr sauber läuft.
Und wie wirken die Wechseljahreshormone auf die Schilddrüse?
Auch das ist ein ganz wichtiger Punkt. Gerade Östrogen beeinflusst, wie viel Schilddrüsenhormon dem Körper überhaupt frei zur Verfügung steht. In der Perimenopause haben wir oft dieses totale Hormonchaos, anfangs häufig mit einer Östrogendominanz. Das kann dazu führen, dass mehr Schilddrüsenhormon gebunden wird und dem Körper weniger frei zur Verfügung steht. Und gleichzeitig können diese Hormonverschiebungen Autoimmunprozesse triggern. Also: Eine Frau hat vielleicht eine genetische Veranlagung für Hashimoto – und dann kommt die Perimenopause als Trigger obendrauf. Plötzlich flammt das Thema auf, obwohl vorher nie etwas war. Das sehe ich wirklich häufig.
Wird es nach der Menopause dann wieder einfacher?
Oft ja. Das ist tatsächlich meine Erfahrung. Wenn diese extremen Schwankungen wegfallen, wird es häufig wieder stabiler. Dann können wir manchmal sogar Medikamente wieder etwas reduzieren, weil einfach mehr freies Schilddrüsenhormon verfügbar ist.Deshalb ist die Postmenopause auch so eine Phase, in der man ruhig mal wieder genauer kontrollieren sollte.
Wenn du Frauen einen Satz zur Schilddrüse mitgeben könntest – welcher wäre das?
Die Schilddrüse ist euer Masterorgan – und wenn ihr das Gefühl habt, irgendetwas stimmt nicht, dann vertraut darauf. Lasst euch nicht mit nur einem TSH-Wert abspeisen. Schaut euch T3, T4, Ferritin, Selen, B12 und idealerweise auch Jod an. Nur so bekommt man wirklich ein Bild.
Gibt es noch etwas, das dir besonders wichtig ist?
Ja – vielleicht das: Bitte macht euch bei Hashimoto nicht verrückt mit irgendwelchen pauschalen Verbotslisten. Es gibt nicht die eine Hashimoto-Diät. Nicht jede Frau muss glutenfrei, jodfrei, milchfrei und sojafrei leben. Das erzeugt oft nur zusätzlichen Stress – und der schadet der Schilddrüse am Ende mehr als ein Stück Sauerteigbrot.Natürlich sollte Ernährung antientzündlich und nährstoffreich sein. Aber pauschale Verbote helfen oft nicht – sie machen das Leben nur komplizierter.
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