Wenn es hintenrum nicht mehr stimmt: Po-Gesundheit in den Wechseljahren - Dr. Caterina Schulte-Eversum
Veröffentlicht von Saskia Appelhoff im Februar 2026
Po-Gesundheit ist eines dieser Themen, über die kaum jemand spricht – bis es plötzlich nicht mehr zu ignorieren ist. Jucken, Brennen, Nässen, Blut oder das diffuse Gefühl, dass „da unten“ etwas nicht stimmt, werden oft verdrängt oder vorschnell als „nur Hämorrhoiden“ abgetan. Dabei betrifft der Po uns ein Leben lang – wir denken nur nicht darüber nach, solange alles funktioniert. Im Gespräch mit Dr. Caterina Schulte-Eversum, Proktologin und Chirurgin, holen wir dieses Tabuthema bewusst ans Licht. Sie spricht klar, direkt und erstaunlich entkrampft über das „Po-Gebiet“: Enddarm samt After und der Haut knapp darum, Kontinenzapparat, Beckenboden und auch die Po-Ritze – und warum all das gerade in den Wechseljahren sensibler wird. Nicht, weil die Menopause allein „schuld“ ist, sondern weil sich hormonelle Veränderungen, Gewebe, Muskeln und Lebensgeschichte addieren. Dieses Interview macht deutlich: Po-Beschwerden sind häufig – aber sie sind kein Zustand, den man einfach hinnehmen muss. Und vor allem: Man darf (und sollte) sie ernst nehmen.
Liebe Caterina, stell dich doch einmal kurz vor. Wer bist du und was machst du?
Hallo Saskia – und erstmal danke, dass ich hier sein darf. Mein Name ist Caterina Schulte-Eversum. Ich bin vom Facharzt her Chirurgin, allerdings seit vielen Jahren rein in der Proktologie tätig und habe eine solche proktologische Abteilung in einem Krankenhaus geleitet. Po-Gesundheit ist wirklich ein Dauerthema - was auch heute noch total tabuisiert ist. Dabei werden wir mit einem Po geboren und sterben auch damit. Er ist die ganze Zeit da – und ich meine nicht nur die Pobacken, sondern das ganze Po-Gebiet.
Proktologie ist übrigens kein eigener Facharzt in Deutschland, sondern eine Zusatzweiterbildung. Das ist etwas verwirrend vielleicht, doch das erklärt, warum nicht jede ProktologIn das Gleiche macht. Wir kommen aus unterschiedlichen Hintergründen – das ist wichtig zu wissen. Zusätzlich zu der Proktologie beschäftige ich mich zunehmend auch mit Sexualmedizin. Das eine greift einfach so oft ins andere - und über Sexualität und insbesondere Probleme damit - zu sprechen, ist ein weiteres riesiges Tabu. Außerdem beschäftige ich mich mit unserem Nervensystem und habe therapeutische Weiterbildungen. Schließlich sind wir ja ein Ganzes… und am Po-Gebiet und in der Sexualität ist das sehr deutlich spürbar. Hier besteht oft eine große Scham und auch Angst.
Was gehört denn konkret zu deinem Arbeitsgebiet - wenn wir jetzt mal die Proktologie nehmen?
Wenn ich „Po-Gebiet“ sage, meine ich wirklich die ganze Region. Dazu zählen: natürlich After und Afterkanal, überhaupt der gesamte Enddarm - also so etwa die letzten 16 cm des Dickdarms und auch die Haut um dem Anus. Auch die Po-Backen und Po-Ritze - auch hier gibt es Erkrankungen wie beispielsweise die Steißbeinfistel. Dazu kommt noch ganz viel mehr: Beckenboden, Senkungsprobleme, Entleerungsstörungen, Stuhlinkontinenz – unser ganzes Kontinenzsystem ist ja ein Zusammenspiel aus Muskeln, Nerven, Bindegewebe, Schleimhaut. Total faszinierend eigentlich. Und umso mehr, wenn man bedenkt, dass auch unser Nervensystem eng mit beteiligt ist - und eben auch Hormone.Die meisten Menschen denken bei Po-Problemen an Hämorrhoiden – und das war’s. Mehr kennt kaum jemand rund um das Hinterteil. Dabei gibt es so viel mehr. Und wir nutzen diese Region in unserem Leben ständig: Sitzen, Gehen, Stabilität, Sexualität, Lustempfinden, Orgasmusfähigkeit… das hängt alles viel enger zusammen, als man glaubt. Daher finde ich es besonders schade, dass auch in der ärztlichen - ich möchte fast behaupten in überhaupt jeder medizinischen/pflegerischen Ausbildung - diese so wichtige Körperregion “Po” im System gern „hinten runter“ fällt.
