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Interview

ADHS & Wechseljahre: Warum plötzlich nichts mehr funktioniert - Dr. Sabine Stadtmüller

Veröffentlicht von Saskia Appelhoff im März 2026

Artikelbild ADHS & Wechseljahre: Warum plötzlich nichts mehr funktioniert - Dr. Sabine Stadtmüller

Viele Frauen merken erst in der Perimenopause, dass sie neurodivergent sind. Reizüberflutung, massive PMS-Phasen, Emotionsausbrüche – und das Gefühl, den Alltag nicht mehr zu schaffen, obwohl man jahrzehntelang „funktioniert“ hat. Gemeinsam mit der Frauenärztin Sabine Stadtmüller sprechen wir darüber, warum ADHS-Symptome in den Wechseljahren oft stärker werden, welche Rolle Hormone dabei spielen – und welche konkreten Stellschrauben Frauen jetzt kennen sollten. Ein Gespräch über Biologie statt Schuld – und über echte Entlastung.

Sabine, schön, dass du da bist. Stell dich doch einmal kurz vor – und sag gern auch, warum dir das Thema so am Herzen liegt.

Ich bin Sabine Stadtmüller, Frauenärztin mit zehn Jahren Berufserfahrung, Klinik und Praxis – aktuell in Elternzeit. Ich bin selber neurodivergent und habe auch ein neurodivergentes Familienleben. Und mein Herzblut brennt für neurodivergente Frauen in den Wechseljahren, weil das für uns Frauen einfach eine krasse Umbruchszeit ist.Auf meinem Kanal kläre ich viel über Hormone im Alltag, hormonelle Balance – und vor allem will ich Frauen empowern.

Also so ein bisschen Selbstwirksamkeit zurückgeben.

Damit alle das gleiche Verständnis haben – was bedeutet „neurodivergent“ eigentlich genau?

Neurodivergenz ist so ein Überbegriff für eine andere neurobiologische Wahrnehmung – grob gesagt. Da zählt ADHS rein, Autismus, Hochsensibilität – also alles, wo die Wahrnehmung oder Neurobiochemie von dem abweicht, was wir als „normal“ im Kollektiv empfinden.

Das ist Neurodiversität.

In unserer Community höre ich oft: „In den Wechseljahren habe ich erst gemerkt, dass ich ADS/ADHS habe.“ Siehst du das auch?

Ja – total. Und die Studienlage ist da auch auf unserer Seite: Fast 48% der Frauen bekommen in der Perimenopause ihre erste Diagnose.

Warum? Weil dann viele Symptome plötzlich so krass auffallen. Viele haben ja Jahrzehnte lang kompensiert – und mit dem Hormonchaos greifen diese Schutzmechanismen irgendwann nicht mehr. Und dazu kommt: Frauen sind anders sozialisiert, laufen oft unterm Radar, „funktionieren“ irgendwie – und mit Eintritt in die Perimenopause wird das dann entlarvt.

Was sind typische Symptome, die dann dazu führen, dass Frauen sich überhaupt die Frage stellen?

Ganz viele Symptome überschneiden sich mit typischen Perimenopause-Symptomen – das macht es ja so tricky. Gerade wenn Progesteron weniger wird, erleben viele enorme Reizbarkeit.

Viele merken: PMS wird plötzlich viel stärker oder viel länger. Früher kurz vor der Periode – und jetzt auf einmal ab Eisprung, also die halbe zweite Zyklushälfte. Dann kommen Vergesslichkeit, Fahrigkeit, die Tagesstruktur klappt nicht mehr, Termine werden verpeilt.Und ganz groß: Emotionsregulation. Viele Frauen kommen, weil sie merken, sie schaffen’s im Umgang mit ihren Kindern nicht mehr. Die rasten bei Kleinigkeiten aus, brüllen ihre Kinder an, obwohl sie das früher nie gemacht haben – und dann wachen sie auf und denken: „Was stimmt denn da eigentlich nicht mit mir?“

Ganz viele Symptome überschneiden sich mit typischen Perimenopause-Symptomen – das macht es ja so tricky.

Wenn so viel sich überschneidet: Wie finde ich denn raus, ob das „nur“ starke Perimenopause-Symptome sind – oder ob da ADHS/ADS dahinter steckt?

Da kann natürlich Diagnostik helfen. Aber ein Hauptpunkt ist wirklich diese ehrliche Rückschau: Sind die Symptome wirklich neu – oder gab es früher auch schon Hinweise, die man nur lange gut überspielt hat?

Also: Hatte ich Probleme schon immer ein bisschen – und jetzt spitzt es sich zu? Oder ist es wirklich plötzlich?

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Gibt es Symptome, die Frauen besonders überraschen – weil man sie gar nicht mit ADHS verbindet?

Ja, dieses „Verträumte“. Viele denken bei ADHS an den kleinen Zappelphilipp. Aber bei Mädchen ist es oft komplett anders. Bei mir stand im Grundschulzeugnis immer, ich hätte verträumt aus dem Fenster geguckt, jeder Blume „Guten Tag“ gesagt auf dem Heimweg – da hätte nie jemand gedacht: ADHS.Dieses „in sich gekehrt“, im Kopf geht wahnsinnig viel ab, aber nach außen sieht man es nicht – das kann total typisch sein.

