Wie entschlüssele ich meine Hormonwerte? Mit der ganzheitlichen Ärztin Caroline Kreuschmer
Veröffentlicht von Saskia Scheibel im Oktober 2025
Caroline Kreuschmer ist ganzheitliche Ärztin in Halle und fokussiert sich darauf, die Ursachen von Gesundheitsproblemen zu verstehen und zu behandeln, statt nur Symptome zu lindern. Sie ist Therapeutin für funktionelle Medizin sowie ausgebildet in den Bereichen Akupunktur und Traditionelle Chinesische Medizin (TCM). Inhaltlich hat sie sich auf Frauenheilkunde spezialisiert und begleitet Frauen durch alle Phasen des Lebens, auch und vor allem durch die Wechseljahre. In diesem Kontext hat sie das Buch "Der Hormonwerte Code" geschrieben, das Frauen dabei hilft, ihre eigenen gemessen Werte zu verstehen. Im Interview erklärt sie, warum Frauen ihre Werte selbst verstehen sollten und wie Frauen ihren Körper in den Wechseljahren auf natürliche Art und Weise unterstützen können.
Schön, dass Sie da sind! Können Sie sich und Ihre Arbeit kurz vorstellen und was Sie zum Schreiben des großartigen Buches “Der Hormonwerte Code” bewegt hat?
Ich bin Caroline Kreuschmer, 43 Jahre alt, und seit etwa 15 Jahren Ärztin. Ich habe lange in der Klinik gearbeitet, später in einer kassenärztlichen Praxis und 2024 meine eigene Privatpraxis für funktionelle und chinesische Medizin gegründet. Dort habe ich mich auf die ganzheitliche Behandlung von Frauen spezialisiert – von Zyklusstörungen bis zu den Wechseljahren. Ich arbeite mit Nährstoff- und Hormontherapie, TCM, Akupunktur und chinesischer Diätetik.
Das Buch kam aus einem längeren Prozess heraus. Es stellte sich nämlich heraus, dass es bisher kein Buch gab, das Frauen hilft, Hormontests selbst auszuwerten. Für Blutwerte gibt es Vergleichbares, aber für Hormone fehlte das. Meine Erfahrung – sowohl aus der Kassen- als auch der Privatpraxis – ist, dass Frauen oft viel wissen und Hilfe suchen, aber mit ihren Ergebnissen allein gelassen werden. Hormontests werden privat gemacht, aber niemand erklärt, wie man sie richtig interpretiert. Stattdessen hören sie oft: „Das ist halt PMS, da müssen Sie durch“ oder „Sie sind zu jung für die Wechseljahre“.
Ich wollte mit dem Buch ein Stück Selbstbestimmung und Wissen vermitteln – dass Frauen verstehen: „Ich bin nicht komisch – da steckt ein Hormonmangel dahinter.“ Dieses Verständnis verändert sofort die Perspektive.
Was sind Ihrer Meinung nach die größten Schwachstellen in der aktuellen schulmedizinischen Hormondiagnostik, vor allem bei Frauen in der Perimenopause?
Das Hauptproblem ist die Haltung, dass Hormone zu stark schwanken und Tests deshalb keinen Sinn machen. Natürlich schwanken sie – aber das bedeutet nicht, dass eine Bestimmung wertlos ist. Wenn eine Frau Beschwerden hat, sollte man sie ernst nehmen und im Zusammenhang mit Laborwerten betrachten.
In der Medizin fragen wir immer: Wenn ich einen Test mache, welche therapeutische Konsequenz hat das Ergebnis? Ein Test ohne Konsequenz ist sinnlos. Leider wird oft gar nicht therapiert – weder mit noch ohne Test. Dabei kann man auch ohne Laborwerte individuell behandeln, wenn man die Beschwerden richtig einordnet.
Dafür braucht es allerdings Zeit. Ein Hormongespräch dauert bei mir meist 30 bis 60 Minuten, weil es sehr individuell ist. Ziel ist, dass die Frau mit einem klaren Plan rausgeht und weiß: „Wenn es sich so anfühlt, mache ich das; wenn es sich so anfühlt, mache ich das.“
Es geht also darum, Frauen zuzuhören, ihre Symptome zu verstehen und auf dieser Basis eine bioidentische Hormontherapie einzuleiten – anstatt zu sagen: „Wir machen keinen Test, und behandeln tun wir auch nicht."