Mit welchen Beschwerden kommen Frauen in den Wechseljahren zu dir?
Es ist immer schwierig zu sagen: „Das ist nur wegen der Wechseljahre.“ Aber klar ist: Die Hormonveränderungen wirken nicht nur im “vulvo-vaginal”, sondern auf Schleimhäute, Haut, Muskulatur, Bindegewebe, Kollagen überall. Und damit eben auch auf alles im Po-Gebiet: die Haut und Schleimhaut im Afterbereich, Schließmuskeln, Beckenboden, Aufhängegewebe, Durchblutung, Darmbewegung.Typisch sind dann z. B. Senkungsbeschwerden, Entleerungsprobleme und – als Super-GAU, weil maximal schambehaftet – Stuhlinkontinenz. Dazu zählt streng genommen auch schon: unkontrolliert Pupse verlieren.
Oft ist es nicht „die Menopause allein“, sondern: Es addieren sich Faktoren – Schwangerschaft/Geburt, Alter, Stress, Stuhlverhalten, Gewebeveränderungen – und irgendwann kompensiert der Körper nicht mehr so gut.
Kann man aktiv etwas tun – gibt es „Training“ auch fürs Po-Gebiet?
Ja – wobei ich sagen muss, dass das Wort Training etwas schwierig ist. Viele verstehen darunter nur Krafttraining. Und das ist beim Beckenboden nicht automatisch gut. Oft fehlt erstmal das Wichtigste: Wahrnehmung.
Viele spüren gar nicht: Bin ich angespannt? Bin ich entspannt? Und wenn ich sage „spannen Sie mal den Schließmuskel an“, dann spannen viele alles an: Bauch, Oberschenkel, Pobacken – und denken, das war’s.Das Ziel ist: gezielt ansteuern und loslassen lernen. Beides. Weil wenn alles schon angespannt ist, kannst du nicht noch „mehr“ anspannen – wie bei einer Faust: erst lösen, dann wieder greifen. Koordination wieder zu erlernen, ist auch super wichtig, Flexibilität im Beckenboden. Hier gibt es mittlerweile super ausgebildete BeckenbodenphysiotherapeutInnen.
Es gibt außerdem auch Hilfsmittel und sogar eine Art “Schrittmacher” mit Sonden, die man selbst zum Training einführt – ähnlich wie Vaginaltrainer, nur eben anal. Das ist nicht „schlimm“ oder “eklig”, nur gewöhnungsbedürftig. Aber dazu gehört eine gute Anleitung und die richtige Indikation.
Beckenbodentraining heißt nicht automatisch: mehr Kraft antrainieren. Oft fehlt zuerst die Wahrnehmung – und vor allem die Fähigkeit zu entspannen. Ohne Loslassen funktioniert auch das Anspannen nicht.
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Was ist aus deiner Sicht das Wichtigste im Alltag – was hilft wirklich?
Ganz klar: Stuhl regulieren. Ich spreche gern von der guten Wurst – weil alles, was zu hart oder zu weich/matschig ist, macht häufig Probleme.
Wenn der Stuhl hart ist, können Risse, Blutungen und Verletzungen auftreten.