Du hast vorhin gesagt, dass in den Wechseljahren viele Strategien wegbrechen, die vorher funktioniert haben. Warum passiert das?

Weil viele Frauen vorher schon die ganze Zeit überkompensieren. Die arbeiten über ihr Limit – Vollzeit, Kinder, Haushalt, und wenn die Kinder auch neurodivergent sind, ist das nochmal herausfordernder. Die gehen eh schon ständig drüber.Und Stress ist ein krasser Progesteronräuber. Viele gehen mit einem leergefegten Grundgerüst in diese Umbruchzeit. Und dann nimmt die Progesteronproduktion hormonell noch weiter ab – weil die Eisprünge unregelmäßiger werden.Progesteron ist ja unser Puffer. Das entspannt, hilft beim Schlafen, hat neuroprotektive Wirkung. Wenn das wegfällt, sind wir schneller reizbar, filtern Reize schlechter. Und viele der alten Strategien sind halt nicht wirklich gesund – das ist oft „noch mehr machen, noch mehr Leistung“. Das kann man nicht dauerhaft halten.Und wenn dann Östrogen anfängt zu schwanken, wird’s bei vielen richtig wild – Impulsivität, Aggressivität. Dann knallen Türen, Streits eskalieren – und viele denken: „So kenne ich mich gar nicht.“

Und was kann ich konkret dagegen tun – außer „weniger Stress“, was ja leichter gesagt ist als getan?

Erster Schritt ist Verstehen. Viele Frauen suchen den Fehler bei sich – dabei wirkt es enorm entlastend zu wissen: Du kannst nichts dafür.

Dann geht es darum, die Stressachse zu entlasten und gesündere Strategien aufzubauen – viel davon läuft über den Lebensstil. Eine blutzuckerstabile Ernährung ist zentral, weil starke Schwankungen stille Entzündungen fördern und die Nährstoffaufnahme verschlechtern. Neurodivergente Frauen haben durch die chronische Stressbelastung oft einen erhöhten Mikronährstoffbedarf – das sollte gezielt aufgefüllt werden.

Auch der Darm spielt eine große Rolle: Stress und Ernährung bringen das Mikrobiom schnell aus dem Gleichgewicht, Hormone werden schlechter verstoffwechselt. Gleichzeitig wird ein Großteil des Serotonins im Darm beeinflusst – und gerade neurodivergente Frauen haben hier häufig ohnehin ein Defizit. Wenn die Darmbarriere leidet, verschärft sich das. Weniger Serotonin bedeutet schlechtere Stimmung – und weniger Ausgleich für Dopamin. Deshalb entwickeln viele in dieser Lebensphase depressive Symptome.Und natürlich gibt es auch medizinische Optionen: bioidentische Hormonersatztherapie – und je nach Situation auch eine angepasste ADHS-Medikation.

Gerade bei neurodivergenten Frauen ist wichtig: Viele entwickeln Symptome bis zu zehn Jahre früher.

Du sagst: Hormonersatztherapie auch früher – nicht erst nach der Menopause?

Zum Glück kommen wir in der Aufklärung weiter. Gerade bei neurodivergenten Frauen ist wichtig: Viele entwickeln Symptome bis zu zehn Jahre früher – das zeigt auch eine neue dänische Studie. Wenn man sie dann so lange leiden lässt, ist das fast fahrlässig. Bei Progesteronmangel kann es sehr sinnvoll sein, früh mit bioidentischem Progesteron zu arbeiten.
Und auch wenn die Pille oft kritisch gesehen wird – sie kann ein hilfreiches Tool sein, wenn starke Hormonschwankungen anders nicht kontrollierbar sind.Wir sprechen von Frauen, die in der zweiten Zyklushälfte kaum alltagstauglich sind. Hochgerechnet ist das die Hälfte des Jahres. Da muss man sich fragen: Wie lange soll das so gehen? Und wir müssen über PMDS sprechen. Viele neurodivergente Frauen haben nicht nur PMS, sondern eine prämenstruelle dysphorische Störung – mit schweren depressiven Phasen bis hin zu Suizidgedanken. Zu sagen: „Warte, bis die Periode weg ist“, greift zu kurz. Hier kann und sollte man frühzeitig eingreifen.

Du hast gesagt, neurodivergente Frauen reagieren manchmal „paradox“ und brauchen teils andere Dosierungen. Was meinst du damit?

Viele haben ein krass gutes Körpergefühl. Und ich wünsche mir, dass Ärzt:innen das ernst nehmen. Viele merken z.B., dass ADHS-Medikamente im Zyklus anders wirken – und dass man die Dosierung zyklisch anpassen müsste.In der Follikelphase oder rund um den Eisprung, wenn Östrogen hochgeht, kann man manchmal reduzieren. Richtung Periode, wenn Hormone sinken, braucht’s manchmal mehr. Und ähnlich bei Hormonen: Progesteron brauchen neurodivergente Frauen oft höher dosiert – da trauen sich viele nicht ran. Beim Östrogen muss man manchmal eher vorsichtig sein, weil sie stark reagieren.Aber: sehr individuell. Das gehört begleitet.