Eine so differenzierte Betrachtung – das ist vermutlich keine Kassenleistung, oder?
Nein, das lässt sich mit der Abrechnungsziffer in der Kassenmedizin schlicht nicht abbilden. Zehn Minuten reichen dafür nicht.
Trotzdem kann man auch in der kassenärztlichen Praxis klar sagen: „Das geht so nicht, bitte buchen Sie eine Privatleistung.“ Oder die Patientin bespricht alles mit mir, geht dann zu ihrer Frauenärztin, die die Rezepte ausstellt. Viele Gynäkologinnen sind froh, wenn die hormonelle Einstellung schon überlegt ist. Die Hormone selbst sind ja eine Kassenleistung – nur die ausführliche Beratung nicht.
Können Sie kurz erklären, wie eine differenzierte Hormonanalyse aussieht? Wann macht man Speichel-, wann Blut- oder Urintests?
Grundsätzlich können alle Tests Hormone bestimmen – sie zeigen aber unterschiedliche Aspekte.
In der Prämenopause, also wenn das Progesteron zu sinken beginnt, nutze ich gern den Speicheltest. Er zeigt gut das Verhältnis von Östrogen zu Progesteron – oft besteht eine sogenannte „Östrogendominanz“, nicht weil das Östrogen zu hoch, sondern weil das Progesteron zu niedrig ist.
Speicheltests sind außerdem praktisch für Frauen, die keinen einfachen Zugang zu einem Labor haben. Sie können den Test zu Hause in der zweiten Zyklushälfte durchführen. Das ist wichtig, weil die Werte dort am aussagekräftigsten sind.
Der Bluttest ist sinnvoll, wenn es komplexer wird – etwa in der Perimenopause. Dann will ich FSH, LH und Estradiol sehen, auch im Hinblick auf die Knochengesundheit. Außerdem brauche ich den SHBG-Wert, weil er zeigt, wie viel Hormon tatsächlich verfügbar ist.
Wenn kein Arzt Laborleistungen anbietet, kann man den Speicheltest selbst bestellen. Wichtig: nicht in der ersten, sondern in der zweiten Zyklushälfte durchführen.
Der Urintest – etwa der bekannte Dutch-Test – ist vor allem interessant, wenn man wissen möchte, wie Hormone abgebaut werden. Ich nutze ihn selten, arbeite aber manchmal mit dem Test, der die Abbaustufen von Östrogen zeigt. Letztlich ist entscheidend, dass der Test richtig interpretiert wird – entweder von einer erfahrenen Therapeutin oder auch mithilfe meines Buchs.
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Macht es Sinn, solche Tests zu machen, wenn jemand hormonell verhütet, z. B. mit der Pille?
Nein, das bringt nichts. Unter der Pille oder anderen hormonellen Verhütungsmitteln ist das Hormonsystem unterdrückt, da kann man keine aussagekräftigen Werte messen.
Bei einer Hormonspirale, etwa der Mirena, kann man manchmal zusätzlich mit bioidentischem Östrogen arbeiten – bei typischen Symptomen wie Gelenkbeschwerden, Hitzewallungen, Schleimhauttrockenheit oder Brainfog. Das ist aber individuell zu entscheiden und sollte immer ärztlich begleitet werden.
Viele Frauen haben Angst vor einer Hormonersatztherapie, insbesondere wegen vermeintlich möglicher Krebsrisiken. Wie gehen Sie damit um?
Diese Sorgen bespreche ich immer ausführlich. Manche Frauen haben deutliche Mangelerscheinungen, aber zu große Angst vor einer Therapie – oft, weil sie negative Geschichten gehört haben. Dann schauen wir gemeinsam, woher die Angst kommt: Gibt es familiäre Krebsfälle oder andere Risikofaktoren?
Ich kläre genau ab, ob eine Hormontherapie überhaupt infrage kommt. Bei manchen Fällen braucht es vorher eine gynäkologische Untersuchung. Viele Patientinnen sind aber bereits sehr gut informiert – über Bücher, Podcasts oder Websites – und wissen genau, was sie wollen.
Manche spüren allerdings sofort, dass sie sich mit der Idee unwohl fühlen. Dann bringt es nichts, weiterzumachen – Angst blockiert auch körperlich.
