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Interview

Jennifer (46): Ich bin 46 – aber manchmal fühle ich mich wie 65

Veröffentlicht von Saskia Appelhoff im Januar 2026

Artikelbild Jennifer (46): Ich bin 46 – aber manchmal fühle ich mich wie 65

Viele Frauen erleben in ihren 40ern körperliche und psychische Veränderungen – lange bevor jemand das Wort Perimenopause oder Wechseljahre ausspricht. Sie schlafen schlechter, fühlen sich gereizt oder erschöpft, leiden unter Brain Fog, Stimmungsschwankungen, Gelenkschmerzen oder Migräne. Der Körper fühlt sich plötzlich fremd an. Und trotzdem hören viele: „Dafür sind Sie noch zu jung.“ Dieser Erfahrungsbericht von Jennifer erzählt den Weg einer Betroffenen durch die Perimenopause: von ersten unspezifischen Symptomen über Fehldiagnosen und Medical Gaslighting bis hin zur Erkenntnis, dass hormonelle Veränderungen eine zentrale Rolle spielen. Er zeigt, warum Wechseljahre nicht nur Hitzewallungen bedeuten – und warum es so wichtig ist, Beschwerden ernst zu nehmen und abklären zu lassen. Ein ehrlicher Einblick in eine Lebensphase, die Millionen Frauen betrifft – und über die noch immer viel zu wenig gesprochen wird.

Gab es einen Moment, in dem du gespürt hast: So kenne ich mich selbst nicht mehr – und etwas Grundlegendes hat sich verändert?

Ja, absolut. Das kam schleichend, aber irgendwann war klar: Ich habe mich selbst kaum wiedererkannt. Nach einer späten Kinderwunschbehandlung, die leider nicht geklappt hat, haben sich meine Zyklen immer weiter verkürzt – teilweise auf nur noch 17 Tage. Dazu kamen starke PMS-Beschwerden, Brustspannen, Brain Fog und extreme Stimmungsschwankungen. Es fühlte sich an wie ein Dauerzustand von PMS: entweder war ich aggressiv oder ich habe nur noch geweint.

Das Irritierende war, dass ich keine der „klassischen“ Wechseljahressymptome hatte – keine Hitzewallungen, nichts, was man sofort damit in Verbindung bringt. Deshalb habe ich lange gedacht, das sei einfach die Trauer über den unerfüllten Kinderwunsch und nicht die Perimenopause. Erst rückblickend wurde mir klar, dass sich mein Körper längst grundlegend verändert hatte.

Wie ging es dann weiter – wann hast du gemerkt, das ist mehr als „nur“ Trauer?

Ich habe irgendwann selbst angefangen zu googeln und zu recherchieren und bin auf das Thema Östrogendominanz gestoßen. Ich wusste ja aus der Kinderwunschzeit, dass ich zu wenig Progesteron habe.

Dann habe ich mir eine Privatärztin gesucht, die „was mit Hormonen“ macht. Ich wollte schlicht einen Hormonstatus. Stattdessen kam: „Dafür sind Sie noch viel zu jung, Sie sehen gar nicht so aus.“ Sie wollte mich in Richtung Long Covid schicken, weil ich auch Herzrasen hatte – was ja von der vorangegangenen Corona-Infektion hätte kommen können, aber eben nicht zwingend.

Nach langen Diskussionen hat sie dann einen Speicheltest gemacht – und siehe da: Östrogendominanz. Behandelt hat sie mich dann mit homöopathischen Mitteln, DHEA-Kapseln, irgendwelchen Cremes – gebracht hat es gar nichts. Ich habe mich bei ihr auch überhaupt nicht wohl gefühlt und bin irgendwann nicht mehr hingegangen.

Wie bist du dann doch noch an eine gynäkologische Diagnose gekommen?

Durch einen Umzug habe ich eine neue Gynäkologin bekommen – und das war mein Glück. Ich habe ihr alles erzählt, auch von der Östrogendominanz aus dem Speicheltest. Sie meinte sofort: „Lassen Sie uns das im Blut nachprüfen.“

Der Bluttest hat die Östrogendominanz bestätigt. Wir haben dann mit Utrogest (Progesteron vaginal) gearbeitet. Der Zyklus wurde zwar wieder länger, aber diese massiven psychischen Symptome – Aggressivität, Heulkrämpfe, Brustschmerzen – blieben. Zwischendurch habe ich zusätzlich Antidepressiva bekommen.

Am Ende sind wir bei der Gestagen-Pille (Slinda) gelandet, die ich durchnehme. Die Periode ist weg – aber erst mal auch meine Libido und viel Lebensfreude.

Wie geht es dir heute – was nimmst du aktuell?

Im Moment nehme ich die Slinda-Pille, Fluoxetin (Antidepressivum) und niedrig dosiert Gynokadin-Gel (Östradiol) jeden zweiten Abend und 3 x die Woche Estriol als Vaginalcreme.

Die Slinda-Pille hat im ersten Jahr deutliche Verbesserungen gebracht: stabilerer Zyklus, keine Periode mehr und keine extremen Stimmungsschwankungen. Nach etwa 1,5 Jahren traten jedoch Probleme auf – kaum noch Libido, starke Müdigkeit und wieder leichte depressive Symptome, vermutlich durch einen unter der Pille entstehenden Östrogenmangel. Deshalb nehme ich jetzt zusätzlich das Östrogengel, was mir spürbar hilft. Vor dem Gel hatte ich fast keine Libido mehr; inzwischen ist es etwas besser und ich fühle mich insgesamt fitter und weniger depressiv.

