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Interview

„Was ist los mit mir?“ – Wenn Angst in den Wechseljahren plötzlich laut wird - mit Klara Hanstein

Veröffentlicht von Saskia Appelhoff im Februar 2026

Artikelbild „Was ist los mit mir?“ – Wenn Angst in den Wechseljahren plötzlich laut wird - mit Klara Hanstein

Plötzlich Herzklopfen. Innere Unruhe. Angst beim Autofahren, obwohl man das seit 20 Jahren macht. Viele Frauen zwischen 35 und 55 erleben in den Wechseljahren genau das – und denken zuerst: Mit mir stimmt etwas nicht. Psychologin und Psychotherapeutin Klara Hanstein kennt diese Gedanken nicht nur aus ihrer Community, sondern aus eigener Erfahrung mit einer schweren Angststörung. Im Interview spricht sie offen darüber, warum Hormone das Nervensystem so sensibel machen können, weshalb alte Bewältigungsstrategien manchmal nicht mehr greifen – und warum Angst kein Zeichen von Schwäche ist, sondern oft eine Einladung, genauer hinzuschauen.

Klara, stell dich doch einmal kurz vor.

Ich bin Klara Hanstein, Psychologin und Psychotherapeutin. Und ich hatte selbst eine ganz schwere Angststörung mit Panikattacken. Das war eine Mischung aus Trauma und Burnout. Ich hatte meine Praxis, war monatelang ausgebucht, habe bis spät abends gearbeitet, war am Wochenende auf Fortbildungen – ich habe mich selbst durchs Leben getrieben.

Dann kam eine eigentlich routinemäßige Zahn-OP. Und mein Nervensystem hat gesagt: „Aus. Jetzt reicht’s.“ Plötzlich waren die Ängste da. Panikattacken.

Und ja – ich als Psychotherapeutin habe damals gedacht: „Ich darf doch keine Angst haben.“
Heute spreche ich ganz offen darüber. Und genau deshalb mache ich meine Arbeit.

Du hast viel mit Kindern gearbeitet – gehen Kinder anders mit Angst um als Erwachsene?

Ja, total. Erwachsene analysieren, rationalisieren, unterdrücken. „Das darf niemand merken. Ich muss funktionieren.“Kinder? Die weinen. Klammern. Zeigen es. Das Körpergefühl ist bei allen gleich – Angst ist Angst. Aber der Umgang ist anders. Erwachsene versuchen sie wegzudenken. Kinder lassen sie raus. Und ich glaube, wir könnten uns da viel abschauen.

Heißt das, wir sollten als Erwachsene Angst wieder mehr ausdrücken – und warum ist Angst eigentlich so schambehaftet?

Absolut. Und das beginnt schon im Kleinen: zu sagen „Ich habe Angst.“ Das ist für viele Erwachsene unglaublich schwer.

Und warum Scham? Weil Angst gesellschaftlich mit Schwäche verknüpft ist. „Jetzt benimm dich nicht so.“ „Sei nicht so sensibel.“ Keine Angst zu haben gilt als stark – Angst zu haben als kindisch.

Ich kenne das selbst. Ich dachte damals: „Ich als gestandene Unternehmerin – das geht doch nicht.“
Heute weiß ich: Das ist ein gesellschaftliches Bild. Kein biologisches Gesetz.

Wenn wir schon dabei sind – Angst und Panik werden oft in einem Atemzug genannt. Was ist der Unterschied?

Eine Panikattacke ist die massivste Form von Angst. Herzrasen, Schwitzen, Atemnot – sie baut sich stark auf und flacht meist nach Minuten wieder ab.

„Normale“ Angst oder eine Angststörung zeigt sich oft als Gedankenschleife. Sorgen, die sich drehen und drehen. Viele beschreiben: „Früher hatte ich mal Sorgen. Jetzt komme ich da gar nicht mehr raus.“

Ich verwende gern das Bild vom Trampelpfad im Gehirn: Je öfter wir einen Gedanken denken, desto ausgetretener wird der Weg. Und desto schneller laufen wir ihn wieder.

Gibt es Menschen, die biologisch eher ängstlich sind – oder kann man Angst auch „anerziehen“?

Ja, es gibt familiäre Häufungen. Angsterkrankungen können sich vererben. Das heißt nicht, dass man sie bekommen muss – aber die Wahrscheinlichkeit ist höher, vor allem wenn dann noch Belastungen dazukommen.