Wichtig ist: Bioidentische Hormone sind etwas anderes als synthetische. Progesteron z. B. ist das gleiche Hormon, das der Körper in der zweiten Zyklushälfte selbst bildet. Wenn eine Frau darauf negativ reagieren würde, hätte sie dieses Risiko jeden Monat – das zeigt, wie natürlich diese Therapie ist.
Natürlich prüfe ich auch andere Risikofaktoren wie Gerinnungsstörungen oder Lebererkrankungen. Aber in vielen Fällen lässt sich die Therapie individuell anpassen – z. B. über die Haut statt oral, um die Leber zu entlasten.
Und wenn jemand keine Hormone nehmen möchte oder medizinisch nicht geeignet ist – was empfehlen Sie dann gegen Wechseljahresbeschwerden?
Dann kann man mit pflanzlicher Therapie, Nährstoffen und Traditioneller Chinesischer Medizin (TCM) viel erreichen – auch wenn die Wirkung meist sanfter ist.
Phytotherapeutisch nutze ich z. B. Pflanzen, die hormonähnlich wirken – allerdings nicht bei hormonrezeptorpositiven Krebserkrankungen. Ergänzend arbeite ich mit Akupunktur, chinesischer Diätetik und Nährstofftherapie. Magnesium hilft etwa bei Muskelkrämpfen, B-Vitamine unterstützen die Energieproduktion. Das sind keine klassischen Wechseljahresmedikamente, verbessern aber das allgemeine Wohlbefinden.
Neu ist auch die Substanz Fezolinetant – ein nicht-hormonelles Mittel gegen Hitzewallungen, das über die Thermoregulation im Gehirn wirkt. Ich habe es selbst noch nicht eingesetzt, aber es kann bei hormonabhängigen Krebserkrankungen eine Alternative sein.
Viele Frauen leiden jedoch nicht nur unter Hitzewallungen, sondern auch unter Muskel- und Gelenkschmerzen, Vergesslichkeit oder trockenen Schleimhäuten. Diese Beschwerden bessern sich oft, wenn man frühzeitig unterstützt – auch ohne Hormone.
Wie stehen Sie dazu, wenn Frauen ab 40 schon proaktiv kommen und sagen: „Ich merke Veränderungen – können wir schon etwas tun?“
Ich finde das großartig! Es ist immer einfacher, früh zu begleiten, wenn die Beschwerden noch mild sind. Wenn jemand erst kommt, wenn alles aus dem Ruder läuft, ist es natürlich aufwendiger. Ich schätze Patientinnen, die informiert sind, ihren Körper kennen und Verantwortung übernehmen. Selbst wenn am Ende eine andere Therapie sinnvoll ist als gedacht, ist dieses Bewusstsein unglaublich wertvoll.
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Was halten Sie von adaptogenen Pflanzen?
Man kann es auf jeden Fall versuchen. Ich habe damit persönlich weniger Erfahrung, nutze aber manchmal Ashwagandha bei starker Stressbelastung, dazu steht auch etwas in meinem Buch.
Adaptogene wirken regulierend und können unterstützen, aber sie ersetzen keine Hormontherapie. Wer weiß, wie stark Hormone wirken, ist von Pflanzen manchmal etwas enttäuscht. Trotzdem können sie für viele Frauen – besonders, wenn Hormone nicht infrage kommen – eine gute Alternative oder Ergänzung sein. Adaptogene bzw. Phytotherapie können einige Symptome der Frauen lindern genau wie Akupunktur - man hat ja immer so seine Lieblingstherapie und bei mir es das die Akupunktur.
Was fasziniert Sie an der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM)?
Ich kam damit schon in meiner Ausbildung als Physiotherapeutin in Berührung und später, als ich aus der Klinik in die Praxis kam, hat mir mein damaliger Chef einen Flyer dazu in die Hand gegeben und meinte, das sei doch sicher etwas für mich. Ich fand die Sicht auf den Menschen nach Phasen cool, jede Phase bringt eigene Besonderheiten und Symptome mit sich, man sieht den Menschen dabei als Ganzes. Es sind dann manchmal ganz einfache Dinge, wie zum Beispiel, dass laut der TCM Lehre kalte Obst- oder Gemüse-Smoothies am Morgen gar nicht gehen, weil das Kalte die Milz schwächt und wir Frauen haben durch das Gebären schon so viel Milzenergie abgegeben. Es geht immer um das Ausgleichen. Viele sagen, dass es ihnen besser geht, seit sie die Smoothies am Morgen weglassen, viele machen das aber auch intuitiv schon ganz richtig und merken von selbst, was ihnen guttut.