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Jetzt mal praktisch: Was kann eine Frau tun, wenn sie das Gefühl hat, ADHS wird schlimmer – aber sie wird vom Arzt nicht ernst genommen?

Erstens: das Gespräch gut strukturieren. Ich habe dafür sogar einen kleinen Leitfaden gemacht.Ganz wichtig: nicht mit Fachbegriffen um sich werfen oder „angelesenes Wissen“ auspacken, sondern mit Alltagsrealität.

Also wirklich sagen:
 „Ich kann meinen Alltag nicht mehr bewältigen wie früher.“
 „Wie erklären Sie sich das?“
 „Ich bilde mir das nicht ein.“

Und nicht die Maske aufsetzen und alles schönreden. Wirklich die drastischen Beispiele nennen.Hilfreich ist auch: Zyklus tracken. Muster sichtbar machen. Wenn es „nur Stress“ wäre – warum ist es dann ausgerechnet Richtung Periode so schlimm und danach wieder besser? Damit kann man Ärzt:innen konfrontieren.Und wenn jemand weiter abblockt: Plan B. Fachpersonen suchen, die weiblich sozialisierte Frauen wirklich sehen. Die Diagnostikstellen sind überlaufen, ja. Aber über Social Media gibt es mittlerweile tolle Berater:innen. Ich empfehle z.B. das Therapiezentrum von Marianne / „Neuroperspektiven“ – die macht ein ADHS-Assessment und sieht diese Frauen.

Was können Partner und Familie konkret tun, um zu unterstützen?

Eine Menge. Vor allem Verständnis zeigen. Offen kommunizieren. Scham rausnehmen. Aufgaben abnehmen – ohne zu beschämen.Ich gebe dir ein Beispiel: Mich stresst Einkaufen extrem. Planen, Liste schreiben, in ein überreiztes Geschäft, einkaufen, wegräumen – das zieht mir die Energie für den ganzen Tag. Mein Mann liebt Einkaufen, das ist für ihn ein Spaziergang. Der trifft noch Nachbarn und kommt gut gelaunt zurück. Also macht er das bei uns. Das war für mich auch ein Prozess, das abzugeben, weil wir so erzogen sind: „Das ist Aufgabe der Frau.“ Und „wie, du kriegst das nicht gebacken?“

Aber wenn wir ehrlich sind: Wir müssen den Alltag so strukturieren, dass er Energie gibt – statt sie unnötig zu fressen.

Oft ist es ein „Nicht-können“ – kein „Nicht-wollen“. Verständnis macht alles leichter.

Viele Frauen haben ja Angst, nicht mehr geliebt zu werden, wenn sie nicht „perfekt funktionieren“. Was sagst du dazu?

Das ist so tief. Wir sind so erzogen worden: Liebe und Anerkennung gibt’s, wenn du brav bist und funktionierst. Und wenn du dann merkst: ich schaffe das nicht mehr, macht das natürlich Angst.Aber das sind Glaubenssätze, die man uns eingeredet hat – die sind nicht real. Und wenn man mal 50 Jahre zurückschaut: Die Großmütter haben „alles hinbekommen“ – aber zu welchem Preis? Und haben sie es wirklich so hinbekommen? Oder haben sie, wenn die Tür zu war, die Kinder angeschrien? Meine Oma hat erzählt: In den 50ern haben Kinderarzt-BERUHIGUNGSTROPFEN verschrieben – und die Kinder haben das in die Milch bekommen, damit sie beim Kaffeetrinken bei der Nachbarin ruhig sind. Vom Kinderarzt verschrieben. Das wollen wir heute doch anders machen.

Wenn du Frauen eine Sache mitgeben könntest – was ist dein größter Wunsch?

Dass Frauen verstehen, was mit ihnen passiert. Dass sie es einordnen können. Dass sie wissen, an wen sie sich wenden können. Und dass sie rauskommen aus dieser Hilflosigkeit.

Selbst wenn der Frauenarzt nicht zuhört und der Partner nicht versteht: Du kannst dir Wissen aneignen. Es gibt Stellschrauben, die du selber angehen kannst – Ernährung, Mikronährstoffe, Fundament stabilisieren. Wir sind dem nicht hilflos ausgeliefert. Und dieses Fundament entscheidet mit darüber, wie wir durch die Wechseljahre kommen. Wenn wir ins Umdenken kommen und Strategien an die Hand kriegen, können wir gesund und glücklich altern.

Vielen Dank für das spannende Gespräch.

Dr.med. Sabine Stadtmüller, Frauenärztin oder Fachärztin für Gynökologie und Geburtshilfe oder auch Frauenärztin und Hormonexpertin für neurodivergente Frauen