Was bleibt, sind Vergesslichkeit, das Gefühl, ständig wechselnde Beschwerden zu haben, und eine starke Migräne, weshalb ich inzwischen Antikörper-Spritzen bekomme. Außerdem habe ich vor Kurzem eine ADS-Diagnose erhalten, die die Perimenopause-Symptome vermutlich zusätzlich verstärkt.

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„Ich bin 46 und fühle mich manchmal wie 65.“

Du hast von „Medical Gaslighting“ gesprochen – was erlebst du da konkret?

Ganz oft dieses: „Sie sind zu jung“„Sie sehen nicht so aus“, oder bei Testosteron: „So sehen Sie nicht aus.“ Als könnte man am Gesicht ablesen, wie die Hormone stehen.

Ich kenne das leider nicht nur von der Perimenopause. Ich habe vor ein paar Jahren auch eine Epilepsie-Diagnose bekommen – vorher wurde mir von einem Neurologen gesagt, ich hätte keine Epilepsie. Es wurden nicht mal vernünftig Untersuchungen gemacht.

Und das ist das, was mich so wütend macht: Beschwerden werden zur Psyche erklärt, bevor ordentlich untersucht wurde, besonders bei Frauen und besonders in der Lebensphase, wo Hormone eine Rolle spielen.

„Erst untersuchen, dann Psyche. Nicht umgekehrt.“

Wie gehst du im Alltag mit den Beschwerden um? Was hilft dir?

Ich mache seit Jahren viel Sport, vor allem Krafttraining, und versuche, mich sehr eiweißreich zu ernähren – das habe ich stark umgestellt. Früher habe ich eher viele Kohlenhydrate gegessen, jetzt starte ich den Tag mit einem veganen Eiweißshake, esse viel Gemüse und schaue wegen Reizdarm auf Histamin.

Manchmal nehme ich Kreatin, achte auf Ballaststoffe. Aber: Ich bin realistisch – ich esse auch mal Pizza und trinke ein Glas Wein. Nur: Viel vertrage ich nicht mehr, zwei Drinks reichen.

Und dann natürlich die psychische Seite: Ich bin in Therapie, habe einen guten Therapeuten, der mich ernst nimmt. Ich bin selbst Mentaltrainerin und Ernährungscoach, ich weiß theoretisch viel – aber in der heißen Phase haben mir reine Entspannungsübungen ehrlich gesagt wenig gebracht. In meinem Fall mussten es irgendwann Hormone und Antidepressiva sein, damit überhaupt wieder eine Basis da ist.

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Hast du Menschen, mit denen du über all das sprechen kannst?

Ein bisschen. Mein Therapeut, einige Freundinnen. Aber auch da gibt es Unterschiede: manche sagen eher „nicht jammern, durchhalten“, andere nehmen es ernst.

Ich bin sehr empathisch und nehme viel von den Emotionen anderer auf, deswegen weiß ich nicht, ob mir Gruppen oder Stammtische wirklich guttun würden. Ich informiere mich viel selbst und habe inzwischen ein recht gutes Wissen – eher habe ich das Gefühl, ich könnte anderen inzwischen Tipps geben.

Was hätte dir am Anfang am meisten geholfen?

Ganz klar: Guidelines und Information.

Also:

  • Dass Perimenopause schon ab Mitte 30 beginnen kann.

  • Dass ein regelmäßiger Zyklus und ein „schöner Ultraschall“ nicht bedeuten, dass hormonell alles in Ordnung ist.

  • Dass man nicht erst an Hitzewallungen denken muss, bevor man auf die Idee kommt, es könnten die Hormone sein.

Ich hätte mir gewünscht, früher seriöse Infos zu finden – statt selbst alles mühsam zusammensuchen zu müssen. Und Ärzt*innen, die nicht reflexhaft sagen: „Sie sind zu jung.“

Was wünschst du dir generell – für andere Frauen in deiner Situation?

Ich wünsche mir vor allem mehr Wissen über die Perimenopause in der gynäkologischen Ausbildung. Frauen bräuchten mehr Anlaufstellen, an denen ihre Beschwerden ernst genommen werden und nicht vorschnell als psychisch abgetan werden. Statt reflexhafter „Psyche“-Abstempelung sollte zunächst gründlich abgeklärt werden, was körperlich dahintersteckt.

Außerdem plädiere ich dafür, die Hormonersatztherapie differenziert zu betrachten: nicht als Feindbild, sondern als eine von mehreren Optionen, die individuell angepasst, sorgfältig dosiert und ärztlich begleitet werden sollte.

Ich wünsche mir außerdem, dass Frauen ermutigt werden, sich nicht abwimmeln zu lassen, eine Zweitmeinung einzuholen, Fragen zu stellen und mündig zu sein. Viele trauen sich das nicht – und bleiben mit ihren Beschwerden allein.

„Man muss es nicht aushalten. Man darf Hilfe einfordern.“

Gibt es etwas, das du anderen Frauen noch mitgeben möchtest?

Ja. Wenn Frauen merken, dass sich etwas plötzlich und deutlich verändert – körperlich, psychisch oder emotional –, sollten sie das ernst nehmen. Es ist wichtig, hormonelle Ursachen abklären zu lassen, dazu gehören neben den Sexualhormonen auch Schilddrüsenwerte und andere relevante Parameter. Vor allem aber sollten sie sich nicht einreden lassen, sie seien „nur hysterisch“ oder „zu jung“ für solche Beschwerden.

Und: Hab keine Angst davor, dir Hilfe zu holen – sei es durch Hormone, Medikamente, Therapie, Lebensstiländerungen oder alles zusammen. Es ist kein Versagen, wenn du Unterstützung brauchst.