Die ACADEMY ist live: Dein Plan für die Wechseljahre
„Brainfog ist real. Wir wissen nur noch nicht genau, was dahintersteckt.“ – Prof. Dr. Claudia Barth über Brainfog in der Perimenopause
Interview

„Brainfog ist real. Wir wissen nur noch nicht genau, was dahintersteckt.“
Im Gespräch mit Prof. Dr. rer. med. Claudia Barth

Wortfindungsstörungen, Konzentrationsprobleme, schlechter Schlaf: Viele Frauen erleben in der Perimenopause Veränderungen, die sich auch im Kopf bemerkbar machen. Doch was passiert in dieser Zeit eigentlich im Gehirn? Und was wissen wir wirklich über Hormone, Brainfog und Gehirngesundheit?

Darüber haben wir mit Prof. Dr. rer. med. Claudia Barth gesprochen. Sie ist Professorin für die Neurobiologie hormoneller Transitionsperioden an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie und am Institut für Geschlechterforschung in der Medizin (GiM) der Charité – Universitätsmedizin Berlin.

Claudia Barth ist Biologin und Neurowissenschaftlerin und promovierte 2017 in Neurowissenschaften (Neuroscience) an der Universität Leipzig und dem Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften. Ihr Forschungsschwerpunkt liegt auf der Frage, wie hormonelle Übergangsphasen wie Menstruationszyklus, Schwangerschaft und Menopause das Gehirn, die psychische Gesundheit und Alterungsprozesse beeinflussen. Dabei beschäftigt sie sich unter anderem mit Gehirngesundheit, Depression, Sexualhormonen, Hormontherapie und bildgebenden Verfahren des Gehirns.

SA
Dr. Saskia Appelhoff
· September 2026· 12 Minuten Lesezeit·

Kernaussagen

Die wichtigsten Aussagen von Prof. Dr. rer. med. Claudia Barth

  1. „Brainfog ist real. Aber wir versuchen in der Forschung gerade besser zu verstehen: Was davon ist eine direkte Folge der hormonellen Veränderungen und was entsteht zum Beispiel durch Schlafstörungen?“
  2. „Es ist eben selten nur ein einzelner Faktor.“
  3. „Die eine Wunderwaffe gibt es nicht.“
  4. „Hormonersatztherapie hat ihren Platz. Entscheidend ist, individuell zu klären, welche Frau davon profitiert.“

Viele Frauen berichten in der Perimenopause von Brainfog, Wortfindungsstörungen und Konzentrationsproblemen. Was passiert da im Gehirn?

Das ist tatsächlich keine einfache Frage, weil wir noch nicht genau wissen, was dahintersteckt.

Brainfog ist real. Aber wir versuchen in der Forschung gerade besser zu verstehen: Was davon ist eine direkte Folge der hormonellen Veränderungen und was entsteht zum Beispiel durch Schlafstörungen?

Was wir bei perimenopausalen Frauen sehr häufig sehen, sind Ein- und Durchschlafstörungen. Wenn dann noch Hitzewallungen in der Nacht dazukommen, kann sich ein regelrechter Kaskadeneffekt entwickeln. Schlafdefizite beeinflussen natürlich auch die Konzentration, die Wortfindung und die eigene Wahrnehmung der kognitiven Leistungsfähigkeit.

Spannend ist: Viele Frauen berichten sehr deutlich von Brainfog oder Wortfindungsstörungen, zeigen in klassischen kognitiven Tests aber keine Auffälligkeiten. Das heißt nicht, dass ihre Beschwerden nicht real sind. Unsere Tests bilden möglicherweise einfach nicht gut genug ab, was Frauen im Alltag erleben.

Es gibt außerdem die Hypothese, dass es während der menopausalen Transition zu Veränderungen im Energiestoffwechsel des Gehirns kommt. Dafür fehlen uns im Moment aber noch belastbare Daten, um genau sagen zu können, wann das passiert und bei wem.

Warum trifft Brainfog manche Frauen viel stärker als andere?

Wir gehen davon aus, dass viele Faktoren zusammenspielen.

Wir schauen deshalb zunehmend auf biopsychosoziale Faktoren: Wie hoch ist die Belastung im Alltag? Wie viel Stress gibt es im Beruf oder in der Familie? Wie alt sind die Kinder? Wie gut ist das soziale Umfeld?