Und dann gibt’s das Modelllernen: Kinder beobachten ihre Eltern. Nicht nur, was sie sagen – sondern wie sie reagieren. Wie reagiert Mama in Stress? Wie reagiert Papa bei Unsicherheit? Das prägt.

Viele Frauen aus unserer Wechseljahres-Community sagen, dass Angst, innere Unruhe oder sogar Panik in den Wechseljahren stärker werden – oder erstmalig auftreten. Siehst du das auch, und warum passiert das?

Ja – dieses Thema bekomme ich wöchentlich aus meiner Community. Und ich finde es so wichtig zu sagen: Da verändert sich gerade ganz viel in deinem Körper.

Östrogen und Progesteron schwanken stark. Das Nervensystem wird empfindlicher. Schlaf leidet, viele fühlen sich dünnhäutig, weinerlich, schnell überfordert – und bringen das nicht sofort mit den Wechseljahren in Verbindung.

Und dann kommt dieser Gedanke: „Ich bin schwach.“ „Ich habe nicht aufgepasst.“
Ich sage dann ganz klar: Du bist nicht schuld. Das ist keine Charakterschwäche. Das ist Biologie.

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Viele beschreiben auch Kontrollverlust – „es ist unkontrollierbar“ und sogar: „Meine Tools helfen plötzlich nicht mehr.“ Wie erklärst du dir das?

Ich glaube, bei hormonell getriggerten Ängsten spielt diese Wellenbewegung eine Rolle. Das schwankt stark – und dadurch fühlt es sich oft so an, als hätte man gar keinen Zugriff mehr. Und ja, viele schreiben mir genau das: „Plötzlich helfen meine Strategien nicht mehr.“ Das kann einen richtig erschrecken. Dann denkt man: „Ich habe das nicht mehr im Griff.“
Aber wenn Hormone schwanken, schwankt auch das Nervensystem. Und manchmal braucht es dann neue Ansätze oder zumindest einen anderen Fokus.

“Ich hatte die Ängste im Griff, es war alles gut – und dann kamen die Wechseljahre und plötzlich war ich da wieder drinnen.”

Welche neuen Ansatzpunkte können das sein – gerade wenn die alten Strategien nicht mehr greifen?

Ich arbeite ganz viel über das Nervensystem und körperbasiert. Weil Hormone und Nervensystem hängen extrem zusammen. Viele Erwachsene wollen Angst im Kopf lösen – rational erklären, wegdenken. Ich habe in meiner eigenen Angstzeit gemerkt: Das bringt mich nicht raus. Mir hat geholfen, über den Körper wieder Ruhe reinzubringen.

Zum Beispiel über den Atem – das hilft nicht jedem, aber vielen. Und was viele nicht wissen: Der Körper „spricht“ enorm stark mit dem Kopf. Ich sage das jetzt vereinfacht: Ein großer Teil der Informationen läuft vom Körper Richtung Gehirn. Das heißt: Wenn wir den Körper beruhigen, kommt oft auch im Kopf mehr Ruhe an.

Und wie finde ich raus: Ist das hormonell bedingt oder eine „klassische“ Angststörung?

Die Grenzen sind fließend. Ein Hinweis kann sein: hormonell bedingte Ängste kommen oft in Wellen – manchmal zyklusabhängig, manchmal phasenweise, und dann ist wieder Ruhe.Bei einer klassischen Angststörung ist es meist dauerhafter.

Und gleichzeitig: Viele berichten auch, dass alte Ängste, die „im Griff“ waren, in den Wechseljahren wieder hochkommen. Und manchmal höre ich auch das Gegenteil: Frauen sagen, sie werden in den Wechseljahren gelassener als je zuvor. Das ist total spannend – es kann wirklich in beide Richtungen gehen.

Viele denken am Anfang: „Irgendwas stimmt nicht mit mir.“ Was sind typische Fehlinterpretationen in dieser Phase?

Ganz häufig: „Ich bin zu sensibel.“ „Ich halte nichts mehr aus.“ „Ich muss mich zusammenreißen.“ Und leider kommt das manchmal auch von außen: „Was ist denn mit dir schon wieder?“ „Bist du wieder nah am Wasser gebaut?“

Und dann sind wir wieder beim alten Muster: Dinge, die hormonell getriggert sind, werden bewertet wie persönliche Schwäche oder Schuld.

Dabei bedeutet das oft einfach: Der Körper stellt um. Und nicht nur körperlich – auch lebensphasenmäßig ist viel in Bewegung. Kinder ziehen aus, Beziehung sortiert sich neu, beruflich passiert was. Das ist eine Menge auf einmal.