Ist er matschig oder dünn, dann reizt er ständig das Gewebe, was nicht für einen Dauerkontakt gemacht ist und macht wund, der Stuhl kann schlechter gehalten werden oder der Darm lässt sich schlechter entleeren.Und dann kommen weitere Klassiker, die banal klingen, aber wirklich wichtig sind:
- Trinken (viele trinken zu wenig – oft aus Angst vor Harndrang)
- Bewegung (muss kein Marathon sein – aber Darm und Beckenboden lieben Rhythmus)
- Ballaststoffe, Flohsamenschalen, Trockenpflaumen – je nachdem, was passt
- Nicht pressen – wirklich: Pressen ist Gift fürs Po-Gebiet.
- eine gute Po-Hygiene - klares Wasser ist einfach das Beste. Keine Seifen oder fertigen Feuchttücher, gerade, wenn die Haut schon gereizt ist
Harninkontinenz ist ja auch Thema in den Wechseljahren – hängt das oft zusammen mit Stuhlinkontinenz?
Ja, absolut – Harninkontinenz selbst ist ja noch sehr viel häufiger als Stuhlinkontinenz. Laut Studien spricht man davon, dass mindestens bei einem Viertel der Fälle beides gemeinsam vorkommt. Doch über die zusätzliche Stuhlinkontinenz wird eben noch seltener gesprochen; daher nenne ich sie “das Tabu im Tabu”.
Die Menschen, die es schon so weit “geschafft” haben, in die proktologische Sprechstunde zu kommen - und das ist häufig aus Scham oft eine wirkliche Überwindung -, sagen oft erstmal: „Ich hab Hämorrhoiden.“ Und Stuhlschmieren, Nässen, Geruch, Jucken – das kommt oft erst im Gespräch raus, wenn wir genau nachfragen oder zeigt sich in der Untersuchung.
An dieser Stelle möchte ich vielleicht kurz zwei Dinge sagen: Uns schockt nichts an Ihrem After. Vor uns muss Ihnen da nichts peinlich sein.Und als zweites: Vor einer proktologischen Untersuchung braucht es keinen Einlauf. Am besten ist es sogar, wenn wir sehen, wie die Situation wirklich ist. Ein Einlauf verändert die Schleimhaut – die sieht dann anders aus als im Alltag. Man sieht nicht mehr, welcher Konsistenz der Stuhlgang ist, man sieht auch kein Stuhlschmieren mehr - was Hautreizungen erklären könnte… Daher machen Sie sich hiermit bitte keinen Stress.
Wann sollte ich unbedingt zum Arzt – und wann „reicht beobachten“?
Ich bin Proktologin, also was soll ich sagen? Meine Empfehlung ist daher immer “Hast du Po-Beschwerden – lass sie untersuchen.” Nicht, um Angst zu machen, sondern weil Po-Symptome super unspezifisch sind. Jucken, Brennen, Nässen, Blut, Fremdkörpergefühl – das können Hämorrhoiden sein. Es kann aber auch vieles andere dahinter stecken – inklusive seltener Dinge wie Afterkrebs, der die gleichen Symptome machen kann. Der ist wirklich selten, ja – aber: man selbst kann es nicht unterscheiden.Und um vielleicht mal mit einem Mythos aufzuräumen: Hämorrhoiden tun meistens nicht weh. Sobald starke Schmerzen da sind, sind es sehr oft nicht „einfach nur Hämorrhoiden“.
Die meisten denken bei Po-Beschwerden sofort an Hämorrhoiden. Dabei können hinter Jucken, Brennen oder Nässen ganz unterschiedliche Ursachen stecken. Ohne Untersuchung bleibt alles eine Vermutung.
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Dann lass uns das noch einmal vertiefen: Was sind Hämorrhoiden eigentlich?
Wir alle haben Hämorrhoiden. Sie sind eine ganz normale Körperregion und gehören zu uns wie eine Türdichtung. Sie machen einen Teil unserer Feinabdichtung aus - man sagt, so etwa 15%. Die Hämorrhoidalpolster sitzen innen am Übergang zwischen Mastdarm und Analkanal, rundrum. Sie schwellen beim Toilettengang ab, damit der Stuhl raus kann und danach wieder an, um den Kanal zu verschließen – total clever vom Körper.