Viele Frauen kommen heute beispielsweise in die Perimenopause, während sie gleichzeitig Teenager zu Hause haben. Auch solche Lebensumstände können zusätzliche Stressfaktoren sein.

Ein gutes soziales Umfeld kann dagegen vieles abpuffern. Auch psychische Vorerkrankungen können eine Rolle spielen. Wenn es in der Vergangenheit bereits depressive Symptome gab, können Schlafstörungen und andere Veränderungen in der Perimenopause zusätzlich belasten.

Es ist eben selten nur ein einzelner Faktor.

Was verändert sich hormonell in der Perimenopause?

Die Perimenopause sind die Übergangsjahre, in denen die Funktion der Eierstöcke nachlässt.

Das Gehirn versucht zunächst, das zu kompensieren und sendet stärkere Signale an die Eierstöcke. Dadurch kommt es gerade am Anfang häufig zu sehr starken Hormonschwankungen.

Mit der Zeit lässt die Funktion der Eierstöcke weiter nach, die Hormonspiegel sinken und nach der Menopause fallen diese starken Schwankungen weg.

Wir gehen davon aus, dass viele Beschwerden gerade mit diesen Fluktuationen zusammenhängen. Das Gehirn muss sich gewissermaßen an ein neues hormonelles Milieu anpassen.

Bedeutet das auch, dass Brainfog nach der Menopause wieder besser werden kann?

Bei vielen Frauen ja.

Die meisten Frauen können sich an diese neue hormonelle Situation anpassen. Wenn die starken Schwankungen nachlassen und sich das System stabilisiert, gehen viele Beschwerden zurück.

Das betrifft zum Beispiel Hitzewallungen, Nachtschweiß, Schlafprobleme, depressive Symptome und bei vielen Frauen auch Brainfog.

Allerdings kann dieser Übergangsprozess sehr unterschiedlich lange dauern. Bei manchen Frauen sind es mehrere Jahre. Und irgendwann kommt natürlich noch der normale Alterungsprozess dazu. Dann wird es wissenschaftlich schwieriger zu unterscheiden: Was ist Menopause und was ist Alterung?

Aber grundsätzlich gilt: Bei vielen Frauen stabilisieren sich die Beschwerden wieder.

„Es ist eben selten nur ein einzelner Faktor.“

Welche Rolle spielen Bewegung, soziale Kontakte und der eigene Lebensstil?

Eine sehr große.

Ein gutes soziales Umfeld kann ein wichtiger Schutzfaktor sein. Auch der Zugang zu guter medizinischer Versorgung spielt eine Rolle, gerade wenn Symptome sehr belastend werden.

Bewegung ist ebenfalls ein sehr wichtiger Gesundheitsfaktor. Natürlich immer in einem gesunden Maß.

Wenn wir allgemein über Gehirngesundheit sprechen, kommen tatsächlich immer wieder dieselben Dinge: ausreichend Schlaf, Bewegung, eine ausgewogene Ernährung und soziale Kontakte.

Es klingt vielleicht wenig spektakulär, aber genau diese Faktoren sind unglaublich wichtig.

Wann sollte ich Brainfog oder Schlafprobleme ärztlich abklären lassen?

Grundsätzlich würde ich sagen: Wenn die eigene Lebensqualität deutlich eingeschränkt ist, lieber früher als später Symptome ärztlich abklären lassen.

Gerade starke Schlafprobleme sollte man nicht einfach hinnehmen. Guter Schlaf ist enorm wichtig für die allgemeine Gesundheit, für das Herz-Kreislauf-System, die psychische Gesundheit und langfristig auch für die Gehirngesundheit.

Wenn Schlafstörungen sehr ausgeprägt sind, sollten sie deshalb frühzeitig behandelt werden.

Die erste Anlaufstelle kann der Hausarzt oder die Hausärztin sein. Von dort kann dann gegebenenfalls weiter überwiesen werden.

Was wissen wir heute über das weibliche Gehirn, was vor zehn Jahren noch kaum bekannt war?

Sehr viel von dem, was wir heute über Gehirngesundheit wissen, ist tatsächlich relativ neu.

Lange ging man davon aus, dass sich das Gehirn vor allem in der Kindheit und Jugend entwickelt, danach weitgehend stabil bleibt und sich erst im Alter wieder verändert.