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Ab wann wird’s kritisch – wann sollte ich mir Hilfe holen, und an wen wende ich mich am besten?

Wenn es deine Lebensqualität einschränkt. Wenn du merkst: Ich vermeide Dinge. Ich ziehe mich zurück. Ich kann im Alltag nicht mehr so leben wie früher.Und wenn es nicht mehr weggeht – wenn du nicht mehr aus den Gedankenschleifen aussteigen kannst oder dich nicht mehr beruhigen kannst. Angst an sich ist normal, das soll man nicht pathologisieren. Aber wenn du merkst: „Ich komme da alleine nicht mehr raus“ – dann ist es ein guter Zeitpunkt.

Der erste Weg kann der Hausarzt sein – wenn du da Vertrauen hast. Oder die Frauenärztin, der Frauenarzt. Und natürlich Psychotherapie – kostenfrei mit Wartezeiten oder privat. Wichtig ist: jemanden an der Seite, mit dem du das sortieren kannst.

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Du hast vorhin den „Trampelpfad“ beschrieben – wie kommt man da praktisch raus? Und was kann ich akut tun, wenn eine Panikattacke kommt?

Für mich war ein riesiger Wendepunkt: nicht mehr gegen die Angst zu kämpfen. Ich habe so lange versucht, sie wegzudrücken. Und je mehr ich gekämpft habe, desto aufdringlicher wurde sie.Wie dieses Beispiel: „Denk jetzt nicht an einen rosaroten Elefanten.“ Und zack – ist er da.

Ich habe gemerkt: In dem Moment, wo ich mich nicht mehr nur ablenke oder weglaufe, sondern mich umdrehe und hinschaue, verliert die Angst langsam ihre Macht. Sie ist dann nicht mehr dieses riesige Mysterium. Ich spüre: Ah, okay – Herz schneller. Gedanken rasen. Unruhe im Körper. Und je mehr ich das da sein lassen konnte und gleichzeitig ruhiger wurde, desto mehr Abstand kam rein. Das ist wie ein neuer Weg neben dem alten Trampelpfad.

Akut bei Panik:
Ich bringe mich ins Hier und Jetzt zurück – weil Panik und Angst fast immer in die Zukunft springen: „Was, wenn…?“

Ganz einfach: Füße auf den Boden. Fußsohlen spüren. Ruhig atmen, vor allem länger ausatmen – das signalisiert dem Nervensystem: Es geht Richtung Ruhe.

Und dann dieser Satz, der simpel klingt, aber wichtig ist: „Jetzt gerade bin ich sicher.“
Was in der Zukunft ist, kann ich jetzt nicht kontrollieren. Aber diesen Moment – den kann ich beeinflussen.

Eine Frage aus der Community fand ich super spannend: Warum bekommen manche plötzlich Angst vor ganz normalen Dingen wie Autofahren – obwohl sie das tausendmal gemacht haben?

Weil das Gehirn Verknüpfungen speichert. Wenn du einmal in einer Situation Angst hattest – egal warum – speichert es ab: „Aha, Autobahn = Gefahr.“

Das ist eigentlich sinnvoll. Wenn du einmal im dunklen Park Angst hattest, merkt sich das Gehirn: Park abends allein = Vorsicht. Das nächste Mal reagiert dein Körper schon, bevor du überhaupt nachdenkst.

Und genauso kann es bei Alltagssachen passieren. Nicht, weil du „verrückt“ bist – sondern weil das Gehirn gelernt hat: „Da war mal Angst, also lieber Alarm.“

Zum Abschluss: Wenn du Frauen etwas früher sagen könntest über diese Phase – was wäre das? Und: Wenn Angst in den Wechseljahren eine Botschaft hätte – welche?

Ich würde früher sagen: Zweifle nicht an deiner Persönlichkeit. Da verändert sich gerade etwas in dir – und vieles ist erklärbar. Und wenn Dinge erklärbar sind, machen sie weniger Angst. Und ich glaube auch: Man darf diese Zeit als Neuorientierung sehen. Da ändern sich Dinge im Körper – und oft auch im Leben. Und vielleicht ist das nicht nur „durchhalten“, sondern auch ein Übergang, in dem man sich selbst gut begleiten darf.

„Zweifle nicht an deiner Persönlichkeit – da verändert sich gerade etwas in dir.“

Wenn Angst eine Botschaft hätte, dann vielleicht:
 „Schau hin. Da will sich gerade etwas verändern. Versuch nicht nur irgendwie durchzukommen – sei da für dich da.“

Vielen lieben Dank Klara für das spannende Gespräch!

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