Problematisch kann es werden, wenn sie sich vergrößern – grob: durch alles, was Druck nach unten macht. Schwangerschaft, Geburt, Übergewicht, chronischer Husten, viel Pressen, schweres Heben… – und dann kann es bluten, schmieren, nässen, jucken, ein Knubbelgefühl geben. Und daraus entstehen diese typischen Teufelskreise: wischen, wund, noch mehr wischen… Schmerzen, anspannen, noch mehr Schmerzen…
Was kann man präventiv machen – ganz konkret?
Neben Bewegung, Ernährung, Gewicht und nicht Pressen: Einen Fußhocker nutzen auf Toilette (Hockposition nachahmen – das erleichtert die Entleerung).
Unbedingt: Keine langen Toilettensitzungen: ideal eher 1–3 Minuten, maximal 5. Kommt nichts, aufstehen.
Und ja, ich weiß, viele sitzen so lange auf dem Klo, weil es der einzige ruhige Ort ist. Dann bitte: Geschäft beenden – und auf den Klodeckel setzen, nicht weiter auf der Brille „durchhängen“. Das macht sonst Druck auf Gewebe und Beckenboden und fördert die Vergrößerung der Hämorrhoiden.
Empfehlung
Apropos Po
Hier geht's zu Caterinas Podcast Apropos Po - alles rund um das Thema Po-Gesundheit.
Du hast am Anfang gesagt: Po-Gesundheit fängt früh an. Was meinst du damit?
Sie fängt sogar sehr früh an. Schon beim Wickeln und später beim Toilettentraining lernen wir Dinge wie: Ist das alles okay – oder ist es eklig oder peinlich? Kann ich meinem Körpergefühl trauen - oder packe ich das lieber weg? Und später: Schulklos. Viele Kinder wollen in der Schule nicht auf die Toilette und halten stundenlang ein - sprich: Die Anspannung im Schließmuskel und in den Beckenbodenmuskeln erhöht sich. Auch das Nervensystem gewöhnt sich daran und wir entwickeln ein “neues Normal". Der Entleerungsreflex kommt durcheinander, das Entspannen wird schwieriger, die Koordinationsfähigkeit, die wir brauchen, um richtig entleeren zu können, verändert sich. Wenn man dann geht, klappt das nicht so richtig, man fängt an zu drücken – was wirklich ungünstig ist für das gesamte Po-Gebiet…
Diese Muster können sich durchs Leben ziehen. Nicht nur als Entleerungsbeschwerden, sondern auch mit Schmerzen im Bereich des Beckenbodens und beispielsweise Problemen bei der Sexualität. Entspannen zu können und ein reguliertes Nervensystem - das alles hängt zusammen mit der Beweglichkeit und Koordinationsfähigkeit des Beckenbodens und auch mit seiner Durchblutung - und das wiederum mit Lust und Orgasmusfähigkeit. Das ist alles ein Gesamtpaket.
Was möchtest du der Community zum Abschluss mitgeben?
Da es sich hier ja um eine weibliche Community handelt, wäre da in der Tat ein Punkt, der mir am Herzen liegt: Wenn in der Vorgeschichte mal höhergradige HPV-bedingte Zellveränderungen vorkamen – also alle, die mit den Begriffen wie Kolposkopie, Konisation, CIN/VIN etwas anfangen können – sollten sich bitte einmal proktologisch kontrollieren lassen und das bei dem Untersuchungstermin auch dazu sagen.
Wir wissen mttlerweile: Das Risiko für ähnliche Veränderungen auch im Afterbereich ist dann erhöht. Dazu braucht man auch keinen Analverkehr gehabt zu haben. Vulva und Anus liegen einfach sehr nah beieinander und da kann ein Virus schon mal dahin gelangen.Und zu allerletzt noch: Po-Gesundheit betrifft uns alle. Und je normaler wir über diese ganze Region sprechen, desto früher kriegen wir Probleme in den Griff – bevor sie groß werden.
Vielen Dank für das interessante Interview
Zusammenfassung:
Im Juni erscheint auch ihr neues Buch "Ratgeber Stuhlinkontinenz"