In den Wechseljahren, zum Beispiel, schwindet die Nierenenergie, dann müssen wir uns darum mehr kümmern. Ich begleite viele Frauen durch die unterschiedlichen Phasen ihres Lebens.
Es gibt einige Ärzt:innen da draußen, die dasselbe machen wie ich, aber man muss sie finden, das ist nicht immer ganz einfach. Im Kassensystem lässt sich das nicht wirklich machen, weil schon die Erstanamnese in der TCM sehr aufwändig ist, das wird nicht abgedeckt, dafür ist nicht ausreichend Zeit.
Haben Sie zum Abschluss noch ein paar greifbare Alltagstipps aus der TCM, die unseren Frauen in den Wechseljahren helfen könnten?
Ja, generell ist die Milzschwäche ein häufiges Thema, denn viele Frauen sind in der Phase sehr gestresst, zu viele Informationen kreisen um sie herum. Meine Tipps zum Thema Ernährung wären hier, regelmäßig zu essen, auch Frühstück, also das Frühstück nicht weglassen und ein warmes Frühstück, wie schon gesagt. Abends sollte man nicht zu spät und nicht zu reichhaltig essen, also nicht mittags mal schnell nur ein Brot und dann abends ein Essen mit drei Gängen. Auch Salat am Abend würde ich nicht empfehlen. Man sollte sich viel Zeit lassen beim Essen, nicht in Hektik essen, sondern lieber in Ruhe an einem schön gedeckten Tisch, mit der Familie, so richtig “Instagrammable”, das mag die Milz. Milchprodukte und Zucker würde ich reduzieren. Ein anderes Thema ist Bewegung, man sollte sich viel an der frischen Luft bewegen. Und dann kann ich noch das sich Warmhalten empfehlen. Viele Frauen machen das in dem Alter auch intuitiv, dass sie kein bauchfrei mehr tragen, um die Nieren warm zu halten. Überall, wo Kälte in den Körper kommt, auch an den Fußknöcheln beispielsweise, können Symptome verstärkt werden, vor allem vor der Menstruation. Auch hier haben viele Frauen schon ein gutes Gespür dafür und würden vor der Menstruation kein Eisbaden machen oder schwimmen gehen.
Wenn wir diese Dinge beachten, haben wir schon viel zu tun, das schaffe ich auch manchmal nicht alles. Aber wichtig ist, in den Wechseljahren wieder zu lernen, mehr auf sich und seine eigenen Bedürfnisse zu hören. Sobald die Kinder langsam das Haus verlassen, kann man seine eigenen Bedürfnisse wieder mehr in den Mittelpunkt rücken. Viele Frauen hinterfragen dann, “Ist das das Leben, das ich leben will?” oder “Ist das der Partner, mit dem ich wirklich mein Leben verbringen will?” - da gibt es auch Statistiken zu… Dieser Fokus auf die eigenen Bedürfnisse war in der Fortpflanzungsphase laut TCM nicht drin, aber es kommt wieder mit den Wechseljahren und das finde ich total schön.
Das war ein toller Schlusssatz, vielen Dank für dieses spannende Interview!
Zusammenfassung:
Caroline Kreuschmer, eine Ärztin für funktionelle und chinesische Medizin, hat das Buch „Der Hormonwerte Code“ geschrieben, um Frauen zu helfen, ihre Hormontests selbst zu interpretieren und ein besseres Verständnis für hormonelle Ungleichgewichte zu entwickeln. Sie erklärt, inwiefern die schulmedizinische Hormondiagnostik häufig die Bedeutung von Hormonschwankungen unterschätzt und keine individuelle Therapie anbietet bzw. anbieten kann. Kreuschmer erklärt die unterschiedlichen Anwendungen von Speichel-, Blut- und Urintests zur Hormonanalyse und betont, dass bioidentische Hormone eine natürliche Alternative zu synthetischen Hormonen darstellen. Für Frauen, die keine Hormone nehmen können oder wollen, empfiehlt sie pflanzliche Therapien, Nährstoffe und Traditionelle Chinesische Medizin (TCM), um Wechseljahresbeschwerden zu lindern. Dabei guckt sie immer ganzheitlich auf die Frau und die Phase, in der sie sich befindet.