Heute wissen wir: Das Gehirn ist wesentlich plastischer.

Wir konnten zum Beispiel zeigen, dass es Veränderungen des Gehirns über den Menstruationszyklus gibt. Erst seit wenigen Jahren wissen wir außerdem, wie stark sich das Gehirn während einer Schwangerschaft umbaut.

Und auch die Frage, welche Rolle der Übergang in die Menopause für die Gehirnalterung spielt, wird erst seit relativ kurzer Zeit intensiver untersucht.

Das Problem ist: In vielen großen älteren Studien wurden frauenspezifische Faktoren gar nicht erhoben. Deshalb fehlen uns für die Menopause noch gute Langzeitdaten.

Was können Frauen langfristig für ihre Gehirngesundheit tun? Hilft Gehirnjogging?

Es gibt viel Forschung zur sogenannten kognitiven Reserve. Bildung, geistige Aktivität und lebenslanges Lernen können vermutlich dabei helfen, Veränderungen länger zu kompensieren.

Aber wenn wir über Prävention sprechen, sind die wichtigsten Empfehlungen ziemlich klassisch: guter Schlaf, Bewegung, ausgewogene Ernährung, soziale Kontakte und körperlich aktiv bleiben.

Auch Faktoren wie Bluthochdruck oder erhöhte Cholesterinwerte sollte man ernst nehmen und behandeln lassen.

Gerade soziale Isolation und Einsamkeit werden in der Forschung zunehmend als relevante Faktoren für Alterungsprozesse betrachtet.

Aktiv und sozial integriert zu bleiben, ist sowohl für die Gehirngesundheit als auch für die mentale Gesundheit wichtig.

Die eine Wunderwaffe gibt es nicht.

„Die eine Wunderwaffe gibt es nicht.“

Manche Frauen berichten in der Perimenopause plötzlich von Ängsten, zum Beispiel beim Autofahren. Kann sich so etwas im Gehirn festsetzen?

Wir wissen, dass die Perimenopause eine Phase erhöhter Vulnerabilität für Angststörungen und Depressionen sein kann.

Wenn in dieser Zeit plötzlich Ängste entstehen und daraus ein starkes Vermeidungsverhalten wird, kann sich natürlich auch eine Angststörung manifestieren.

Das heißt aber nicht, dass diese Ängste zwangsläufig bleiben müssen. Angststörungen sind behandelbar und auch depressive Symptome stabilisieren sich bei vielen Frauen nach der Menopause wieder.

Ob bestimmte neu entstandene Ängste ohne Behandlung automatisch wieder verschwinden oder bestehen bleiben, ist eine spannende Frage. Dazu kenne ich aktuell keine eindeutige Studienlage.

Und was wissen wir über Hormonersatztherapie und Gehirngesundheit?

Da brauchen wir noch deutlich bessere Studien.

Wir haben uns beispielsweise Daten aus der UK Biobank angesehen und grundsätzlich weder einen negativen noch einen klar positiven Effekt der Hormonersatztherapie auf die Gehirngesundheit gefunden.

Das bedeutet aber nicht, dass sie keinen Nutzen hat.

Eine Schwierigkeit bei solchen Daten ist immer: Warum bekommt eine Frau überhaupt eine Hormonersatztherapie? Häufig wird sie erst eingesetzt, wenn bereits stärkere Symptome vorhanden sind. Solche Faktoren müssen bei der Interpretation berücksichtigt werden.

Was wir bisher sagen können: Es gibt keine belastbare Evidenz dafür, dass die Hormonersatztherapie eine Art Wunderwaffe für das Gehirn ist. Gleichzeitig haben wir in unseren Daten auch keine Hinweise darauf gefunden, dass sie grundsätzlich schädlich ist.

Und für viele Frauen kann sie die Lebensqualität erheblich verbessern. Wenn zum Beispiel Schlafstörungen oder andere starke Symptome besser kontrolliert werden, kann das wiederum viele positive Auswirkungen auf die Gesundheit haben.

Hormonersatztherapie hat ihren Platz. Entscheidend ist, individuell zu klären, welche Frau davon profitiert.

„Hormonersatztherapie hat ihren Platz. Entscheidend ist, individuell zu klären, welche Frau davon profitiert.“
Prof. Dr. rer. med. Claudia Barth
Vielen herzlichen Dank für das spannende Gespräch, liebe Claudia!